Studie der Hans-Böckler-Stiftung Jede fünfte Mutter reduziert wegen Corona ihre Arbeitszeit

Geschlossene Kitas, Unterricht zu Hause – die Coronafolgen belasten Familien besonders. Die Folge: ein Rückfall in althergebrachte Muster des Zusammenlebens. Besonders Frauen treten im Job kürzer.
So idyllisch wie auf diesem Symbolbild ist der Pandemiealltag mit Job und Kindern wohl nur in den wenigsten Familien

So idyllisch wie auf diesem Symbolbild ist der Pandemiealltag mit Job und Kindern wohl nur in den wenigsten Familien

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Catherine Falls Commercial / Getty Images

Die Pandemie führt zu einer Retraditionalisierung im Verhältnis der Geschlechter. Wenn Kitas oder Schulen wegen Corona schließen oder ein Amt die Kinder in Quarantäne schickt, sind es überwiegend Mütter, die zur Betreuung der Kinder zu Hause bleiben und beruflich ihre Arbeitszeit reduzieren. Daran hat sich auch im zweiten Jahr mit dem Virus nur wenig geändert, wie aus aktuellen Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervorgeht.

Bei den Müttern ist laut der sechsten repräsentativen Erwerbspersonenbefragung sogar ein gegenteiliger Trend erkennbar: Aktuell reduzieren sie zugunsten der Familie wieder fast so häufig ihre Arbeitszeit wie zu Beginn der Pandemie – wohlgemerkt: obwohl Schulen und Betreuungseinrichtungen zu den meisten Zeiten während der Coronakrise zumindest offiziell geöffnet hatten. Ein anderes Bild zeigt sich bei den Männern: Sie gingen im Frühjahr 2020 – wenn auch auf niedrigerem Niveau – zwar ebenfalls verstärkt mit den Stunden im Job runter. Davon ist im Winter 2022 jedoch so gut wie nichts mehr zu sehen.

  • Konkret gaben laut WSI im Januar 19 Prozent der Frauen mit betreuungsbedürftigen Kindern an, ihre Arbeitszeit wegen der Kinderbetreuung verringert zu haben. Im ersten Shutdown im April 2020 waren es 24 Prozent, zwischenzeitlich war der Wert jedoch wieder auf deutlich unter 15 Prozent gesunken.

  • Unter den Männern mit betreuungsbedürftigen Kindern wiederum traten den Angaben zufolge zu Beginn der Krise noch mehr als 15 Prozent für die Familie beruflich kürzer. Seit etwa einem Jahr liegt der Wert jedoch bei kaum mehr als fünf Prozent.

Die Zahlen dokumentieren einen Rückfall in althergebrachte Muster des Zusammenlebens. Über die genauen Beweggründe macht die Erhebung keine Aussagen. Klar ist laut den WSI-Forschern Bettina Kohlrausch und Andreas Hövermann aber, dass sich Mütter besonders stark belastet fühlen. »Offenbar wirkt sich hier aus, dass Schulen und Kitas zwar grundsätzlich offen sind, der Betreuungsbedarf durch häufige Infektionen oder Quarantäne von Kindern aber trotzdem sehr groß und kaum vorab planbar ist«, heißt es in einer Mitteilung  des WSI.

Nur noch ein Drittel zufrieden mit Krisenmanagement der Regierung

Es seien nun vor allem bei Eltern und insbesondere Müttern Belastungsgefühle, bei denen in den vergangenen Wochen die Sorge um den sozialen Zusammenhalt und die Kritik am Umgang der Politik mit der Krise spürbar angestiegen sind. »Eltern, vor allem Mütter, fühlen sich alleingelassen und zunehmend ausgelaugt. Das führt zu einem massiven Vertrauensverlust«, sagt Kohlrausch. Sie fordert deshalb verstärkte familien- und bildungspolitische Anstrengungen: »Die coronabedingten Rückstände und Lücken, die etwa bei vielen Schülerinnen und Schülern entstanden sind, werden nicht von selbst verschwinden, wenn die akute Pandemie ausläuft. Dagegen etwas zu tun, bleibt eine Aufgabe über Jahre.«

Insgesamt zeigen sich laut der Befragung nur noch 31 Prozent der Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden in Deutschland zufrieden mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung – nach 40 Prozent im Juli 2021 und bis zu 67 Prozent kurz nach Ausbruch der Pandemie. Da es Deutschland jedoch bislang vergleichsweise gut gelinge, Erwerbsarbeit durch Kurzarbeit und Co. zu sichern, sei die eigene finanzielle Belastung indes weiterhin moderat. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Menschen mit Niedrigeinkommen leiden laut der Befragung so stark wie noch nie seit Beginn der Pandemie.

Für die Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung wurden von Anfang bis Mitte Januar 6419 Erwerbstätige und Arbeitsuchende von Kantar Deutschland online zu ihrer Lebenssituation während der Pandemie befragt. Dieselben Personen waren bereits im April, im Juni und im November 2020 sowie im Januar und im Juli 2021 interviewt worden, allerdings teilweise nicht mit dem vollständigen Fragebogen. Die Befragten bilden die Erwerbspersonen in Deutschland im Hinblick auf die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland repräsentativ ab. Durch die Panelstruktur lassen sich Veränderungen im Zeitverlauf herausarbeiten.

apr
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