Langzeitstudie zum Grundeinkommen Das 1200-Euro-Experiment

Wie verändert sich das Leben, wenn man pro Monat 1200 Euro geschenkt bekommt? Eine Studie soll Aufschluss geben. DIW-Forscher Jürgen Schupp erklärt, wie man sich als Teilnehmer bewerben kann - und welches Ergebnis er erwartet.
Ein Interview von Florian Diekmann
Hamburger Jungfernstieg: Bringt ein Grundeinkommen ein Mehr an Sicherheit, Gelassenheit und Zeit - für sich und für andere?

Hamburger Jungfernstieg: Bringt ein Grundeinkommen ein Mehr an Sicherheit, Gelassenheit und Zeit - für sich und für andere?

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Ulrich Perrey/ dpa

Geld vom Staat für alle - einfach so. Diese Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens sorgt für eine leidenschaftlich geführte Debatte. Eine Ursache für die Schärfe des Streits ist, dass eine gemeinsame Grundlage fehlt - nämlich von beiden Seiten anerkannte Fakten und Erkenntnisse über Voraussetzungen und Wirkungen eines Grundeinkommens. Ob bei Kosten und Finanzierung, der Integration in den bestehenden Sozialstaat oder den Folgen für die Arbeitswelt.

Zumindest für einen Teilbereich soll sich das nun ändern: So kündigen es die Initiatoren der ersten deutschen Langzeitstudie  an, für die an diesem Dienstag der Startschuss fällt. 120 Menschen sollen dafür drei Jahre lang jeden Monat 1200 Euro bekommen - und werden dabei ebenso intensiv befragt und vermessen wie eine Vergleichsgruppe von 1380 Menschen, die keine Geldzahlungen erhalten.

So sollen fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sich das Verhalten und die Einstellung von Menschen ändert, wenn sie ohne Bedingungen regelmäßig Geld erhalten: Werden sie faul - oder kreativ? Verkürzen sie die Arbeitszeit oder geben den Job ganz auf? Nutzen sie das Mehr an Zeit und Geld nur für sich - oder engagieren sie sich zum gesellschaftlichen Nutzen? Eine Million Bewerber für die Teilnahme wollen die Macher der Studie bis zum November finden.

Das Team hinter diesem "Pilotprojekt Grundeinkommen" ist relativ ungewöhnlich zusammengesetzt: Angestoßen wurde es vom Verein "Mein Grundeinkommen", der bereits seit sechs Jahren durch private Spender finanzierte Ein-Jahres-Zahlungen von 1000 Euro im Monat verlost - also von eindeutigen Verfechtern eines Grundeinkommens. Auch diesmal organisiert der Verein die Finanzierung der Grundeinkommen und hat dafür nach eigenen Angaben bereits 140.000 private Spender gewonnen. An Bord holten die Aktivisten aber auch renommierte Wissenschaftler: Verhaltensökonomen, Psychologen, Gemeinwohlforscher.

Der wichtigste Partner aus der Wissenschaft ist dabei das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Führend beteiligt ist DIW-Forscher Jürgen Schupp, der die Lebenssituation und die Einstellungen der Deutschen so gut kennt wie kaum ein anderer: Seit 1984 - und damit quasi von Beginn an - arbeitet der 64-Jährige für das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), jahrelang war er dessen Leiter. Das SOEP gilt als extrem aussagekräftig, jedes Jahr werden 30.000 Menschen dafür befragt - wenn möglich, immer dieselben. Das nun gestartete Projekt will Schupp trotz der Kooperation mit Aktivisten in diesem Kontext verstanden wissen: "Die Studie ist keine Auftragsforschung", sagt er.

Zur Person
Foto: Benjamin Gross

Jürgen Schupp ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und Senior Research Fellow beim Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), das am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) angesiedelt ist. Er war von 2011 bis 2017 Leiter des SOEP, das eine der größten und am längsten laufenden Haushaltsbefragungen weltweit ist. Derzeit werden dafür jährlich etwa 30.000 Menschen befragt. Schupp begleitet die Studie "Pilotprojekt Grundeinkommen" seit der Konzeptionsphase und auch in den kommenden Jahren wissenschaftlich sowie methodisch.

