Start für staatliches Textilsiegel Was taugt der Grüne Knopf?

Nachhaltige Kleidung ist gefragt - doch wie erkennen Verbraucher, welche Mode wirklich grün und fair ist? Ein staatliches Siegel soll nun Abhilfe schaffen. Ganz einfach ist das aber nicht.

Nachhaltige Mode: Der Staat will bei der Auswahl helfen
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Nachhaltige Mode: Der Staat will bei der Auswahl helfen


An diesem Montag startet der "Grüne Knopf": Mit dem staatlichen Textilsiegel will Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) nachhaltige Kleidung und Textilien auszeichnen. Und Klarheit schaffen: Denn zwar geben viele Verbraucher in Umfragen an, dass sie gern mehr grüne Mode kaufen wollen. Aber die Verwirrung ist groß, was die vielen Öko- und Sozialstandards auf dem Markt bedeuten.

Das soll der Grüne Knopf ändern - doch was taugt er wirklich? Wie erkennt man Kleidung, die damit ausgezeichnet ist? Und welche Firmen machen mit? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Der Grüne Knopf - was ist das genau?

Der Grüne Knopf (hier geht es zur offiziellen Webseite) ist das erste staatliche Siegel für Textilien, die nach bestimmten ökologischen und sozialen Standards produziert wurden. Es befindet sich direkt am Produkt: eingenäht, eingedruckt oder drangehängt. Jede Art von Textilien können den Grünen Knopf erhalten: Von Kleidung über Taschen, Gardinen, Bettwäsche bis zu Brillenbändern oder Stoffwindeln.

Der Grüne Knopf wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) herausgegeben. Und unabhängig geprüft: Der TÜV kontrolliert, ob die Firmen die vorgegebenen Kriterien einhalten. Gleichzeitig überwacht die staatliche Deutsche Akkreditierungsstelle die Prüfer und Prüfprozesse.

Was taugt der Grüne Knopf?

Der Grüne Knopf testet sowohl die Produkte als auch die Unternehmen. Für Erstere gelten zwei Dutzend ökologische und soziale Kriterien, die allerdings nur bei zwei Produktionsschritten der Kleidungsherstellung angewendet werden: beim Färben und Bleichen sowie beim Zuschneiden und Nähen. Die Hersteller müssen anhand von vorhandenen Siegeln wie GOTS (Global Organic Textile Standard) oder Fairwear Foundation nachweisen, dass sie die Kriterien einhalten. Das Problem hier: Manche der akzeptierten Siegel - etwa Made in Green von OekoTex - sind nach Einschätzung der Christlichen Initiative Romero etwa bei Arbeitsrechten relativ schwach. Was Made in Green allerdings dementiert - und darauf verweist, dass man bei Arbeitsrechten ähnlich streng sei wie die FairWear Foundation.

Die Unternehmensprüfung bietet dagegen den eigentlichen Mehrwert des Grünen Knopfs gegenüber anderen Siegeln: Dafür müssen Firmen die menschenrechtlichen Risiken in ihrer Lieferkette kennen, darüber berichten - und sie ausräumen.

Was sind die ökologische Anforderungen an die Produkte?

Wenn ein T-Shirt gefärbt, gewaschen und bedruckt wird, dürfen weder gefährliche Chemikalien noch Weichmacher zum Einsatz kommen. Tenside müssen biologisch abbaubar sein, das Abwasser muss bestimmte Grenzwerte einhalten, der CO2-Ausstoß sinken. Für diese Zertifizierung verlässt sich der Grüne Knopf auf anspruchsvolle Siegel wie GOTS oder IVN Best.

Allerdings: Anders als GOTS oder IVN Best reicht der Grüne Knopf nicht bis zum Baumwollfeld, also den Anfang der Lieferkette. Er lässt jede Faser zu. Das heißt: Pestizide auf den Baumwollfeldern, chemiebelastete Viskose oder neues Polyester sind nicht ausgeschlossen. Da sind GOTS oder IVN Best deutlich strenger.

Was fordert der Grüne Knopf bei den Arbeitsbedingungen?

Auch die Kriterien bei den Arbeitsbedingungen beziehen sich nur auf die Fabriken, nicht auf die Felder. In den Färbereien und Nähereien verbieten sie etwa Kinder- und Zwangsarbeit, fordern schriftliche Verträge, Vereinigungsfreiheit und Arbeitssicherheit, verbieten Diskriminierung und Missbrauch. Und schreiben Mindestlöhne vor - die aber meist nicht zum Leben reichen.

