650.000 Jobs fallen laut Studie weg Großbritannien steckt in einer Entlassungswelle

Corona und Brexit-Chaos belasten die britische Wirtschaft. Das Land befindet sich laut einer Studie in der größten Arbeitsmarktkrise seit vielen Jahren. Forscher fordern ein Gegensteuern der Politik.
Kampagne von Arbeitern in Großbritannien: "SOS for jobs"

Kampagne von Arbeitern in Großbritannien: "SOS for jobs"

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Mark Thomas / i-Images / imago images/i Images

Die angekündigten Entlassungen sollen doppelt so hoch sein wie während der Rezession nach der Finanzkrise 2008/09: Der Arbeitsmarkt in Großbritannien befindet sich in einer tiefen Krise. Mindestens 650.000 Menschen dürften zwischen Juli und Dezember 2020 ihre Jobs verlieren, wie die unabhängige Forschungsorganisation Institute for Employment Studies in London  mitteilte.

Arbeitnehmervertreter der Automobil- und Luftfahrtindustrie machten ihrem Ärger über den geplanten Arbeitsplatzabbau vor wenigen Tagen vor dem Parlament Luft. Unter dem Motto "SOS für unsere Jobs" demonstrierten sie vor dem britischen Parlament für den Erhalt der beruflichen Existenzen. Sie forderten, die Arbeiter, die beim Aufbau des Landes geholfen haben, "nicht im Stich zu lassen".

Mit ihrer Untersuchung zerstört die Forschungsorganisation nun viele dieser Hoffnungen. "Leider scheint ein Großteil dieser Umstrukturierung jetzt unvermeidlich zu sein", heißt es in der Studie.

Das Institut rät der Regierung vielmehr zum Gegensteuern - etwa durch die Senkung der Beschäftigungskosten. Auch könnten Branchen und Bereiche, die längerfristig lebensfähig sind, "gezielte" Lohnzuschüsse bekommen.

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Finanzminister Rishi Sunak widersetzt sich bislang Forderungen nach einer Verlängerung des Corona-Programms zur Jobsicherung, das Ende Oktober auslaufen soll. Arbeitgeberverbände drängen ihn, die Sozialversicherungsbeiträge zu senken, um den erwarteten Anstieg der Arbeitslosigkeit abzuschwächen.

Doch selbst wenn er dem nachkäme, ist mit einer schnellen Regeneration der britischen Wirtschaft nicht zu rechnen. Die Wirtschaftsleistung brach im Frühjahrsquartal um mehr als ein Fünftel ein. Zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt sank mit 9,7 Prozent weniger als halb so stark. Und auch die Erholung dürfte hier etwas schleppender als etwa in Deutschland verlaufen.

Wirtschaftliche Erholung verlangsamt sich

So erholt sich die britische Wirtschaft zwar weiter, wie Wachstumsdaten und Produktionszahlen aus der Industrie zeigen. Die Wirtschaftsleistung (BIP) stieg laut Statistikamt ONS im August im Vergleich zum Juli um 6,6 Prozent, jedoch hat sich die Erholung verlangsamt. Verglichen mit Februar, als die Corona-Einschränkungen noch nicht in Kraft waren, liegt die Wirtschaftsleistung aber immer noch 11,7 Prozent tiefer.

Ökonomen sehen das größte Wachstumsrisiko für Großbritannien neben dem Fortgang der Corona-Pandemie in der Gefahr eines ungeordneten Ausscheidens der Insel aus dem europäischen Binnenmarkt. Ein solcher "No-Deal"-Brexit ohne neues Handelsabkommen mit der EU droht zum Jahresende, wenn die Übergangsfrist nach dem EU-Austritt Großbritanniens ausläuft.

Nicht nur kommen die Verhandlungen zwischen den Briten und der EU seit Monaten kaum voran . Jüngst hat die britische Regierung mit einem neuen Gesetz, das Teile der Austrittsvereinbarung mit der EU missachtet, die Fronten verhärtet.

Experte: "Großbritannien droht die Kontrolle über das Virus zu verlieren"

Hinzu kommt: Angesichts stark steigender Corona-Infektionszahlen in Großbritannien schlug kürzlich ein führender britischer Gesundheitsexperte Alarm. "Man muss sagen, wir fangen an, die Kontrolle über das Virus zu verlieren", sagte der Chef des staatlichen Forschungs- und Innovationsinstituts UKRI, Mark Walport, am Wochenende dem Sender BBC. Am Freitag hatte es in Großbritannien mehr als 3500 bestätigte Neuinfektionen gegeben - so viele wie zuletzt Mitte Mai.

Die Empfehlung steht im Widerspruch zur jüngsten Forderung von Premierminister Boris Johnson, wonach die Briten in ihre Büros zurückkehren sollten, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Der ehemalige Regierungsberater Walport riet dagegen, wenn möglich weiter zu Hause zu arbeiten.

Die britische Regierung hat in dieser Woche wieder strengere Maßnahmen beschlossen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen: So dürfen sich in England ab Montag nur noch maximal sechs Leuten treffen. In regionalen Corona-Hotspots wie der Stadt Birmingham gelten noch strengere Regeln.

apr/Reuters/dpa
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