SPIEGEL: Herr Schupp, Sie wollen Ihren Studienteilnehmern drei Jahre lang jeden Monat 1200 Euro auszahlen, einfach so. Bedarf es wirklich eines wissenschaftlichen Beweises, dass Menschen so ein Geldgeschenk ziemlich angenehm finden?

Schupp: Wenn das unsere Fragestellung wäre, sicher nicht. Dass mehr Geld das Wohlbefinden steigert, hat die Glücksforschung längst bewiesen. Wir wollen aber viel mehr herausfinden: In welchem Maß wirkt so ein verlässlicher, bedingungsloser Geldzufluss auf die Einstellung und das Verhalten von Menschen - in relevanten Lebensbereichen? Wie verändern sich zum Beispiel Berufsleben, Tagesstruktur, Engagement, Ernährung oder Beziehungen? Und wie unterscheidet sich das wiederum je nach Alter, Wohngegend, sonstigem Verdienst und so weiter? Das sind eine Menge spannender und bislang unbeantworteter Fragen.

SPIEGEL: Aber dazu gab es doch bereits einige Experimente. Etwa das kürzlich beendete staatliche Projekt in Finnland oder hier in Deutschland durch den Verein "Mein Grundeinkommen", der nun auch diese Studie initiiert hat.

Schupp: Ja, und es gab da jeweils auch wertvolle Erkenntnisse. Neu an unserer Studie ist allerdings die Qualität der wissenschaftlichen Methode: Sie ist so angelegt, dass wir diese Veränderungen im Verhalten und der Einstellung der Menschen eindeutig und ausschließlich auf die Geldzahlung zurückführen können - und nicht auf irgendwelche anderen Faktoren.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das erreichen?

Schupp: Wir wenden die Königsdisziplin der empirischen Sozialforschung an, die Randomisierung. Wir bilden zwei Gruppen: Eine erhält das Grundeinkommen, die andere nicht. Der springende Punkt ist, dass wir Menschen mit möglichst gleichen Eigenschaften und Lebenssituationen einerseits bei den Beziehern und andererseits in der Vergleichsgruppe haben - sogenannte statistische Zwillinge. Im besten Fall sind also die Menschen gleich und unterscheiden sich ausschließlich durch das Grundeinkommen. Gemessene Veränderungen haben dann eindeutig die Geldzahlung als Ursache.

SPIEGEL: Und wie finden Sie solche statistischen Zwillinge?

Schupp: Durch ein aufwendiges Auswahlverfahren. Wir haben das Ziel von einer Million Bewerbern bis November . Aus dieser großen Grundgesamtheit werden per Zufall 20.000 Menschen ausgewählt, die umfangreich zu ihrer Lebenssituation befragt werden. Anhand dieser Daten können wir 1500 Teilnehmer auswählen: 120 erhalten das Grundeinkommen, 1380 weitere erhalten es nicht und bilden die Vergleichsgruppe. Wir sind die Ersten, die das Grundeinkommen auf diese Weise und in dieser Höhe untersuchen. Übrigens ist es wichtig, dass auch Menschen in der Stichprobe sind, die dem Grundeinkommen eher ablehnend gegenüberstehen, um die Ergebnisse nicht von vorneherein zu verzerren.

SPIEGEL: Ein Grundeinkommen würde sich allerdings nicht nur im Geldbeutel einzelner Menschen bemerkbar machen, sondern hätte Auswirkungen auf Verbraucherpreise, Löhne, die Produktion, den Konsum und wahrscheinlich auch das Steuersystem - also das ökonomische Umfeld der Empfänger.

Schupp: Das ist richtig. Wir können keine Grundeinkommenswelt simulieren, dazu müsste man es einführen. Es ist wichtig, die Grenzen unserer Studie deutlich zu machen: Über diese volkswirtschaftlichen Folgen werden wir nichts herausfinden, auch nicht über mögliche Machtverschiebungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die Höhe der Nettokosten oder Auswirkungen auf das Migrationsgeschehen. Das gilt auch für mögliche weitere Stufen des Experiments - wir planen Varianten, in denen die Einkommen der Bezieher lediglich auf 1200 Euro aufgestockt oder das Grundeinkommen mit simulierten Steuern verrechnet wird. Unser Untersuchungsgegenstand ist eng umrissen: die Veränderungen in Einstellungen und Verhalten von Menschen, die für drei Jahre bedingungslose Geldzahlungen erhalten.

