US-Handelsstreit mit China "Uns droht ein Kalter Krieg in der Weltwirtschaft"

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat die nächste Stufe erreicht - und das Potenzial, eine globale Rezession auszulösen, sagt der Experte Max Zenglein. Dann gebe es auf allen Seiten nur Verlierer.
Containerschiff im Hafen von Qingdao

Containerschiff im Hafen von Qingdao

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Max J. Zenglein ist Leiter des Programms Wirtschaft am Berliner Mercator Institut für China-Studien (MERICS). Das MERICS ist eine der führenden europäischen Forschungshäuser über die moderne Volksrepublik.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zenglein, Donald Trump treibt den Handelskonflikt mit China auf die Spitze: mit neuen Strafzöllen in Höhe von 200 Milliarden Dollar auf chinesische Importwaren.

Zenglein: Der Konflikt ist außer Rand und Band geraten. Am Anfang, als Trump im Juli die ersten Strafzölle angekündigt hat, hat er die Entscheidung noch durchargumentiert. Und Chinas Gegenmaßnahmen waren moderat. Aber danach ist die Konfrontation eskaliert. Jetzt rasseln die beiden größten Volkswirtschaften der Erde direkt aneinander. Das hat es noch nie gegeben. Es ist nicht im Interesse der USA, nicht im Interesse Chinas und auch nicht im Interesse der übrigen Welt. Uns droht ein kalter Krieg in der Weltwirtschaft. Dieser Konflikt hat das Potenzial, eine globale Rezession auszulösen.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird unter den neuen Zöllen besonders leiden?

Zenglein: Zunächst die US-Konsumenten. Chinesische Importwaren werden sich verteuern, die Inflation wird steigen - und die US-Notenbank wird die Zinsen womöglich noch schneller erhöhen müssen. Auf der anderen Seite werden die in China produzierenden Exporteure unter Druck kommen und überlegen müssen, Produktionsstätten zu verlegen, etwa nach Vietnam oder Bangladesch. Aber: Anders als Trump behauptet, werden die Fabriken, die heute in China stehen, nicht so schnell wieder in Amerika aufgebaut. Gegen den Standort USA sprechen eine Menge strukturelle Gründe.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr treffen diese neuen Zölle Chinas Wirtschaft?

Zenglein: Die Eskalation trifft China zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt, da die Regierung gerade die eigene Wirtschaft aufräumt. Die Führung in Peking hat beschlossen, die ausufernde Kreditvergabe einzudämmen, Überkapazitäten in der Industrie abzubauen, höherwertigere Güter produzieren zu lassen, die ganze Wirtschaft nachhaltiger und umweltschonender zu machen. Ein Handelskrieg kommt da extrem ungelegen. Er wird diese Transformation behindern. Denn die chinesische Führung wird nicht zulassen, dass das Wachstum spürbar sinkt. Sie wird also das Kreditwachstum beschleunigen und vielleicht Konjunkturprogramme beschließen.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Regierung in Peking Vergeltungsmaßnahmen ergreifen?

Zenglein: Ab Montag will die Regierung neue Zölle auf US-Waren in Höhe von 60 Milliarden Dollar erheben...

SPIEGEL ONLINE: ...was vergleichsweise maßvoll klingt.

Zenglein: Dann wären schon fast 80 Prozent aller US-Importe betroffen. China importiert pro Jahr nur für etwa 130 Milliarden Dollar Waren aus den USA, andersherum sind es rund 500 Milliarden Dollar. Aber es stimmt: Die chinesische Regierung geht strategischer vor als Trump: Sie wird versuchen, die eigenen Konsumenten und Unternehmen so gut wie möglich vor großen Preiserhöhungen zu schützen. Umso schwerer werden es dafür US-Unternehmen in China haben. Die kann man auf verschiedene Arten drangsalieren, etwa indem man sie bei Auftragsvergaben benachteiligt, ihnen harsche Umweltauflagen aufdrückt oder zu Kundenboykotten aufruft.

SPIEGEL ONLINE: China ist einer der größten Gläubiger der USA. Halten Sie es für möglich, dass die Volksrepublik im großen Stil US-Staatsanleihen abstößt?

Zenglein: Damit würde sich China selbst schaden. Die Auswirkungen auf die Wechselkurse oder Kapitalströme wären ein weiterer Risikofaktor. Und an Tumulten auf den internationalen Finanzmärkten hat Peking kein Interesse.

SPIEGEL ONLINE: Sie prognostizieren, dass beide Seiten unter dem Konflikt leiden werden. Sollten sie dann nicht lieber aufeinander zugehen?

Zenglein: Ich halte Verhandlungen derzeit für ausgeschlossen. Chinas Führung wird so schnell keine Eingeständnisse machen. Zurückrudern wäre ein Zeichen der Schwäche. Beide Seiten werden jetzt die Konsequenzen wohl erst einmal ausbaden müssen. Vermutlich findet man erst zueinander, wenn es richtig wehtut.

SPIEGEL ONLINE: Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte, heißt es. Können deutsche oder europäische Unternehmen von diesem Konflikt profitieren?

Zenglein: Kaum, im Gegenteil: Die Gefahr ist groß, dass unsere Unternehmen zwischen die Fronten geraten. Denn womöglich werden beide Seiten sie unter Druck setzen, sich politisch zu positionieren. Hinzu kommt, dass viele Firmen komplexe Lieferketten haben: Sie beziehen Komponenten aus der ganzen Welt, die dann mit Strafzöllen der einen oder anderen Seite belastet werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte sich Europa verhalten?

Zenglein: Europa sollte stärker mit anderen Partnern in der Welt zusammenzuarbeiten, die an einer ähnlichen Handelsordnung interessiert sind. Aus dem Konflikt zwischen den USA und China sollten wir uns so weit heraushalten, wie es geht.

Im Video: USA verhängen neue Milliarden-Strafzölle gegen China

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