Kampf um Hambacher Forst Schwarzer Tag für RWE

Die Pläne für den Braunkohletagebau: überholt. Die Aktie: im freien Fall. Die Aussichten: düster. Der Imageschaden: gewaltig. RWE erlebt wegen des Hambacher Forsts einen der bittersten Tage der Konzerngeschichte.
Polizist im Hambacher Forst

Polizist im Hambacher Forst

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

Der 5. Oktober 2018 könnte einmal als historischer Tag in die Geschichte eingehen. Als jener Tag, an dem der Kohleausstieg der Bundesrepublik Deutschland besiegelt wurde. Nicht von weitsichtigen Unternehmern. Nicht von mutigen Politikern. Von einem Gericht.

Am Vormittag um kurz vor 11 Uhr fällte das Oberverwaltungsgericht in Münster ein ebenso spektakuläres wie überraschendes Urteil. Es verbot dem RWE-Konzern, den Hambacher Forst weiter zu roden. RWE hatte den Holzschlag zuvor für alternativlos erklärt. Denn unter dem Wald liegt tonnenweise Braunkohle. Ohne die sei die Energieversorgung Nordrhein-Westfalens gefährdet, wurde RWE nicht müde zu betonen. Vielleicht sogar die von ganz Deutschland.

Das OVG glaubte RWE nicht. Der Konzern habe für diese Behauptung nicht die nötigen Beweise vorgelegt, urteilte es. RWE muss sich nun auf einen monate-, wenn nicht jahrelangen Rechtsstreit einstellen, in dem es darum geht, ob der Hambacher Wald aus Naturschutzgründen dauerhaft bestehen bleiben soll.

Der Konzern sah sich gezwungen ob des Gerichtsurteils eine Ad-hoc-Mitteilung an seine Anleger zu verschicken: Es drohe große Rechtsunsicherheit, heißt es darin, schlimmstenfalls bis Ende 2020. Von 2019 an könne es allein durch den Rodungsstopp zu einem jährlichen wirtschaftlichen Schaden von Hunderten Millionen Euro kommen. Die an den Tagebau Hambach angeschlossenen Kraftwerke Neurath und Niederaußem könnten nicht mehr mit Kohle bedient werden. Die Zukunft von etwa 4600 Mitarbeitern sei unsicher.

Anleger reagierten verschreckt. Die RWE-Aktie verlor in der Spitze knapp 8,5 Prozent. Der Börsenwert des einst so stolzen, 120 Jahre alten Konzerns schrumpfte an einem einzigen Tag um fast eine Milliarde Euro.

Die Anlegerpanik lässt sich nicht nur mit dem Gerichtsurteil allein begründen. Sie hat auch tieferliegende, strukturelle Gründe. Im Kern sind es drei.

Drohende Verlustspirale

Da sind, erstens, die Verluste, die aus dem Tagebau entstehen. Die Abbaukante des Tagebaus ist nur noch etwa 300 Meter vom Waldrand entfernt, und der Kohleabbau schreitet laut RWE pro Jahr etwa 150 Meter voran.

Die Kohlegrube hat am Rand mehrere Treppenabsätze, auf denen je ein Bagger steht. Wenn der oberste Bagger nicht mehr weiterkommt, bleiben bald auch alle darunterliegenden Bagger stehen, weil sonst die Abbruchkante zu steil wird und Erdrutsche drohen.

RWE warnt vor einem Baggerstopp schon im kommenden Jahr - und davor, dass sich die fehlenden Kohlelieferungen aus Hambach nicht einfach durch Produktionssteigerungen in anderen Tagebauen ersetzen ließen. Entsprechend sei auch die Versorgung diverser Kraftwerksblöcke in Neurath und Niederaußem gefährdet. Keine Stromproduktion bei weiterhin hohen Kosten durch die notwendige Rekultivierung der Flächen würde die Bilanz weiter strapazieren.

Hinzu kommen Verluste in der sogenannten Veredlung. Denn zwölf Millionen Tonnen Kohle der in Hambach geförderten Kohle werden nicht in Kraftwerken verfeuert, sondern zur Herstellung von Industriebrennstoffen für energieintensive Produktionsprozesse, Aktivkoks für Abgas- und Abwasserreinigung sowie feinkörnige Kohlenstoffkonzentrate für metallurgische, chemische und andere industrielle Prozesse verwenden.

Es droht eine Kettenreaktion von Verlusten. Ein kurzfristiger Verzicht auf den Tagebau könnte den Konzern insgesamt vier bis fünf Milliarden Euro kosten, hatte Vorstandschef Rolf Martin Schmitz kürzlich in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" gewarnt.

Tagebauflächen auf dem Prüfstand

Noch schwerer als die verdüsterten Geschäftsaussichten dürfte eine zweite, längerfristige Entwicklung wiegen: Laut einer Studie im Auftrag der Grünen könnten zwei Drittel Braunkohle, die RWE noch fördern will, einfach unter der Erde bleiben.

