Fachkräftemangel Handwerkspräsident schlägt Ablöse für Azubis vor

Betriebe stecken viel Geld in die Ausbildung - und verlieren ihre Azubis dann oft an die Konkurrenz. Handwerkspräsident Wollseifer bringt für solche Fälle nun eine Ablösesumme ins Spiel.

Auszubildender in Berlin (Archivbild)
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Auszubildender in Berlin (Archivbild)


Betriebe könnten laut einem Vorschlag von Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer künftig Ablösesummen zahlen, wenn sie Azubis gleich nach der Lehre von der Konkurrenz abwerben. Zwei von drei Fachkräften, die im Handwerk qualifiziert würden, arbeiteten im Laufe ihres Berufslebens in anderen Wirtschaftsbereichen, sagte Wollseifer. "Unsere gut ausgebildeten jungen Leute werden abgeworben." Er denke deshalb über eine Entschädigung für Ausbildungsbetriebe nach, die Azubis direkt nach der Lehre verlieren.

Konkret könne man regeln, dass Auszubildende in den ersten Jahren nach ihrer Lehre nur dann den Betrieb wechseln dürften, wenn der neue Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernehme, so der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Denn die Betriebe stecken während der dreijährigen Lehre viel Geld in ihre Azubis - oft mit dem Hintergedanken, die jungen Leute später zu übernehmen und dann ohne lange Einarbeitung direkt einsetzen zu können.

Was ein Auszubildender seinen Arbeitgeber kostet, ist je nach Branche unterschiedlich. Insgesamt zahle der Betrieb aber immer drauf, sagte Wollseifer. "Die Ausbildung kostet im ersten und zweiten Jahr Geld - im ersten Jahr viel, im zweiten Jahr etwas weniger. Im dritten Lehrjahr kommt dann auch ein bisschen was rein."

Nach der aktuellsten Kosten-Nutzen-Rechnung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hat ein Betrieb pro Azubi jährliche Kosten von etwa 18.000 Euro - zugleich aber erwirtschaftet der Lehrling rund 12.500 Euro. Der Betrieb lässt sich einen passgenau ausgebildeten Mitarbeiter bei dreijähriger Ausbildung also mehr als 15.000 Euro kosten.

Handwerk besonders vom Azubi-Mindestlohn betroffen

Einige Branchen müssen derzeit zudem damit rechnen, dass die Ausbildung noch teurer wird. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) plant einen Azubi-Mindestlohn: Alle Auszubildenden sollen vom kommenden Jahr an im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro im Monat verdienen. Im zweiten und dritten Lehrjahr soll es noch mehr geben. Das Handwerk sei von diesen Regelungen besonders betroffen, sagte Wollseifer - "weil wir der stärkste Ausbilder sind". 28 Prozent aller Lehrlinge in Deutschland lernten in Handwerksbetrieben.

Die meisten von ihnen verdienen schon jetzt mehr als den geplanten Mindestlohn - aber längst nicht alle. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bekamen Ende 2017 fast 65.000 Azubis weniger als 400 Euro im Monat, weitere 50.000 unter 500 Euro - zusammen mehr als sieben Prozent aller Auszubildenden.

Vor allem ostdeutsche Betriebe müssten mit dem neuen Mindestlohn deutlich mehr in die Ausbildung investieren - zum Beispiel Metzgereien, wo Azubis nach BIBB-Daten derzeit nur 310 Euro verdienen. Auch Raumausstatter- und Friseurlehrlinge im Osten sowie angehende Schornsteinfeger in ganz Deutschland werden vom geplanten Mindestlohn profitieren.

Den Betrieben werde das Probleme bereiten, sagte Wollseifer. Sie könnten die Mehrkosten auch nicht einfach umlegen, da die Kunden nicht bereit seien, mehr zu zahlen. "Höhere Löhne und Vergütungen für Beschäftigte fordern ist das eine, aber das andere ist es, dann für die Handwerksleistung auch einen entsprechend wertschätzenden Preis zu zahlen", sagte er.