Ein weiterer Schwachpunkt: Wer in Europa produziert, muss letztlich nicht nachweisen, dass er die Sozialstandards einhält. Obwohl diverse Studien belegen, dass viele rumänische oder bulgarische Textilfabriken gegen Arbeitsrechte verstoßen. Auch da sind Siegel wie Fairwear weiter, die mehr als Mindestlöhne vorschreiben und die Arbeitsrechte umfassend kontrollieren - in jeder Fabrik.

Wird der Grüne Knopf weiterentwickelt?

Tatsächlich sollen die Standards ausgeweitet werden - auf Spinnerei, Weberei und später auch die Faserproduktion, also etwa die Baumwollfelder. Und irgendwann soll der Grüne Knopf auch Recycling vorschreiben, also einen geschlossenen Textilkreislauf. Aber das ist erst mal Zukunftsmusik.

Warum braucht es überhaupt noch ein weiteres Siegel?

Ein staatliches Siegel soll Vertrauen schaffen - und hoffentlich mehr Orientierung bringen im bisher schwer durchschaubaren Siegel-Dickicht. Denn momentan gibt es unzählige NGO- und Unternehmenssiegel, die vor allem eins bringen: Verwirrung. Was die einzelnen Siegel mit ihren unterschiedlichen Kriterien bedeuten, ist nicht mehr zu überblicken. Der Grüne Knopf soll - ähnlich der EU-Blume für ökologische Lebensmittel - bei den Verbrauchern bekannt werden und so die Konsumentscheidung für nachhaltige Textilien erleichtern.

Warum ist der Grüne Knopf freiwillig - und kein Gesetz?

Das eine muss das andere nicht ausschließen, argumentiert das BMZ. Mit dem Grünen Knopf als freiwilliger Selbstverpflichtung soll die Textilindustrie nachhaltiger werden, parallel sind bereits Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz durchgesickert. Das plant die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag Mitte nächsten Jahres durchzusetzen, wenn die deutsche Wirtschaft den Uno-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte nicht entspricht. Einziger Haken: Die Anforderungen werden wohl hinter dem Grünen Knopf zurückbleiben.

Wo und wann finde ich Produkte mit dem Grünen Knopf?

Textilien mit dem Grünen Knopf sind ab sofort im stationären und Onlinehandel erhältlich. Zum Start des Grünen Knopfs machen 27 Textilfirmen mit, weitere befinden sich im Prüfprozess. Beim Start dabei sind Aldi, Lidl, Kaufland, Rewe, Tchibo, die Outdoor-Marke Vaude, Trigema, der Hotelwäschehersteller Dibella, Hess Natur sowie kleine Öko-Mode-Hardliner wie Melawear und 3Freunde.

Was halten Verbraucher- und Umweltorganisationen von dem Siegel?

Die Reaktionen sind gemischt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) etwa bewertet das Siegel als "glaubwürdiges Metasiegel mit dem Potenzial (…), Verbrauchern eine gute Orientierung im Textilmarkt zu geben", fordert aber eine schnelle Ausweitung auf die gesamte Lieferkette bis zum Baumwollanbau. Die menschenrechtliche Unternehmensprüfung sei zwar eine "vielversprechende Innovation", dennoch garantiere eine bestandene Unternehmensprüfung nicht den Ausschluss von Menschenrechtsverletzungen vor Ort. Und vor allem: "Um Katastrophen wie die von Rana Plaza zu verhindern, reicht ein freiwilliges Label wie der Grüne Knopf aber nicht aus. Ein Lieferkettengesetz, das alle Unternehmen bindet, hätte mehr Durchschlagskraft," sagt Klaus Müller, Vorstand des vzbv.

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace fordert: "Soll der 'Grüne Knopf' nach ökologischen Kriterien kein Etikettenschwindel sein, muss er von Anfang an die gesamte Herstellungskette vom Acker über die Fabrik bis zum Kleiderständer berücksichtigen. Andere Siegel gehen da schon weiter", sagt Chemie-Expertin Viola Wohlgemuth.