SPIEGEL: Welchen Wert haben diese Erkenntnisse?

Schupp: Die Debatte über das Grundeinkommen gleicht bislang in guten Momenten einem philosophischen Salon, in schlechten Momenten einem Glaubenskrieg. Sie ist - auf beiden Seiten - geprägt von Klischees: Gegner behaupten, mit einem Grundeinkommen würden die Menschen aufhören zu arbeiten, um sich stumpf mit Fast Food und Streamingdiensten auf die Couch zu legen. Befürworter argumentieren, die Menschen würden weiterhin erfüllender Arbeit nachgehen, kreativer und gemeinnütziger werden und die Demokratie retten. Diese Stereotype fließen übrigens auch als Annahmen in ökonomische Simulationen über vermeintliche Kosten und Nutzen eines Grundeinkommens ein. Die können wir verbessern, wenn wir diese Stereotype durch empirisch gesicherte Erkenntnisse ersetzen und deshalb auch eine sachgerechtere Debatte führen können.

SPIEGEL: Auf welche Ergebnisse sind Sie besonders gespannt?

Schupp: Wir untersuchen ja vieles, die Wirkung auf die Gesundheit oder den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie. Mich persönlich interessiert da vor allem der Arbeitsmarkt: Wagen wirklich mehr Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit? Wie wirkt die neue Freiheit, auch einmal Nein sagen zu können - vor allem bei denen, die ihren Job nicht deshalb machen, weil er sie mit Sinn erfüllt, sondern weil sie schlicht das Geld brauchen? Wie verändern sich die Zeitbudgets der Menschen - verzichten sie vielleicht auf die ein oder andere Überstunde, gehen sie in Teilzeit? Und was machen sie dann mit der freien Zeit? Wenn sie nur allein vor dem Fernseher sitzen, hätten wir tatsächlich nichts gewonnen.

SPIEGEL: Als langjähriger Sozialforscher haben Sie doch bestimmt schon Vermutungen.

Schupp: Im Sozio-oekonomischen Panel fragen wir die Menschen, was sie machen würden, wenn sie "unerwartet 10.000 Euro" bekämen. Rund die Hälfte antwortet, dass sie nichts ändern und das Geld gar nicht anfassen, sondern in ihre Rücklage stecken würden. Es würde mich nicht wundern, wenn ein ähnlich hoher Anteil unserer Grundeinkommensbezieher es so halten wird. In anderen Vorstudien haben rund zehn Prozent der Befragten angegeben, sie würden ihren Job aufgeben. Meine Vermutung wäre, dass das tatsächlich einige tun würden, die ausschließlich wegen des Geldes arbeiten.

SPIEGEL: Die Initiatoren der Studie sind eindeutige Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens, einige der beteiligten Wissenschaftler sympathisieren zumindest mit der Idee. Wie stehen Sie eigentlich persönlich dazu?

Schupp: Ich bin kein flammender Befürworter, der sich zu hundert Prozent dem Grundeinkommen verschrieben hat. Dafür schätze ich unser bestehendes System sozialer Sicherung in Deutschland zu sehr, das auch im Vergleich zu anderen reichen Industriestaaten ein hohes Niveau erreicht. Und ich halte einen Grundsatz bei politischen Reformen für wichtig: Man sollte sie nur dann durchführen, wenn ihre positive Wirkung belegt ist - wenn die Situation danach also der bisherigen im Saldo von Vor- und Nachteilen deutlich überlegen wäre. Dennoch halte ich grundlegende Reformen unserer sozialen Sicherung absehbar für unausweichlich, und die Politik sollte sich jetzt schon weit intensiver damit befassen.

SPIEGEL: Warum?

