Alternativen zu Produktion in China Vietnam gewinnt Trumps Handelskrieg

Der US-Präsident will Unternehmen zwingen, wieder in den USA statt in China zu produzieren. Aber die verlagern ihre Produktion lieber in andere Niedriglohnländer. Zum Beispiel nach Vietnam.

Hafen von Hekou an der vietnamesisch-chinesischen Grenze (Archivbild)
imago images /Xinhua

Hafen von Hekou an der vietnamesisch-chinesischen Grenze (Archivbild)

Von , Washington


Als Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow jüngst vor ausländischen Investoren auftrat, brachte er eine scheinbar beruhigende Botschaft mit: Die Lösung der Handelskonflikte sei doch ganz einfach, erklärte Kudlow den verunsicherten Unternehmern: "Wenn Sie bei uns investieren, müssen Sie sich keine Sorgen über Zölle und Handelsabkommen machen."

Hinter Kudlows flapsiger Aufforderung steht der Dreisatz, der Trumps Handelspolitik erklärt:

  • Mit ihren Strafzöllen verteuern die USA Einfuhren vor allem aus China.
  • Damit sind die dort produzierten Waren auf dem amerikanischen Markt nicht mehr konkurrenzfähig.
  • Weil die Chinesen ihre Produkte nicht mehr loswerden, sinkt ihr Überschuss im bilateralen Handel.

Ergebnis: Der US-Präsident hat erreicht, was er seinen Wählern versprochen hat.

Offenbar zeigt die Strategie erste Erfolge: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres haben chinesische Exporteure, gemessen am Warenwert, zwölf Prozent weniger Güter in die USA verschifft als im gleichen Vorjahreszeitraum. Chinas Handelsüberschuss schrumpfte um zehn Prozent.

Ob das mehr als eine Momentaufnahme ist, bleibt abzuwarten. Aber eins hat Trump erreicht: In den Chefbüros von Amerikas Unternehmen haben die Planungen für den Umbau der Lieferketten begonnen. Denn trotz der beim G20-Gipfel zwischen Trump und seinem Amtskollegen Xi Jinping vereinbarten Waffenruhe trauen die Manager dem Frieden nicht. Sie wollen vorbereitet sein, wenn der Konflikt wieder eskaliert.

Bloß raus aus China

In einer Umfrage der Unternehmensberatung Bain & Company unter 200 US-Konzernen mit Geschäftsverbindungen nach China erklärten 60 Prozent, es gebe Handlungsbedarf. "Sie suchen nach neuen Lieferanten, neuen Innovationsquellen und neuen Regionen für die Fertigung", sagt Bain-Vizepräsident Gerry Mattios. Im Klartext: bloß raus aus China.

Im Weißen Haus beobachtet man das mit Wohlgefallen. Massenweise würden die Unternehmen China verlassen, triumphierte Trump schon und gab sich siegesgewiss: "Es wird in China niemanden mehr geben, mit dem man Geschäfte machen kann."

Tatsächlich hat eine Reihe von Unternehmen angekündigt, ihre Fertigung in China zu reduzieren - so der amerikanische Camcorder-Bauer GoPro, der Spielzeughersteller Hasbro, die Schuhdesigner Steve Madden und Brooks Running, das Technologieunternehmen Universal Electronics, der Computerausrüster Aten International und der Röntgenspezialist Varex Imaging. Andere, wie der deutsche Sporthersteller Puma, der japanische Computerhersteller Sharp oder der taiwanesische Apple-Zulieferer Foxconn, haben die Pläne in der Schublade liegen, um rasch aus dem Land zu verschwinden, falls Trump weitere Zölle auf Waren aus China verhängt.

