Handelsstreit US-Autozölle könnten deutsche Wirtschaft in die Rezession treiben

Was droht der deutschen Wirtschaft, wenn die USA wirklich Zölle auf Autos erheben? Eine neue Untersuchung von Ökonomen sagt: Es hängt viel davon ab, ob Präsident Trump wiedergewählt wird.

Autoproduktion bei der Volkswagen-Tochter Porsche: Konjunkturpaket gefordert
Marijan Murat/DPA

Autoproduktion bei der Volkswagen-Tochter Porsche: Konjunkturpaket gefordert

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Der amerikanische Handelsminister Wilbur Ross verlieh den Aktienkursen von Autokonzernen zu Beginn dieser Woche richtigen Auftrieb. Die Verhandlungen mit den Herstellern in der EU, in Japan und Korea hätten Früchte getragen, sagte Ross. Es sei deshalb durchaus denkbar, dass die USA auf Schutzzölle - angedacht sind bis zu 25 Prozent - verzichten könnten.

Für Mitte November wird eine Entscheidung erwartet, ob es zum Ernstfall kommen soll. Von den angedrohten Maßnahmen wären vor allem die deutschen Branchenriesen Volkswagen, BMW und Daimler betroffen. Nach Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags drohen der deutschen Wirtschaft jährliche Mehrkosten in Höhe von sechs Milliarden Euro, falls Washington die Strafzölle doch einführen würde.

Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat neue Berechnungen erstellt, die an diesem Donnerstag vorgestellt werden. Im düstersten Szenario drohen Deutschland über Jahre hinweg hohe Wachstumsverluste und eine Rezession.

Es gibt aber auch Szenarien, die sich nicht so drastisch auswirken würden: "Ein Zoll, der allein auf Autos und Kfz-Teile beschränkt bleibt und keine weitere Unsicherheit erzeugt, wäre für die deutsche Wirtschaft verkraftbar, insbesondere, wenn der Konflikt auf kurze Zeit beschränkt bleibt", schreiben die Autoren in der Untersuchung. "Die Unternehmen könnten Importzölle ausgleichen, indem sie ihre Margen kurzzeitig senken. Sie würden also weniger Gewinn machen, dafür aber ihre Marktanteile halten können."

Bliebe es dabei, wäre der gesamtwirtschaftliche Effekt schmerzlich, aber noch erträglich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiele um jährlich 0,3 Prozent niedriger aus als ohne Erhöhung der Zölle, und zwar über insgesamt 18 Monate. "Dieses Szenario ist allerdings nicht wahrscheinlich", schreiben die Wissenschaftler. Viel hängt in diesem Zusammenhang vom Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr ab. Sollte Donald Trump abgewählt werden, bestehe die Aussicht, den Handelskonflikt schnell zu beenden.

Rasches Übergreifen auf andere Branchen

Hielte die US-Regierung länger an ihrer protektionistischen Politik fest, dann wären die deutschen Autohersteller und andere betroffene Unternehmen laut IMK gezwungen, die Zölle an die Endverbraucher weiterzureichen. Die Folge wären sinkende Absatzzahlen und ein Rückgang der Exporte. Schädlicher noch als die Zölle selbst wäre die zunehmende Unsicherheit, weil sich die Unternehmen mit Investitionen zurückhielten - davon wären rasch auch andere Branchen betroffen, etwa die Chemieindustrie und der Maschinenbau. Mit unmittelbaren Folgen für das Bruttoinlandsprodukt und den Arbeitsmarkt.

Im schlechtesten Fall würde das Wirtschaftswachstum in Deutschland in der Spitze um 0,7 Prozent niedriger ausfallen als ohne den Konflikt - und zwar jährlich für die Dauer der Auseinandersetzung. Da die deutsche Wirtschaft sich nach der Prognose des IMK im kommenden Jahr ohnehin an der Nullgrenze bewegt, wäre eine solche Entwicklung gefährlich. "Eine Verschärfung des Konflikts hat das Potenzial, die deutsche Wirtschaft in eine echte Rezession zu stoßen", schreiben die Ökonomen. Die negativen Effekte würden über Jahre anhalten - in der Simulation der Forscher bis 2025.

Der Bundesregierung empfehlen die Wissenschaftler deshalb, aktiv auf eine Lösung des Konflikts hinzuarbeiten. Gleichzeitig gelte es aber, auch Alternativen ins Auge zu fassen, um die Wirtschaft in einem Handelskrieg zu unterstützen. "Naheliegend wären höhere öffentliche Investitionen, also eine Art Konjunkturpaket. Das würde die Exportpreise kaum beeinflussen und hätte einen stimulierenden Effekt auf die Binnenkonjunktur", schreibt das IMK. Die schädlichen Effekte des Handelskonflikts auf das BIP könnten so etwas abgemildert werden.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
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Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
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Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
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In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
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insgesamt 52 Beiträge
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eichhörnchensheriff 07.11.2019
1. Warum läuft das eigentlich immer nur so rum?
Die Amis? Überlegen sich, sie könnten den Europäern oder den Chinesen oder sonstwem wirtschaftlich einen einschenken. Und machen ansonsten auch, was sie wollen, Beispiel Pariser Klimaabkommen. Warum verhängt Europa nicht mal ordentlich Zölle auf besonders klimaschädliche US-Produkte wie Stahl, Fleisch etc.? Damit die USA mal reagieren müssen, nicht immer nur die anderen.
grumpy53 07.11.2019
2. das könnte Trump so passen
im ersten Moment habe ich gedacht, na klar, die Entscheidungen des Herrn Trump sind oft aus dem Bauch, wenig durchdacht, Partnerschaften interessieren ohnehin nicht. Und klar, Deutschland ist ihm eh ein Dorn im Auge. Aber sich gegenseitig hochschaukeln, wird vermutlich wenig Erfolg haben. Man sollte sich gut überlegen, sich mit ihm auf eine (leider sehr niedrige) Stufe zu stellen. Und je mehr der Potus von den Untersuchungen in Richtung Ukraine oder seiner Steuerunterlagen ablenken muss, desto wilder dreht er auf. Gilt es ja, wieder gewählt zu werden. Dass er mit höheren Zöllen nicht nur die anderen trifft, sondern auch seine eigenen Leute, ist ihm egal, und die Anhänger werden im applaudieren.
kraftmeier2000 07.11.2019
3. Und dann
gibt es ja auch noch tausende Arbeitsplätze die Deutsche Autokonzerne in den USA geschaffen haben, da wäre sicher auch was machbar. Und was soll die mär vom größten Automarkt USA mit seinen knapp 250Mio Einwohnern, der ist doch schon lange ganz woanders. Also nur Mut Ihr Wirtschaftslenker, kriecht den Amis nicht immer weiter … .
Fisch1967 07.11.2019
4. Weil die USA deutlich mehr aus Europa importieren, ...
... als sie dahin exportieren und daher einer der wichtigsten Kunden der hiesigen Wirtschaft sind.
statement42 07.11.2019
5. Egal ob Zölle oder nicht ...
die deutsche Autoindustrie wird es zukünftig sowieso schwer haben. Zu lange hat sie sich selbst auf vergangenen Erfolgen ausgeruht. Zudem wurde sie politisch all zu lange hofiert. Deutschland hat die letzten 20 Jahre verschlafen sich technologisch umzuorientieren, obwohl es absehbar war das es notwendig sein würde. Aber was soll man machen wenn die politische Führung nichts anderes als ein "immer weiter so" unterstützt.
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