Henrik Müller

Handels- und Währungskrieg Warum das Weltwirtschaftssystem weiter zerfallen wird

Die westlich dominierte Weltwirtschaftsordnung geht zu Ende - und es dürfte noch schlimmer kommen. Schuld daran ist nicht allein US-Präsident Trump. Es gibt noch ein paar andere Verdächtige.
Containerschiff in der ostchinesischen Provinz Shandong: Powerplay der Großmächte

Containerschiff in der ostchinesischen Provinz Shandong: Powerplay der Großmächte

Foto: Uncredited/CHINATOPIX/dpa

Zum Glück hat die Weltgeschichte keinen Rückwärtsgang. Denn Nostalgie ist ein schlechter Ratgeber. Dadurch entstehen leicht gefährliche Illusionen, die den Blick auf das tatsächlich Mögliche vernebeln.

Alternde Gesellschaften mögen sich die Zukunft als Vergangenheit 2.0 wünschen. Das britische Empire (wohin sich viele Brexit-Anhänger zurücksehnen) wird genauso wenig wieder auferstehen wie die D-Mark (die sich immer noch viele Deutsche zurückwünschen).

Gleiches gilt für die westlich dominierte Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegsjahrzehnte. Vor genau 75 Jahren fand in Bretton Woods, einem Skiort im Nordosten der USA, jene Konferenz statt, mit der die Ära des Multilateralismus begann. Die USA, Großbritannien und ein paar Dutzend weitere westliche Staaten etablierten erstmals ein globales Wirtschaftssystem, das auf Verträgen, Regeln und starken Institutionen basierte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank entstanden dort. Das Handelsabkommen GATT folgte wenige Jahre später; in den Neunzigerjahren wurde daraus die Welthandelsorganisation WTO - es war ein letzter Triumph der westlichen globalen Ordnung.

Was war, kommt nie wieder. Schade, eigentlich.

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Institut für Journalistik, TU Dortmund

Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für den SPIEGEL gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

Seither ist das globale Wirtschaftssystem in Auflösung begriffen, zunächst schleichend, inzwischen mit zunehmendem Tempo. In den Nullerjahren konnten sich die WTO-Mitgliedstaaten nicht mehr darauf einigen, das Regelwerk zu überarbeiten; die "Doha-Runde" scheiterte.

Die Handelsbeschränkungen im internationalen Warenaustausch haben sich im Laufe des vorigen Jahres vervielfacht, so die WTO  . Der Streit eskaliert und könnte sich zu einem Handelskrieg ausweiten.

Noch ist es nicht soweit. Aber die derzeitigen Scharmützel haben das Potenzial, in ein sehr hässliches Szenario umzuschlagen: Die Weigerung der US-Regierung, neue Richter für die Schlichtungsstellen der WTO zu benennen, könnte die Konfliktbearbeitung der Institution faktisch lahmlegen.

Und wie es aussieht, werden auch die Notenbanken in das Ringen hineingezogen - ein Währungskrieg als Erweiterung des Handelskriegs erscheint möglich.

Damit droht genau jene Art von wirtschaftlichem Großkonflikt, den das Bretton-Woods-System verhindern sollte. Gatt und WTO wurden geschaffen, um die Grenzen offenzuhalten; der IWF sollte die Stabilität der Währungsverhältnisse sicherstellen.

Multilateralismus heißt: Das Powerplay der großen Mächte wird ersetzt durch Regeln, denen sich alle unterwerfen. Auch kleinere und ärmere Länder können unter diesen Bedingungen Handelsgerichte anrufen und im Zweifel recht bekommen.

Nie wieder, das war damals das Ziel, sollte sich das Chaos der Dreißigerjahre wiederholen. Damals hatten sich die Nationen hinter immer höheren Zollhürden verbarrikadiert und nebenher auch ihre Wechselkurse manipuliert, um sich kurzfristige Exportvorteile zu verschaffen. In der Folge gab es jede Menge Verlierer: Der Welthandel brach drastisch ein. Die ökonomischen Auseinandersetzungen vertieften und verlängerten die Große Depression. Einige Historiker deuten sie gar als Vorboten des Zweiten Weltkriegs.

Das multilaterale System wird nicht wiederkommen

Die großartige Leistung der USA auf dem Zenit ihrer Macht nach dem Zweiten Weltkrieg bestand darin, dieses System geschaffen und sich selbst seinen Regeln, Prozeduren und Institutionen unterworfen zu haben.