Für die meisten der Unternehmer allerdings heißt das Sehnsuchtsziel nach der Vertreibung aus dem Niedriglohnparadies nicht Amerika. Im Gegenteil: In Trumps Amtszeit hat sich der Trend zur Rückkehr nach Hause verlangsamt. Während das sogenannte Reshoring zusammen mit Direktinvestitionen 2017 noch 170.000 Jobs geschaffen habe, seien es 2018 nur 145.000 gewesen, sagt Harry Moser, Gründer der Reshoring Initiative, die sich für den Standort Amerika einsetzt. Die Unsicherheit in Trump-Zeiten lähme die Firmen.

Lieber dahin, wo man noch billiger produzieren kann

Nur 40 Prozent der von Bain befragten Manager rechnen damit, dass der zollbedingte Umbau der Lieferketten mehr Jobs in den USA schafft. Statt in Amerika suchen die Hersteller neue Standorte dort, wo es noch billiger ist: in Vietnam und Kambodscha, in Mexiko und teils sogar in Europa.

"Die Leute wollen verzweifelt raus aus China", hat der Unternehmensberater Spencer Fung, der westlichen Unternehmen hilft, in Schwellenländern Fuß zu fassen, in der "New York Times" berichtet. Sony hat im März kurzerhand seine Smartphone-Fabrik in Peking geschlossen und stockt dafür die Produktion in Thailand auf. Der Brite Christopher Devereux, Gründer der Beratungsfirma ChinaSavvy, hat schon drei Monate nach Trumps Wahlsieg eine Niederlassung in Vietnam gegründet. Er kann sich vor Anrufen umzugsbereiter Kunden kaum retten. In die USA aber wolle keiner seiner Klienten, erzählte Devereux der "Los Angeles Times". "Da ist das Lohnniveau fünf- bis zehnmal so hoch. Wie willst du da im Wettbewerb mithalten?"

China trifft die Flucht der Fabrikanten nicht völlig unvorbereitet. Die "Fabrik der Welt" weiß, dass sie sich neu erfinden muss. "Das Arbeitskräfteangebot nimmt ab, die Arbeitskosten steigen, und wir verlieren unseren Wettbewerbsvorteil in den Niedriglohnindustrien", sagte Industrieminister Miao Wei kürzlich auf dem China Development Forum in Peking. Sein Land wolle sich künftig auf Hochtechnologien und Innovationen fokussieren.

In einer Umfrage der Investmentbank UBS erklärte ein Drittel der chinesischen Exportunternehmen, man habe die Fertigung teilweise schon verlagert. Ein weiteres Drittel hatte das in Planung.

Größter Profiteur ist der aufstrebende Nachbar Vietnam. "Es scheint so, als gewinnt Vietnam Trumps Handelskrieg", urteilt Brad Setser von der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations. Vietnam werde zusehends zum Endmontagestandort für die Elektronikindustrie. Die Exporte in die USA sind in den ersten fünf Monaten geradezu explodiert: um fast 40 Prozent.

"Der Handelskrieg zwischen China und den USA eröffnet für uns Chancen", sagte Le Van Quang, Gründer des Shrimp-Produzenten Minh Phu Seafood, der "Financial Times". Der Investmentbank Nomura zufolge hat der Handelskrieg Vietnam einen Zuwachs von knapp acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschafft.

Furcht vor Trumps Rache?

Mancher Exporteur allerdings hat sich auch einfach aufs Tricksen verlegt. Um Trumps Zölle zu umgehen, schicken Unternehmen ihre fast fertig montierten Produkte aus China nach Vietnam, wo die Ware den letzten Schliff erhält - oder einfach nur einen Aufkleber "Made in Vietnam". Danach geht es zollfrei ab in die USA. Derartiger Betrug habe zugenommen, hat selbst das vietnamesische Handelsministerium besorgt erklärt. Man werde dagegen entschlossen vorgehen. Die Vietnamesen fürchten wohl die Rache Trumps.

