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Hambacher Forst "Welcome to Danger Zone"

Wie zerstört man ein Baumhaus, in dem sich Aktivisten verschanzt haben - mitten im Wald? Die Räumung des Hambacher Forsts hat begonnen. Alle Seiten stellen sich auf ein wochenlanges Kräftemessen ein.

Joachim Schwister trägt einen weißen Helm, in der Hand hält er ein Megafon: "Die Baumhäuser müssen beseitigt werden. Ich untersage Ihnen die weitere Nutzung dieser Baumhäuser. Es besteht Gefahr für Leib und Leben. Es liegen schwerwiegende Verstöße gegen geltendes Bauordnungsrecht vor. Sofern Sie die Baumhäuser nicht innerhalb der nächsten 30 Minuten freiwillig räumen, werde ich die Räumung in Anwendung des unmittelbaren Zwangs vornehmen. Bitte nehmen Sie beim Verlassen der Baumhäuser ihre persönlichen Gegenstände mit."

Ein paar Meter weiter oben, in den Bäumen des Hambacher Forsts, lachen ein paar Aktivisten laut auf. "Wer bist denn du?", antwortet einer, "bist du Darth Vader? Oder Lord Voldemort?" Schwister ist Baudezernent der Stadt Kerpen.

Etwas tiefer im Wald brüllt eine Frau: "Wenn ihr eure Befehle ausführt, macht ihr euch mitschuldig daran, dass der Planet völlig in den Arsch geht." Zwischen zwei Bäumen haben die Aktivisten ein großes, grünes Transparent aufgespannt. "Welcome to Danger Zone", steht darauf.

Baumhäuser mit Kochplatten und Heizungen

Nach 30 Minuten ist kein Aktivist freiwillig von einem Baum geklettert. Damit hat auch niemand gerechnet. Schwister wiederholt seine sinnlose Ansage trotzdem noch mal.

Der heutige Tag, der Beginn der Räumungen im Hambacher Forst, hat sich lange angekündigt. Um kaum einen Ort in Deutschland wird derzeit so verbissen gekämpft wie das Waldstück zwischen Köln und Aachen. Im angrenzenden Tagebau fördert das Energieunternehmen RWE seit Jahrzehnten Braunkohle. Dafür wurden mehrere Dörfer umgesiedelt und 3000 Hektar Wald abgeholzt. Etwa 90 Prozent des Hambacher Forsts sind bereits gerodet, nach und nach soll nun der Rest weichen.

Es geht um einen Wald, der rund 200 Hektar groß ist, in dem Stieleichen und Hainbuchen stehen. RWE hat angekündigt, ab Mitte Oktober circa hundert Hektar Wald roden zu wollen. Das Gebiet gehört dem Konzern, er hat das Recht, die Bäume zu fällen. Umweltaktivisten wollen das trotzdem verhindern - offenbar mit allen Mitteln.

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Braunkohlerevier: Polizei startet Räumung im Hambacher Forst

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Rund 200 von ihnen leben inzwischen im Hambacher Forst, sie haben sich etwa 60 Baumhäuser gebaut, in denen sie sich in den vergangenen Tagen verschanzt haben. Die Bauten liegen in einer Höhe von zehn, manchmal 15 Metern. In einigen Baumhäusern gibt es Kochplatten und Heizungen.

Für die, die darin leben, sind die Bauten über die Jahre zu einem Zuhause geworden. Für andere zu einem Ärgernis, für manche sogar zu einer Gefahr.

Die Entscheidung zur Räumung fiel im nordrhein-westfälischen Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung. Das Ministerium beauftragte gestern die Bauordnungsbehörden des Kreises Düren und der Stadt Kerpen mit der Umsetzung. Die Polizei Aachen, die den Einsatz leitet, zog dafür Beamte aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen. Auch SEK-Kräfte sind seit heute im Hambacher Forst.

Stundenlanger Einsatz, um Aktivisten von den Bäumen zu holen

Doch weit kommen die Räumtrupps an diesem Morgen erst mal nicht. Schon wenige Meter hinter dem Waldrand haben die Aktivisten eine Barrikade aus Baumstämmen und Ästen gebaut. Ein Bagger räumt das Hindernis aus dem Weg. Danach müssen die Polizisten eine Sitzblockade von knapp zehn Kohlegegnern auflösen. Die erste große Herausforderung für die Einsatzkräfte ist ein vertikal in den Boden gerammter Baumstamm, auf dem oben ein Aktivist Platz genommen hat. Gleich dahinter haben die Waldbewohner einen sogenannten Tripod aufgebaut, drei Baumstämme, zwischen denen eine Plattform befestigt ist.

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Ein Hubwagen rückt an, doch der schmale Waldweg macht es dem Fahrzeug schwer, in Position zu kommen. Die Polizei schickt ihr Höheninterventionsteam, die speziell ausgebildeten Kletterer brauchen mehrere Stunden, um die ersten drei Aktivisten von den Bauten runter zu holen.

Laut Polizei soll es zuletzt immer wieder massive Übergriffe auf Beamte im Waldgebiet gegeben haben. Sieben Polizisten seien in den vergangenen drei Wochen verletzt worden, mitunter schwer. Kürzlich durchsuchten die Einsatzkräfte das Wiesencamp, eine kleine Siedlung aus Zelten und Wohnwagen am Waldrand, eine Art Rückzugsort für die Aktivisten.