Schupp: Weil das bisherige System der Beitragsfinanzierung - also durch die Belastung des Faktors Arbeit - wegen zwei Megatrends an seine Grenzen kommen wird: die Demografie und die Digitalisierung. Wenn die Babyboomer den Ruhestand antreten - also spätestens 2030 - kippt das Verhältnis zwischen Einzahlern und Leistungsempfängern bei Rente, Gesundheit und Pflege ins Untragbare. Bereits jetzt sind die Steuerzuschüsse in diese Systeme ja erheblich. Dazu kommt die Digitalisierung, die unsere Arbeitswelt umwälzen wird…

SPIEGEL: …aber allen seriösen Studien zufolge unter dem Strich nicht zu weniger Erwerbsarbeit führen wird - was ein wichtiges Argument für das Grundeinkommen widerlegt, wonach bald ohnehin nicht mehr genug Arbeit für alle da sein wird.

Schupp: Das mag sein, aber welche Art von Jobs werden das sein - sozialversicherungspflichtige? Oder werden wir in der Plattformökonomie viele Formen von Selbstständigkeit bekommen, bei denen die Erwerbstätigen eben nicht in jenes Netz sozialer Sicherung eingebunden sind, das bislang so tragfähig war. Wenn diese Menschen nach ein paar Jahren vielleicht ihre Beschäftigung verlieren, müssen auch sie aufgefangen werden. Es gibt gute Argumente, unser Sozialsystem umzustellen - weg von der Belastung von Arbeit hin zu einer Finanzierung aus Steuern. Das wird ohnehin lange dauern, schließlich bleiben die angesammelten Rentenansprüche erhalten. Umso wichtiger, bereits jetzt damit anzufangen und nicht erst, wenn die Finanznot schon riesig ist. Ein Anfang könnte eine Enquetekommission des Bundestags sein.

SPIEGEL: Es gibt ja bereits ein steuerfinanziertes Auffangnetz: Hartz IV und die Grundsicherung im Alter. Seitdem das Verfassungsgericht die Sanktionen deutlich beschränkt hat, ist es - mit Abschlägen - auch quasi bedingungslos. Wo ist der Unterschied zum Grundeinkommen?

Schupp: Es gibt einige Unterschiede, allein schon die Haltung gegenüber den Empfängern. Aber lassen Sie mich einen Aspekt hervorheben, der oft unbeachtet bleibt: Das Grundeinkommen würde allen ausbezahlt werden - die jetzige Grundsicherung müssen Sie beantragen. Das machen unglaublich viele aber nicht, aus Scham oder aus Unwissenheit. Aus unseren Daten des Sozio-oekonomischen Panels wissen wir, dass nur die Hälfte der Senioren, die Anspruch auf die Grundsicherung haben, sie auch bezieht. Bei Hartz IV ist der Anteil ebenfalls hoch. Das mag vielleicht einen Finanzminister freuen. Wir als Gesellschaft dürfen es aber nicht hinnehmen, dass so viele Menschen unter dem Existenzminimum leben - obwohl sie ein Recht darauf haben.

SPIEGEL: Und die Jobcenter können dann abgeschafft werden, wenn das Grundeinkommen kommt?

Schupp: Auf keinen Fall! Wir brauchen weiter Jobvermittler, berufliche Qualifizierung und Hilfen für Menschen, die Schwierigkeiten haben, die Anforderungen des Arbeitsmarkts zu erfüllen. Auch mit 1200 Euro ist man sicher nicht glücklich, wenn man als Frührentner allein zu Hause sitzt.

SPIEGEL: Die Initiatoren der Studie sind klare Verfechter eines Grundeinkommens, die meisten der 140.000 privaten Spender dürften es auch sein. Gleichzeitig beteuern Sie die Ergebnisoffenheit der Studie. Gerät ein renommiertes Forschungsinstitut wie das DIW da nicht in einen Konflikt?

Schupp: Nein, denn wir Wissenschaftler haben beim Design und bei der Durchführung das letzte Wort. Da gibt es klare rote Linien, wir wahren alle wissenschaftlichen Standards. Sicher ist so eine Zusammenarbeit Neuland: Wir hatten bei der Vorbereitung so manche zähe Diskussion, das war teilweise ein Zusammenprall von Kulturen. Aber ich schätze an Michael Bohmeyer (Gründer des Vereins "Mein Einkommen", Anm. d. Red.), dass er nicht mit Heilsversprechen für das Grundeinkommen wirbt. Und ohne seine offene Haltung - nach dem Motto "Wenn das Grundeinkommen nicht funktioniert, will ich es wenigstens wissen" - wären das DIW Berlin und ich persönlich jetzt nicht dabei.  

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