Mit gutem Grund. Trump ist nicht entgangen, dass das Land mittlerweile einen wachsenden Überschuss im Handel mit den USA verbucht - auch wenn der absolut gesehen im Vergleich zu China winzig ist. Seine Wut zähmt das nicht. "Vietnam zieht uns noch schlimmer über den Tisch als China", schimpfte Trump jüngst im Interview mit Fox Business und deutete an, dass er Importzölle verhängen könnte. Zudem erwägt die US-Regierung, Vietnam, das seine Währung mit Dollarkäufen stützt, als Währungsmanipulator zu brandmarken.

Genau wie bei China also. Dabei könnten die Vietnamesen durchaus argumentieren, dass ihr wachsender Handelsüberschuss "Made in America" sei, findet Setser.

Zur Heimkehr zwingen könnte Trump Amerikas Unternehmen nur auf eine Weise, glaubt Reshoring-Befürworter Moser: "Wenn er einheitliche Importzölle auf alle Produkte aus allen Ländern verhängt."

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benutzer1000 12.07.2019
1. Gewinne aus Billigproduktion
Ich werde nie verstehen, warum manche es so toll finden, wenn Firmen so clever sind, billige Produktionsstandorte zu finden. Der einzigste Nutznießer der billigen Produktionsstätten sind vermutlich die Unternehmen, die dadurch fettere Gewinne einfahren.
joergwolke 12.07.2019
2. Auch der mächtigste Riese...
... wird irgendwann eine Anzahl an Gegnern erreichen, die er nicht mehr beherrschen kann. Trump ist, nach meinem Dafürhalten, auf dem Weg, sich so viele Gegner zu schaffen, dass es mit Amerika in absehbarer Zeit nur noch bergab gehen wird. Und auch nach Trumps Regentschaft wird die Zahl derer, die mit Amerika Verträge schließen wollen, noch für lange Zeit überschaubar bleiben.
mwroer 12.07.2019
3.
Patriotismus geht im Allgemeinen nur soweit wie es der eigenen Brieftasche nicht weh tut und es keine Abstriche für die Shareholder bedeutet. In den USA, in Deutschland und im Rest der Welt. Da kann nur der Verbraucher 'helfen' in dem er konsequent nur 'Made in xyz' kauft. Problem ist - das merkt er dann wiederum in der Brieftasche :)
_thilo_ 12.07.2019
4. @1: Gewinne aus Billigproduktion
Im Prinzip, also theoretische, sollten billigere Produktionsstandorte zu einem Ausgleich zwischen den Ländern führen. Wenn Produktion in billigeres Land verlagert wird, steigen dort die Löhne, im teuren Land fallen die Löhne, ein Teil der Gewinne geht in ds billigere Land, dort steigen die Preise und im teuren Land fallen die Preise. Angesichts der drastischen sozialen Unterschiede zwischen Ländern, wäre dieser Ausgleich eigentlich gut ... Leider hat benutzer1000 aber wohl recht damit, dass die Gewinne von den Unternehmen eingefahren und dann nicht verteilt werden...
123rumpel123 12.07.2019
5. Alternativen
Der Handelskrieg zeigt also erste Negativ-Folgen für China. Prima. Vietnam als Nutznießer des Trumpschen Handelskieges? Gewiss. Aber sicher sind das nicht die Einzigen. Zu einem Gesamtbild hätte gehört, wenn die Produktionsverlagerungen in Richtung Südkorea, Taiwan, Philippinen, usw . aufgezeigt worden wären. Die Produktionsrückführung in die USA mit dem Faktor Direktinvestitionen zu verbinden ist nebulös, da die Störrungen im Welthandel die Direktinvestitionen weltweit beeinträchtigen. Aber ich denke kaum, dass es vorrangig das Ziel der Amis ist, Billigproduktion "heim " zu holen. Zu Vietnam - da reicht es sicher nicht Ware mit Etikett "Vietnam" zu versehen, da braucht es immer noch das amtliche Ursprungszeugnis, und wenn die vietnamesischen Behörden da keine verläßliche Ordnung rein bringen, wird es sicher Strafzölle hageln. Die ehrlichen Produzenten zu schützen liegt sicher auch im Interesse der vietnamesischen Behörden.
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