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23. August 2018, 16:22 Uhr

Modellprojekt

Wie in Hamburg 8-Euro-Wohnungen entstehen

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Bezahlbar, aber ohne staatliche Zuschüsse: Unter dieser Vorgabe startet in Hamburg ein Bauprojekt. Für die Wohnungen soll eine Nettokaltmiete von nur acht Euro pro Quadratmeter fällig werden. Wie lässt sich das umsetzen?

"Anders denken": So beschreibt Architekt Heiner Limbrock seine Herangehensweise an das Projekt im Hamburger Stadtteil Neugraben. Dort sollen 44 Wohnungen entstehen, die am Ende nicht mehr als acht Euro Nettokaltmiete kosten. Bauherr ist dabei nicht die Stadt Hamburg, sondern der Versicherungskonzern Helvetia.

Das Projekt soll scheinbar Unvereinbares vereinen:

Für Architekt Limbrock ist das alles kein Widerspruch. Bei Neubauprojekten in Deutschland hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten Gepflogenheiten etabliert, die Geld kosten, aber nicht unbedingt für die Wohnqualität wichtig sind, sagt er.

Als Beispiel nennt Limbrock etwa die Planung der Haustechnik. So werden bei diesem Projekt die Bäder in den Wohnungen "Rücken an Rücken" gelegt, sodass Leitungen gebündelt angeordnet werden können. "Aber an der Ausstattung der Bäder wird nicht gespart", sagt Limbrock. Ihm ist wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, es würden Billighäuser geplant.

Statt Stein als Baustoff verwendet Limbrock Holz. Damit verringere sich die Bauzeit auf acht Monate, sagt er, was wiederum eine schnellere Vermietung ermögliche. Zudem müssen die Häuser nicht verputzt und die Innenwände nicht tapeziert werden. "Das wird keine Wand im Stil einer alpenländischen Hütte, sondern man wird helles Holz und eine feine Holzmaserung sehen", beschreibt Limbrock seine Pläne.

Er verweist auf Untersuchungen, wonach die Holzbauweise mit dem Massivbau aus Stein oder Beton gleichzieht. "Die Lebensdauer eines Holzbaus war zur Investitionsentscheidung für den Bauherrn äußerst wichtig", sagt Limbrock. "Wir mussten also nicht nur die ökologische Nachhaltigkeit sondern auch die ökonomische Nachhaltigkeit belegen."

Um die Kosten zu drücken, werden Entlüftungsanlagen gespart, indem Küchen und Hauswirtschaftsräume Fenster haben. Aufzüge können zwar nachgerüstet werden, sind in den beiden viergeschossigen Häusern aber zunächst nicht vorgesehen. Dafür soll eine ganze Gebäudezeile im Erdgeschoss rollstuhlgerecht sein. Keller und Tiefgarage entfallen ebenfalls.

Verbände sind skeptisch, ob sich diese Bauweise durchsetzt und die Mieter damit zufrieden sind. "Wenn sich bei 5 bis 8 Prozent aller zu bauenden Objekte ein solches Angebot realisieren lässt, wäre das gut", sagte der Sprecher der Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft (hbaw), Michael Seitz. Beim frei finanzierten Wohnungsbau sei es realistischer, mit durchschnittlich 9 Euro bis 10 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter zu kalkulieren.

Mindestens fünf Jahre keine Mieterhöhung

Zudem komme es auch auf den Standort an. Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) teilte mit, für preisgünstige Mietwohnungen sollten weniger gefragte Lagen ins Auge gefasst werden.

Dieses Merkmal dürfte auf Hamburg-Neugraben durchaus zutreffen. Die Stadt setzt darauf, dass sich solche bislang eher günstige Viertel durch Zuzug weiterentwickeln und durchmischen. Beim 8-Euro-Wohnungsprojekt in Neugraben etwa sind eine neue Kita und Gewerbeflächen eingeplant. Zudem ist der Bau in eine Quartiersentwicklung eingebunden, wo insgesamt 1500 Wohneinheiten entstehen sollen.

Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) spricht von einem neuen Weg: "Hamburg soll auch für Haushalte mit durchschnittlichen und mittleren Einkommen bezahlbar sein." Man wolle für diejenigen Wohnraum schaffen, die zwar nicht vom sozialen Wohnungsbau profitieren, zugleich aber bei den bisherigen Neubauangeboten finanziell überfordert seien. Eine Nettokaltmiete von 8 Euro liege genau zwischen den Mietpreisen in Sozialwohnungen und denen auf dem frei verfügbaren Markt. Laut Stapelfeldt soll bei den 8-Euro-Wohnungen innerhalb von fünf Jahren keine Mieterhöhung erfolgen.

"Wir sind als deutsche Lebensversicherung ein nachhaltiger und langfristig orientierter Investor", sagt Helvetia-Vorstand Burkhard Gierse zum Engagement des Konzerns als Bauherr. "Neben den Interessen unserer Versicherungsnehmer, Mitarbeitenden und Aktionären tragen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung, die wir mit diesem Projekt wahrnehmen können."

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