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insgesamt 4 Beiträge
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ronald1952 09.09.2019
1. Von einer Augenwischerei
zur nächsten Augenwischerei, da könnte man glatt anfangen zu Heulen und zwar darüber wie sehr immer wieder die Kunden über den Tische gezogen werden. Sei es wir hier mit Kleidung, oder im Nahrungsmittelsektor ist es ja noch schlimmer. Anstatt einfach eine klare Linie hinein zu bringen wird nach wir vor zu Gunsten der Industrie verschleiert was das Zeug hält! Wie lange ist schon das Thema Kinderarbeit in Sachen Bekleidung in den Medien? 10 Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre, weis wohl keiner mehr so richtig ebenso die unglaublichen Bedingungen die dort in den Fabriken der Hersteller herrschen. Dabei für uns schein nur eines wirklich zu zählen, Billig muss es sein der Rest Interessiert doch niemanden,Leider! schönen Tag noch,
stolte-privat 09.09.2019
2. guter Gedanke...
...schlecht ausgeführt. Freiwilligkeit funktioniert NICHT wenn es um Profite geht. Rendite ist wichtiger als die Lebensumstände von Menschen in fernen Ländern, die der Kunde meist nicht mal kennt. Kleinen Modelabels, die von Menschen mit Idealen geführt werden, traue ich noch Ehrlichkeit und Fairness im Umgang mit den Herstellerländern zu, großen Global Playern nicht. Ist die gesamte Herstellungskette eigentlich in irgendeiner Weise nachvollziehbar und transparent? Ich sehe das ganze skeptisch und finde es schade, das aus dem Unglück in Bangladesch vor ziemlich genau 6 Jahren keine Lehren gezogen wurden. Meiner Meinung nach ist der "grüne Knopf" nur ein weiteres Marketinginstrument und wahrscheinlich genauso sinnentleert wie damals der "grüne Punkt". Eine weitere Droge, die das Käufergewissen beruhigt und für guten Schlaf sorgt... Sollten wir wirklich alle weiterschlafen, wenn es um Menschenleben geht??????????
lsos 09.09.2019
3. Grüner Knopf ist staatliche Einladung zum Greenwashing!
Das Siegel ist eine gute Idee mit sehr schlechter Umsetzung. Das konventionelle Baumwollfasern bei einem staatlichen Nachhaltigkeitssiegel erlaubt sind, ist absurd. Die enormen Pestizidmengen (bis zu 25% der weltweiten Pestizidproduktion landet auf Baumwollfeldern) verursachen schwere Gesundheitsschäden und vielfach auch Todesfolgen bei Feldarbeitern und Anwohnern und degradieren die immer knapper werdenden fruchtbaren Böden. Auch Teflon-basierte Membranjacken (Gore-Tex) sowie hormonell wirksame Imprägnierungen (PFCs) erlaubt der Grüne Knopf. Funktionsjacken, die eigentlich als Sondermüll entsorgt werden müssten mit staatlichem Ökostempel. Dieses Siegel hätte vor Schließung dieser gravierenden Lücken niemals veröffentlicht werden dürfen, da es Verbrauchern das Erkennen von nachhaltigeren Produkten nicht erleichtert, sondern deutlich erschwert. Mehr dazu hier: https://getchanged.blog/2019/08/04/stoppt-den-grunen-knopf-warum-das-staatliche-siegel-eine-einladung-zum-greenwashing-ist/
dasfred 09.09.2019
4. Was nützt ein Ökosiegel auf Schrankleichen
Am wenigsten Schäden richten Klamotten an, die gar nicht erst hergestellt werden. Geschätzt ein Drittel aller Kleidungsstücke in Deutschland werden fast nie getragen, bevor sie im Müll landen. Einen Jeans ohne Siegel, die mehrere hundert mal getragen wird, ist immernoch ökologischer, als jeder Fummel, der gekauft wird, weil man gerade Bock auf Shopping hat, auch wenn man das Teil nicht braucht. Zum bewussten Einkauf gehört auch das Bewusstsein für den tatsächlichen Bedarf. Selbst Recycling Mode ist nur sinnvoll, wenn sie nicht zusätzlich, sondern statt Neuware gekauft wird. Deutschland ist Weltmeister im Klamottenkauf. Da gibt es viel mehr Verbesserungsbedarf durch Aufklärung. Qualität und lange Tragbarkeit spielt heute nur bei wenigen Älteren noch eine Rolle.
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