dab/dpa



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Seite 1
stefan89 03.06.2019
1. Ein gerechterer Lohn würde auch helfen
Warum wechseln die denn? Weil sie woanders mehr Geld oder bessere Arbeitsbedingungen bekommen. Dies durch eine Ablösesumme zu verhindern ist auch nicht fair.
Das Pferd 03.06.2019
2.
"Höhere Löhne und Vergütungen für Beschäftigte fordern, ist das eine, aber das andere ist es, dann für die Handwerksleistung auch einen entsprechend wertschätzenden Preis zu zahlen" Das ist richtig, aber hier sollten die Dachorganisationen des Handwerks handeln. Erst mal die Mitglieder auf Linie bringen, daß sie möglichst alle zum Stichtag die Stundensätze herauf setzen. Da wird jemand Kartell schreien, aber das ist eine für alle gleichzeitig einsetzende Belastung, kommt also bei jeder Kalkulation was ähnliches raus. Die Konjunktur gibt es her. Und gleichzeitig eine Image-Kampagne vom Verband: "Wir zahlen gute Löhne" oder so, um das ganze medial zu flankieren. Die Idee mit den Abstandszahlungen gibt es unter der Hand wohl gelegentlich (bei Schweißerpässen habe ich so was mal gehört). Wird aber schief gehen. Für einen Führungsjob mag man ein Konkurrenzverbot unterschreiben, vielleicht auch bei teuren Lehrgängen für hochbezahlte Spezialisten. Aber bei 16-Jährigen, die eine Lehre antreten? Das wird eine Schwelle bei der Gewinnung von Lehrlingen.
nurmalsogefragt 03.06.2019
3. Soll cool klingen, ist aber nur versuchte Lohndrückerei
Wie wäre es denn, den jungen Leuten nach der Ausbildung ein konkurrenzfähiges Angebot zum Berufseinstieg zu machen? (Und sie vielleicht in der Lehre schon anständig behandelt zu haben?) Dann wollen die vielleicht gar nicht weg? Stattdessen: Wechseln verbieten, dann ein besch... Angebot machen, und dann möglichst noch die nächsten Jahre immer nur Mini Lohnerhöhungen. Prozentrechnung für den Arbeitgeber: wenige Prozent Aufschlag auf ohnehin schon geringe Lohnsumme. Kann man nur hoffen, dass sofort einer damit zum Verfassungsgericht geht, wg. Freiheit der Berufswahl, und dann gewinnt.
henepo 03.06.2019
4. Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Azubis
Kann er vergessen. Sobald der erste Azubi seinen Ausbildungsbetrieb verlassen will, vom neuen Betrieb eine Ablöse gefordert wird und der Arbeitgeberwechsel nicht zustande kommt wird das spätestens vom BVerfG kassiert. Azubis sollen hier in Geiselhaft genommen werden weil Betriebe es nicht schaffen sie mit vernünftiger Vergütung und Arbeitsverhältnissen zu halten. Die persönlichen Freiheitsrechte eines Arbeitnehmers wiegen höher als das Arbeitgeberinteresse. Wenn man Azubis ausbildet muss man damit rechnen das sie gehen. Außerdem: Wie will man das kontrollieren? Wenn der Azubi nach Ende seiner Lehre seinen Arbeitsvertrag fristgerecht kündigt und woanders anfängt hat der alte Arbeitgeber kein Recht irgendwas zu verlangen. Es geht ihn nicht einmal was an wo der Azubi danach arbeitet. Ist einfach nur ein dämmlicher mimimi Vorschlag. Aber man muss als Handwerker Präsident halt solche Sachen sagen damit man wiedergewählt wird - reiner Populismus.
loncaros 03.06.2019
5.
Das ist ja wohl der Gipfel der Bräsigkeit. Wenn ein Azubi direkt nach der Ausbildung den Betrieb wechselt, dann liegt das fast immer daran, dass er im Betrieb selber nicht zufrieden ist. Miese Behandlung durch den Ausbilder, unbezahlte (weil verboten) Überstunden, Vernachlässigung der Ausbildung zu Gunsten von Arbeit, die der Firma Umsatz beschert hat usw. Vielleicht sollte der Herr mal lieber bei Ausbeuter-Ausbildern ansetzen anstatt sich hier vom Profifußball inspirieren zu lassen. Oder er zahlt Azubis eben Profifußballgehälter. Zum Glück ist diese Idee grundgesetzwidrig (Artikel 12). Aber er hat wenigstens mal wieder Farbe bekannt.
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