Sicher, die USA selbst haben von diesem System, das seine Rolle als Hegemonialmacht des Westens untermauerte, profitiert. Aber in Washington hatte man damals erkannt, dass es besser ist, als Anker einer regelgebundenen Ordnung zu agieren statt als erratische Vormacht.

Jetzt ist diese Ära unzweifelhaft zu Ende. Trump ist dafür eher Symptom als Ursache. Er ist der demolition man, eine Art oberster Abbruchbeauftragter der alten Ordnung. Das multilaterale Weltwirtschaftssystem wird nicht zurückkommen, egal wer nächstes Jahr zum US-Präsidenten gewählt wird.

Stattdessen werden vor allem zwei Faktoren die Konflikte weiter befeuern.

1. Innere Spannungen wenden sich nach außen

Regierungen und Notenbanken haben kaum noch wirtschaftspolitische Instrumente zur Verfügung. Die Zinsen sind bei null, die Schulden von Staaten und Unternehmen hoch. Die politischen Systeme sind in vielen Ländern so geschwächt, dass schmerzhafte Strukturreformen kaum durchsetzbar sind.

In dieser Situation ist die Versuchung groß, die eigenen Probleme seinen Handelspartnern aufbürden zu wollen. China überschwemmt die Welt mit Stahl, statt rasch seine eigenen Überkapazitäten abzubauen. Amerikaner, Europäer und andere reagieren mit Anti-Dumping-Zöllen.

Ähnliches gilt in der Währungspolitik. Wenn der scheidende EZB-Chef Mario Draghi eine weitere Runde von Wertpapierkäufen in Aussicht stellt, liegt der Verdacht nahe, dass er damit vor allem den Wechselkurs des Euro drücken will, um den Export zu stützen. Da die Zinsen über das gesamte Laufzeitenspektrum bereits bei null (oder darunter) liegen, ist der Wechselkurs womöglich der einzig verbliebene Hebel, mit dem die Notenbank die Wirtschaft beeinflussen kann.

Logisch, dass Trump dieses Kalkül als unfreundlichen Akt deutet. Kürzlich hat er Draghi per Twitter zum Währungsmanipulator gestempelt. Zugleich übt er Druck auf die eigene Notenbank aus. Die Fed soll die geldpolitischen Zügel lockerlassen, auch um den Dollar zu schwächen und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft zu stärken. Es ist genau jene Dynamik, die aus einem Handelskrieg einen Währungskrieg als Nebenschauplatz aufmacht.

2. Globale Machtverhältnisse verschieben sich fundamental

Doch selbst wenn Washington wollte, die USA könnte gar nicht mehr als wohlmeinende Hegemonialmacht agieren. Denn China, die zweite Großmacht, verfolgt seine eigenen Interessen und setzt auf eine Art Neoimperialismus, wie er sich im Gigaprojekt der "Neuen Seidenstraße" zeigt - alle Wege (Schienenstränge, Wasserstraßen…) führen nach Peking.

Präsident Xi Jinping preist zwar gelegentlich die multilaterale Ordnung, ist aber bislang nicht bereit, am Gebaren seines Landes Entscheidendes zu ändern. Ideenklau und erschwerter Marktzugang für ausländische Anbieter bleiben gängige Praxis.

Für ein Land wie China ist der alte multilaterale Rahmen nicht gemacht. Eine staatskapitalistische Volkswirtschaft von solcher Größe - ohne Gewaltenteilung und verlässliches Rechtssystem - ist in der WTO-Ordnung nicht vorgesehen.

Wie geht die Sache aus? Drei Szenarien:

  • a) Kommendes Jahr wird ein neuer US-Präsident gewählt, der es schafft, den Westen noch mal zu einen und eine Art westliche Großfreihandelszone zu schaffen. Deren Regeln müssten China, Russland und andere akzeptieren - oder draußen bleiben.
  • b) Es bilden sich große Handelsblöcke - die EU, USMCA (früher Nafta), die Transpazifikzone -, die im Innern offen sind, aber nach außen relativ geschlossen.
  • c) Die bisherigen weltwirtschaftlichen Strukturen zerfallen und werden durch gar nichts ersetzt. Das Resultat ist ein Handels- und Währungskrieg aller gegen alle.

Zweifellos wäre Szenario a) die beste Lösung. Ich tippe auf b) - ohne jede Nostalgie.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

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