SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. Oktober 2018, 15:07 Uhr

Handelskrieg mit den USA

China beherrscht sich - noch

Von

US-Präsident Trump befeuert den Handelskrieg mit China - wann schlägt Staatschef Xi zurück? Die Volksrepublik hat ein gewaltiges Drohpotenzial.

Das Prinzip der atomaren Abschreckung ist altbekannt, es gilt auch zwischen den USA und Russland: Nach einem Erstschlag hat der Gegner die Option eines Zweitschlags mit desaströsen Konsequenzen. Aber gilt das Abschreckungsprinzip auch für ökonomische Rivalitäten, etwa der zwischen den USA und China, den beiden größten Volkswirtschaften der Welt - noch dazu in Zeiten des Handelskriegs?

Genau davon gehen die meisten westlichen Ökonomen aus. US-Zölle hin, Chinas Handelsbarrieren her - bislang sagt niemand voraus, dass die Volksrepublik den eigentlichen Knüppel auspackt. Den nennen die Ökonomen im Militärjargon die "Nuklearoption". Gemeint ist keine Atombombe, sondern Chinas finanzpolitische Handlungsmöglichkeit, keine US-Staatsanleihen mehr zu kaufen - also den USA kein Geld mehr zu leihen. Hört sich nicht so dramatisch an. Es wäre aber eine Art Aufkündigung des pazifischen Friedens.

Schon vor einigen Jahren prägten die Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson und Moritz Schularick den Begriff "Chimerica", der die Volkwirtschaften der USA und Chinas als symbiotisch und unzertrennlich definierte. Ferguson und Schularick stellten nüchtern fest, dass die Chinesen nicht ihr ganzes Geld ausgeben und sparen, während die Amerikaner mehr Geld ausgeben, als sie verdienen - sich also welches leihen müssen. Mit diesem Geld aber kaufen die Amerikaner chinesische Waren, die den Chinesen ihre Jobs sichern. Das ist der Deal, so profitieren beide Seiten.

Große und kleine Provokationen

Was für Chinesen und Amerikaner im Allgemeinen gilt, gilt auch für ihre Regierungen: China erwirtschaftet mit den Exportüberschüssen riesige Devisenreserven, die in US-Staatsanleihen investiert werden und damit das amerikanische Haushaltsdefizit finanzieren. US-Staatschuldbriefe von mehr als 1200 Milliarden Dollar besitzt China heute, mehr als jedes andere Land. China ist der größte und verlässlichste Kreditgeber der USA - jedenfalls bis jetzt. Doch was wäre, wenn Peking umdenkt? Wenn es sich die vielen großen und kleinen Provokationen von US-Präsident Donald Trump nicht mehr gefallen lässt?

"Seit vielen Jahren weiß ich die Vernetzung zwischen den USA und China zu schätzen, die daher rührt, dass beide in die Zukunft des anderen enorme Summen investiert haben. Persönlich hoffe ich, dass dieser Zustand anhält", sagt Scott Kronick, Asien-Pazifik-Chef der US-Werbeagentur Ogilvy in Peking. Doch Kronick spürt, wie sich der Tanker China langsam bewegt: "Selbst wenn die chinesische Regierung zuallererst immer pragmatisch reagiert, gibt es heute viele Anzeichen, dass sie die Abhängigkeit Chinas von den USA reduzieren will", so der erfahrene amerikanische China-Manager.

Offiziell gibt die Regierung in Peking bislang wenig davon preis, wie sie die Angriffe Trumps einschätzt. Washington würde die Handelsprobleme "unerlässlich anfeuern" und "einen Schatten" über die Beziehungen beider Länder werfen, formulierte der chinesische Außenminister Wang Yi kürzlich im Gespräch mit seinem US-Kollegen Mike Pompeo. Das war Diplomatensprache und sollte beschwichtigen. Denn was hätte China zu gewinnen? Schließlich funktioniert Abschreckung so, dass im Ernstfall beide Seiten verlieren.

Tatsächlich hätte China viel zu verlieren. Westliche Ökonomen malen dieses Szenario wie Science-Fiction-Autoren düster aus. Als abschreckendes Beispiel dient ihnen der Plaza Accord von 1985 zwischen den USA und Japan, durch den der Yen gezielt aufgewertet wurde. Wie damals würde der Dollar fallen und die asiatische Währung hochschnellen, wenn China die Käufe von US-Staatanleihen auch nur reduzieren würde. Die japanische Wirtschaft erlitt damals großen Schaden, stagnierte über Jahrzehnte - das könnte auch China drohen, wenn der Yuan steigt.

Trump breitet das ganze Arsenal an Drohungen aus

Und mehr noch: "Wenn China seine Dollar-Anleihen verramschen würde, würde es den Dollar schwächen und amerikanische Exporte erleichtern. Das wäre eine komische Maßnahme in einem Handelskrieg mit den USA", amüsiert sich das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist". Als wäre Chinas sogenannte Nuklearoption am Ende doch nur ein Papiertiger.

Demnach könnte Trump also weiter unbedarft im Handelskrieg zündeln - China wird den Knüppel schon nicht auspacken.

In Wirklichkeit aber ist es besorgniserregend, wie ungestört auch von europäischer Kritik der US-Präsident im Wahlkampf sein umfangreiches Arsenal an Drohungen gegen China ausbreiten kann - als sei die Geduld des asiatischen Gegenübers unerschöpflich. Trump kündigt US-Patrouillen im südchinesischen Meer an, mehr Waffenlieferungen für Taiwan, Exportverbote für Google und natürlich immer mehr US-Zölle.

Vom Vertrauen in "Chimerica" bleibt da nicht mehr viel. Zwar ist es richtig, dass China bisher noch nichts unternommen hat, was dem eigenen Wirtschaftswachstum geschadet hätte. Aber in Peking sprechen viele vom plötzlich fassbaren Ende der Reformpolitik Deng Xiaopings und der neuen, autoritären Ära Xi Jinpings. Ihn im Konflikt mit Trump als hilflos darzustellen, wie es die meisten westlichen Ökonomen bisher tun, könnte sich noch als schwerer Fehler erweisen.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung