Leere Regale in Großbritannien Branchenverbände sehen Versorgung mit Lebensmitteln »auf Messers Schneide«

Die Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln in Großbritannien spitzen sich zu. Mehrere Verbände haben Premier Johnson nun Forderungen geschickt. Die Einzelhandelskette Tesco warnt vor Hamsterkäufen zu Weihnachten.
Regale in einem Londoner Supermarkt am Montag: Lkw-Fahrer fehlen

Regale in einem Londoner Supermarkt am Montag: Lkw-Fahrer fehlen

Foto: Frank Augstein / AP

Die Versorgung mit Lebensmitteln ist in Großbritannien seit dem Brexit nicht mehr überall in gewohnter Auswahl und Qualität sichergestellt. Angesichts der Engpässe und der angespannten Versorgungslage haben nun sogar mehrere britische Lebensmittelfirmen und Verbände Alarm geschlagen.

Die Lebensmittelversorgung des Landes stehe »auf Messers Schneide«, schrieb die Chefin des Bauernverbandes National Farmers' Union, Minette Batters, in einen Brief  an den Premierminister, der von den Branchenorganisationen unterzeichnet wurde. Man brauche Notfallvisa, um ausländische Arbeitskräfte rekrutieren zu dürfen. »Ohne das werden wir mehr leere Regale haben, und Verbraucher werden Panikkäufe tätigen, um durch den Winter zu kommen«, forderte Batters.

Regierung sieht keinen Anlass für Panikkäufe

Wie die Verbände hat laut »Guardian « auch die Einzelhandelskette Tesco die Regierung eindrücklich vor drohenden Hamsterkäufen in der Weihnachtszeit gewarnt. Die Supermarktkette hatte demnach die Regierung vergangene Woche darüber informiert. Der Tesco-Manager Andrew Woolfenden soll in dem Gespräch gesagt haben: »Wir befürchten, dass sich das Bild der leeren Regale bis Weihnachten noch verzehnfachen wird und es dann zu Panikkäufen kommt.« Hunderte Lkw-Fahrer würden allein seinem Unternehmen trotz der Aussicht auf eine zusätzliche Prämie fehlen.

Die britische Regierung sieht die Gefahr von Hamsterkäufen eigenen Angaben zufolge nicht. Für Panikkäufe gebe es keinen Anlass, sagte der für Kleinunternehmen zuständige Wirtschaftsstaatssekretär Paul Scully dem Sender Times Radio. Die derzeitige Situation sei nicht mit den Siebzigerjahren vergleichbar, fügte er in Anspielung auf den sogenannten Winter der Unzufriedenheit von 1978/79 hinzu. Eine hohe Inflation und Streiks sorgten damals für wirtschaftliches Chaos in Großbritannien.

CO₂ für die Verpackung von Fleisch oder Backwaren fehlt

In den vergangenen Monaten waren in Großbritannien immer wieder Engpässe bei verschiedenen Produkten aufgetreten, sodass vielerorts Regale leer blieben . Das liegt vor allem an einem starken Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft und bei Lastwagenfahrern, der sich durch Brexit und Pandemie verschärft hat.

Seit Kurzem belastet zusätzlich ein Mangel an CO₂ die Versorgung. Das Gas wird dazu benötigt, Verpackung vakuumsicher zu versiegeln. Vor allem die Produktion von Hühner- und Schweinefleisch sowie von Backwaren sei betroffen, hatte Ian Wright, Chef des Lebensmittel- und Getränkeherstellerverbands FDF, zu Wochenbeginn dem Sender BBC gesagt. Es handle sich um eine echte Krise, sagte Wright. Die Lieferketten zur Versorgung von Supermärkten und Gastronomie stünden so stark unter Druck wie seit 40 Jahren nicht mehr.

CO₂ fällt bei der Düngemittelproduktion an. Düngemittelhersteller wurden aber zuletzt von den enorm gestiegenen Energiepreisen getroffen. Vor allem Erdgas ist deutlich teurer geworden. Der wichtige Hersteller CF Industries legte deshalb vorerst zwei Fabriken in Großbritannien still. Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng kündigte an, er verhandle mit dem US-Unternehmen über vorübergehende finanzielle Hilfen.

Nicht nur für den Bereich der Lebensmittel ist das ein Problem: Kwarteng räumte ein, dass vor allem ärmeren Familien ein harter Winter bevorstehe. Der Anstieg der Gaspreise fällt mit einer Kürzung der Sozialversicherungsleistung zusammen, die die Regierung wegen der Coronapandemie erhöht hatte. Kwarteng und die Aufsichtsbehörde Ofgem kündigten an, die Preisobergrenze für Energiekosten solle anders als geplant vorerst nicht erhöht werden.

apr/dpa/Reuters
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