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22. Januar 2016, 16:09 Uhr

Drohender Brexit

Das Pfund stürzt schon mal ab

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Seit Monaten verliert das britische Pfund an Wert, Experten sagen einen längeren Sinkflug voraus. Wird die Inselwährung zum Opfer des drohenden Brexit? Der britischen Wirtschaft könnte das sogar nützen.

Mark Carney ist Kanadier, doch das höfliche Drumherumreden der Briten beherrscht der Chef der Bank of England (BoE) schon hervorragend: "Natürlich stellen wir eine erhöhte Aufmerksamkeit für bevorstehende politische Ereignisse fest, von denen manche noch kein spezifisches Datum haben", sagte der Zentralbankchef kürzlich über die Aussichten der britischen Wirtschaft im Jahr 2016.

"Erhöhte Aufmerksamkeit" ist gut. Die ganze Welt wird zusehen, wenn die Briten über ihren Austritt aus der EU abstimmen.

Noch steht kein Zeitpunkt für die Abstimmung fest. Erst will Premier David Cameron auf dem EU-Gipfel im Februar testen, zu welchen Zugeständnissen die europäischen Staaten bereit sind und mit diesen dann wahrscheinlich für ein Nein werben. Im Frühsommer schon könnten die Briten über ihre Zukunft im Staatenverbund abstimmen.

Die Unsicherheit hinterlässt offenbar Spuren: Das britische Pfund hat gegenüber dem Euro seit Ende November fast zehn Prozent an Wert verloren, aktuell notiert es bei gut 1,30 Euro.

Das Pfund dürfte noch weiter schwächeln

Doch just Ende November übernahmen die Befürworter des Brexit erstmals die Führung in einer wichtigen Umfrage, der weltgrößte Anleihenhändler Pimco stufte ihn als "signifikantes Risiko" ein. Großbritannien verlässt die EU - für die Finanzmärkte wurde diese Vision plötzlich real.

"Die Unsicherheit drückt auf die Märkte", sagt Oliver Harvey, Währungsexperte bei der Deutschen Bank in London. Zwar führen zwischendurch auch wieder die EU-Freunde in den Umfragen, doch schwer zu kalkulierende Ereignisse machen Investoren generell vorsichtiger. "In den Wochen vor der Wahl wird der Effekt wachsen."

Harvey glaubt an eine anhaltende Pfundschwäche, in zwei Jahren sieht er die britische Währung bei 1,17 Euro - selbst wenn Großbritannien in der EU bleibt. Bei einem Austritt würden alle Prognosen obsolet. Zwei Jahre lang würde das Land wohl über die künftigen Beziehungen zur EU verhandeln, mit völlig unklarem Ausgang.

Fraglich wäre dann etwa, ob Großbritannien wie Norwegen und die Schweiz Mitglied der Freihandelszone Efta bleibt. Oder ob die Briten weitgehend brechen mit der EU, ihrem größten Handelspartner?

Vor dem zweiten Szenario warnen britische Unternehmenslenker wie Michael Rake oder Ben van Beurden, die Chefs von British Telecom und Shell, derzeit immer lauter. Manches Finanzunternehmen droht gar, die Londoner City gen Frankfurt oder Zürich zu verlassen, falls das Vereinigte Königreich die EU verlässt.

"Man kann die Warnungen nicht mehr ernstnehmen"

Andere Experten halten das für Hysterie: "Es muss wohl Murmeltiertag sein. In der Diskussion über einen Euro-Beitritt hörte man die gleichen Argumente", sagt Iain Begg, Europa-Experte an der London School of Economics (LSE). "Es wurde so oft 'Wolf' gerufen, dass man die Warnungen nicht mehr ernstnehmen kann."

Begg sieht diverse Faktoren, die den Sinkflug des Pfundes erklären können. Dass Großbritannien weniger in die EU exportiert als von dort importiert etwa oder Mark Carneys überraschende Ankündigung, die Zinsen in diesem Jahr konstant niedrig zu lassen. "Aktuell ist ein Brexit noch eine hypothetische Option."

Dass müsse nicht so bleiben, sagt Begg. Sollte sich in den Umfragen ein Brexit abzeichnen, könnten die Finanzmärkte gegen das Pfund wetten und seinen Absturz herbeiführen.

LSE-Experte Begg sieht Abwertung positiv

Einen historischen Präzedenzfall gäbe es: Der "Schwarze Mittwoch" im September 1992, als Währungsspekulanten, allen voran Hedgefonds-Manager George Soros, das Pfund aus dem Eurozonen-Vorgänger EWS beförderten. Binnen Wochen verlor die britische Währung gegenüber der Deutschen Mark 15 Prozent an Wert.

Einen kontrollierten Wertverlust hält LSE-Ökonom Begg sogar für wünschenswert: Die Inflation von 0,2 Prozent besorgt die BoE seit Langem, eine schwächere Währung könnte die Preissteigerung den angestrebten zwei Prozent näherbringen, weil die Preise für Importgüter steigen.

Außerdem sei das britische Wachstum in Großbritannien sehr ungleich über die Wirtschaftsbereiche verteilt, sagt Begg. Ausländische Investitionen, etwa in den Londoner Immobilienmarkt, trieben dort die Preise in gefährliche Höhen, die Exportindustrie litt dagegen unter einem Pfundkurs oberhalb von 1,40 Euro. Eine Abwertung helfe den Exporteuren und verteile das Wachstum auf mehr Sektoren.

Manche können dem Brexit offenbar ganz ruhig entgegensehen.

Zusammengefasst: Das britische Pfund verliert an Wert, seit ein Austritt Großbritanniens aus der EU realistischer wird. Experten erwarten eine weitere Abwertung gegenüber dem Euro. Ein schwaches Pfund könnte der britischen Wirtschaft aber sogar helfen, wenn es britische Exporte anheizt und eine Deflation verhindert.

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