Die Wissenschaftler berechneten, dass RWE für den Betrieb seiner Braunkohlekraftwerke nur noch etwa 700 Millionen Tonnen Braunkohle benötigt - selbst wenn die letzten RWE-Kraftwerke erst im Jahr 2040 stillgelegt werden. Das ist weniger als ein Drittel der Menge, die RWE nach dem von der NRW-Landesregierung genehmigten Rahmenbetriebsplan tatsächlich abbauen darf und will - insgesamt 2,3 Milliarden Tonnen.

Das Gutachten des Saarbrücker Instituts für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme basiert auf Ausstiegsszenarien, wie sie auch in der Kohlekommission der Bundesregierung diskutiert werden. Danach würden die drei modernsten und jüngsten RWE-Braunkohlekraftwerke noch bis zum Jahr 2040 am Netz bleiben. Ältere Meiler sollen in mehreren Schritten (2020 und 2025) abgeschaltet oder eine Sicherheitsreserve überführt werden.

Das Urteil des Oberverwaltungsgerichts hat auch in dieser Hinsicht Signalwirkung. Die Vorbereitungen für weiteren Kohleabbau im Hambacher Forst können vorerst nicht weitergehen. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission kann nun in aller Ruhe einen Plan für den Kohleausstieg entwickeln und festlegen, wie viel Kohle von RWE überhaupt noch verfeuert werden soll - ehe der Energiekonzern im Hambacher Wald vollendete Tatsachen schafft.

PR-Gau sondergleichen

Die Causa Hambach hat, drittens, das Image von RWE schwer beschädigt. Vor Monaten bereits hatte RWE-Chef Rolf Schmitz begonnen, den Kurs des Energieriesen langsam aber sicher zu verändern. Nach dem Milliarden-Deal mit E.on, bei dem RWE die gesamte Ökostromsparte des bis dato größten Konkurrenten übernahm, wollte er weg vom Image des langsam sterbenden Atom- und Kohlekonzerns. Windparks und Solarkraftwerke von Spanien bis in die USA sollten RWE ein neues, modernes Image verpassen.

Etliche Anleger, Investoren und Kunden konnte Schmitz in dieser Phase von seinen Plänen überzeugen. Ansehen und Kurs der Aktie stiegen - bis zu dem Tag, als der Konzern verkündete, den Hambacher Forst roden zu wollen. Das war nicht nur ein Image-Desaster und eine Steilvorlage für Natur- und Klimaschützer. Es war vor allem eine fatale Falle, aus der sich RWE nicht mehr befreien konnte.

Uneingeschränkte Unterstützung des Kurses erhielt der Konzern aus der eigenen Landesregierung in NRW. Der bis dato eher blasse NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) witterte eine Chance, sich und den Rechtsstaat in Szene zu setzen und ließ Hundertschaften aufmarschieren, um ein paar Dutzend Aktivisten öffentlichkeitswirksam aus Baumhäusern zu befreien und den Wald für die Rodung zu säubern.

Für RWE gab es spätestens seit diesem Moment kein Zurück mehr. Überlegungen, das Moratorium zu verlängern oder Verhandlungen mit der Gegenseite zu beginnen, wurden in allen Krisensitzungen mit dem Hinweis vom Tisch gewischt, dass man die NRW-Landesregierung mit einem solchen Schritt schwer verärgern würde, nachdem sie sich doch so bedingungslos hinter die Ziele des Konzerns gestellt hatte.

Bei den Kunden kam die harte Linie im Hambacher Forst einer dem SPIEGEL vorliegenden Umfrage zufolge offenbar gar nicht gut an: Das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid hat im Auftrag des Stromversorgers Greenpeace Energy etwa 1000 Verbraucher befragt. Gut 16 Prozent von ihnen, die bisher bei konventionellen Stromanbietern unter Vertrag waren, antworteten, dass sie angesichts der Vorgänge im Hambacher Wald "auf jeden Fall" auf einen rein erneuerbaren Versorger umsteigen wollten. Weitere 19 Prozent gaben an, diesen Wechsel "vielleicht" zu vollziehen.

Chance für Kompromiss

So gesehen bedeutet die Entscheidung des OVG-Münster für RWE vielleicht auch eine Chance. Durch das Urteil besteht nun wieder die Möglichkeit, ohne Gesichtsverlust in konstruktiven Gesprächen und Verhandlungen einen Kompromiss auszuloten.

Alte Kraftwerke könnten frühzeitig vom Netz genommen und ein für alle Seiten akzeptabler Ausstiegspfad für die Braunkohleverstromung vereinbart werden.

Dass die benötigten Flächen dann automatisch kleiner werden und weit weniger als die bislang genehmigten 2,3 Milliarden Tonnen Kohle benötigt werden, ist selbst Hardlinern im RWE-Konzern inzwischen klar.