Die Polizei gab bekannt, dass man eine Kiste mit Krähenfüßen sichergestellt habe, mit denen man einem Gegner die Füße verletzen kann. Außerdem einen Sack voll Lunten für Molotowcocktails, große Kartuschen mit Reizgas, Pyrotechnik und Nahkampfwaffen. Man habe auch abgesägte Stuhlbeine beschlagnahmt, in die spitze Schrauben eingedreht worden seien. Ende August erklärte die Polizei den Hambacher Forst zum Gefahrenbereich.

SPIEGEL.TV: Umweltaktivisten gegen Braunkohle-Abbau

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"Das ist ein Einsatz, der nicht alltäglich ist und der die Aachener und die nordrhein-westfälische Polizei bis an die Grenzen fordern wird", sagt Dirk Weinspach, der Aachener Polizeipräsident. "Das Räumen von 60 Baumhäusern in dieser Höhe, das hat es so noch nie gegeben." Man werde dazu wohl Wochen brauchen, sagt Weinspach. Die Aachener Polizisten könnten bis Weihnachten nur noch in absoluten Ausnahmefällen Urlaub nehmen.

Auch die Gegenseite stellt sich auf einen langen Kampf ein. "Wir haben hier oben Trinkwasser und Lebensmittelvorräte für einige Wochen", schreibt eine Aktivistin per SMS. Sie lebt in der Baumhaussiedlung namens Gallien, wo sie sich in diesen Tagen mit anderen verbarrikadiert hat. Außerdem, schreibt die Frau, habe man auf dem Rechtsweg Widerspruch gegen die Räumung eingelegt.

Kein Brandschutz im Baumhaus

Ein Sprecher des NRW-Bauministeriums teilt mit, dass die Baumhäuser "illegale Anlagen" seien. Auflagen bezüglich des Brandschutzes seien nicht eingehalten worden. Wegen der Brandgefahr für die Waldbesetzer habe "sofortiger Handlungsbedarf" bestanden. "Vergleichbar ist der Fall mit der Räumung eines Hochhauses in Dortmund im vergangenen Jahr, weil dort der ausreichende Brandschutz nicht mehr gewährleistet war."

Doch sind ein Hochhaus und ein Baumhaus baurechtlich wirklich vergleichbar? Gesche Jürgens steht im Hambacher Forst neben dem rot-weißen Absperrband der Polizei, Jürgens ist bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace Kampaignerin für Wälder und hält die Argumente der nordrhein-westfälischen Landesregierung für vorgeschoben. "Brandschutz? Der Politik geht es hier nur darum, sich zum Erfüllungsgehilfen von RWE zu machen", schimpft Jürgens.

Ein paar Meter weiter schüttelt Antje Grothus den Kopf. Grothus ist Mitglied der lokalen Bürgerinitiative Buirer für Buir, die sich für den Umweltschutz im rheinischen Braunkohlegebiet einsetzt. Grotesk sei, sagt Grothus, dass die Entscheidung zur Räumung ausgerechnet aus dem Heimatministerium gekommen sei. "Jetzt wird geräumt, später gerodet, und dabei wird Heimat zerstört. Dieses Ministerium verdient seinen Namen nicht."

"Zeichen gesetzt, das endet jetzt"

Hinter Grothus ringen gerade fünf Polizeibeamte eine junge Frau nieder, die sich mit den Händen an einen Baumstamm geklammert hat. Die Aktivistin wird auf den Boden gedrückt, mit Kabelbindern gefesselt und weggetragen.

Polizeichef Weinspach sagt: "Man kann sich da oben in den Baumhäusern verkämpfen und damit sich und die im Einsatz befindlichen Kollegen in Lebensgefahr bringen - oder man kann sagen: Wir haben ein Zeichen gesetzt und das endet jetzt. Es muss sich jetzt jede und jeder überlegen, ob es das wert ist, dass man Menschenleben gefährdet."

Protestplakat im Hambacher Forst

Protestplakat im Hambacher Forst

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ein Polizist wird an diesem ersten Einsatztag leicht verletzt, eine Stahlkugel aus einer Zwille hat ihn getroffen. Am Nachmittag ist das erste Baumhaus geräumt und wird zerstört. Wo es stand, hängen am Baum noch die Reste von ein paar Planen, alles andere ist beseitigt.

Ab Mitte Oktober möchte RWE mit den Rodungen im Hambacher Forst beginnen. Das sei "für die Aufrechterhaltung des Tagebaubetriebs und die Kohlegewinnung in den kommenden zwei Jahren notwendig", sagt eine Konzernsprecherin. Doch auch wenn der Wald jetzt geräumt wird, es werden danach wohl schnell wieder neue Baumhäuser entstehen. RWE sei dafür verantwortlich, dass das nicht passiere, heißt es aufseiten der Polizei. Wie genau das funktionieren soll, ist unklar.

Der Konzern teilt mit, man habe "das Sicherheitskonzept entsprechend angepasst". Und trotzdem: Alle Aktivisten für immer vom Wald fernzuhalten, wird RWE nicht gelingen.

Der Kampf um den Hambacher Forst hat vermutlich gerade erst begonnen.