Stefan Schultz

Räumung des Hambacher Forstes Der falsche Kampf

Es ist traurig, dass RWE den Hambacher Forst abholzt. Doch für eine Rettung hätte der Kohleausstieg früher kommen müssen. Auf den sollten sich Umweltschützer nun in der Kohlekommission konzentrieren.
Polizei holt Aktivistin aus einem Baum im Hambacher Forst

Polizei holt Aktivistin aus einem Baum im Hambacher Forst

Foto: Michael Gottschalk/ Getty Images

Es hat alles nichts genützt. Die Spitzentreffen zwischen Konzernleitung und Umweltschützern, die öffentliche Empörung, die teils heftigen Proteste: alles umsonst. An diesem Donnerstag hat die Polizei begonnen, die ersten Umweltaktivisten, die den Hambacher Forst besetzen, aus ihren selbstgebauten Baumhäusern zu vertreiben.

Wenn kein Wunder mehr geschieht, dann wird RWE   ab Mitte Oktober den rund 12.000 Jahre alten Wald im Rheinland abholzen, um an die unter ihm liegende Kohle zu kommen. In Berlin werden derweil die Pläne für den Kohleausstieg erarbeitet. Das passt doch nicht zusammen, oder?

Leider doch.

Selbst bei einem schnellen Ausstieg wird Deutschland noch jahrelang auf Kohle angewiesen sein. Das letzte Kohlekraftwerk dürfte nach jetzigem Diskussionsstand erst in mehreren Jahrzehnten vom Netz gehen. Die Kohle unter dem Hambacher Forst dagegen soll in den kommenden Jahren verfeuert werden. Sie lässt sich zudem nicht einfach woanders besorgen. Dazu ist der Bedarf zu groß. Rund 15 Prozent der Stromversorgung Nordrhein-Westfalens hängen an Hambach - und damit auch viele energieintensive Industriebetriebe.

Um diese Lücke auszugleichen, wäre ein gewaltiger Aufwand nötig.

Man müsste entweder zusätzliche Kohle in anderen Tagebauen fördern und sie in Kraftwerke schaffen, die zurzeit an Hambach hängen. Oder man müsste die von Hambach versorgten Kohlekraftwerke herunterfahren, mehr Strom in Gaskraftwerken produzieren und die Stromnetze mit sogenanntem Redispatch stabilisieren.

In anderen Teilen der Republik müssten dann wohl alte, schmutzige Anlagen länger am Netz bleiben. Dazu müsste man RWE für Einnahmenausfälle wohl mit Steuergeld entschädigen. Die Rettung eines kleinen Waldstücks könnte dann leicht Dutzende, wenn nicht Hunderte Millionen Euro kosten.

Die Bundesregierung hätte Hambach retten können

Hätte die Bundesregierung früher und beherzter mit dem Kohleausstieg begonnen, dann hätte man den Wald vielleicht noch erhalten können. So aber kommt der Kohleausstieg für Hambachs Stieleichen und Winterlinden zu spät - so traurig das ist.

Immerhin: Der RWE-Konzern fällt in Hambach nicht nur alte Bäume. Er hat ganz in der Nähe, auf der sogenannten Sophienhöhe, auch mehr als zehn Millionen neue gepflanzt. Kein gleichwertiger Ersatz für den uralten Hambacher Forst, aber für viele Tiere aus der Region immerhin ein neuer Zufluchtsort. Und für viele Menschen inzwischen ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Die Umweltverbände BUND und Greenpeace kämpfen trotzdem weiter für das Waldstück. Das ist so verständlich wie sympathisch. Nur leider gefährdet ihr Kampf eine andere, viel wichtigere Mission: ihre Mitarbeit in der deutschen Kohlekommission.

Dieses Gremium, in dem unter anderem auch Greenpeace und der BUND sitzen, soll der Bundesregierung bis Ende des Jahres einen Masterplan für den Kohleausstieg vorlegen. Und es soll Vorschläge machen, wie Deutschland seinen selbstgesteckten Klimaschutzzielen für das Jahr 2020 immerhin noch so nahe wie möglich kommt.

Die Umweltverbände wollen sich in der Kommission um das große Ganze kümmern. Sie wollen all ihre Kraft und all ihr diplomatisches Geschick dafür einsetzen, dass die Kohle für die deutsche Stromversorgung rasch an Bedeutung verliert.

Stahlträger in Baumkronen

Stattdessen droht der BUND mit dem Austritt aus der Kohlekommission, wenn der Hambacher Forst fällt. Und stattdessen stemmt sich Greenpeace gegen die Räumung der Protestcamps - Seite an Seite mit den Baumhausbesetzern, zu deren Dunstkreis auch ein paar Dutzend militante Aktivisten gehören. Die bekämpfen Polizisten mit Zwillen und Molotowcocktails und versteckten in der Vergangenheit unter anderem Stahlträger in Baumkronen, die Holzfäller zu erschlagen drohten.

Es ist unglücklich, wie sich im Hambacher Forst alles mit allem vermengt. Friedlicher Protest mit gewaltsamem. Kurzfristige Pläne für die Stromversorgung mit langfristigen Plänen für die Energiewende. Und es ist bedenklich, wenn man ein Waldstück gegen die eigene Mitgliedschaft in der Kohlekommission eintauschen würde.

Der Hambacher Forst ist als Symbol verführerisch. Aber am Ende geht es nicht nur um ihn, sondern um die Menge an CO2, die Deutschland in den kommenden Jahrzehnten noch in die Luft bläst.

Die Umweltschützer sollten sich lieber wieder mehr auf den Kohleausstieg konzentrieren. Wie viel von diesem schmutzigen Energieträger noch verfeuert wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut sie ihre Arbeit in der Kommission machen.

Im Video: Umweltaktivisten gegen Braunkohle-Abbau (SPIEGEL TV vom 22.03.2015)

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