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03. April 2018, 14:56 Uhr

Umfrage

Große Mehrheit will Hartz IV grundlegend ändern

Sechs von zehn Menschen in Deutschland wollen das Ende von Hartz IV. Doch eine Umfrage für den SPIEGEL zeigt auch: Nicht in allen politischen Lagern findet die Forderung nach grundsätzlichen Änderungen eine Mehrheit.

"Schluss mit Hartz IV", fordert Berlins SPD-Regierungschef Michael Müller. "Wir brauchen eine Alternative zu Hartz IV", stimmt SPD-Vizeparteichef Ralf Stegner zu. Auch Grünen-Chef Robert Habeck sagt: "Die Zeit ist über Hartz IV hinweggegangen." Und die Linke ist ohnehin seit jeher für eine Abschaffung des gemeinhin als Hartz IV bezeichneten Arbeitslosengelds II.

Binnen weniger Wochen ist die Debatte um die Zukunft des Grundsicherungssystems ganz nach oben auf die politische Tagesordnung gerückt. Die erklärten Hartz-IV-Gegner können dabei für sich in Anspruch nehmen, für eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland zu sprechen.

Denn eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL macht deutlich: Sechs von zehn Befragten wollen grundsätzliche Änderungen am bestehenden Hartz-IV-System, nur 31,4 Prozent wollen es beibehalten.

Auffällig ist vor allem der Unterschied beim Grad der Überzeugung zwischen Gegnern und Befürwortern von Hartz IV: Während sich bei den Gegnern rund zwei Drittel "eindeutig" und nur ein Drittel "eher" für Änderungen aussprechen, ist das Lager der Befürworter weit weniger entschieden. Hier ist der Anteil derjenigen, die sich "eher" für eine Beibehaltung aussprechen genau so groß wie der jener, die das "eindeutig" tun.

Allerdings wird Hartz IV nicht von den Anhängern aller Parteien mehrheitlich abgelehnt. Es zeigt sich eine deutliche Lagerbildung: Die Wähler von CDU, CSU und FDP wollen jeweils mit einer knappen Mehrheit am Arbeitslosengeld II festhalten, allerdings sind auch hier jeweils knapp 40 Prozent für grundsätzliche Änderungen. Die Anhänger aller anderen Parteien sind mehr oder weniger deutlich für ein Ende von Hartz IV.

Am größten ist die Ablehnung mit 90,3 Prozent bei den Wählern der Linken, hier ist auch der Anteil der entschiedenen Gegner mit 72,3 Prozent besonders groß. Doch auch drei von vier SPD-Wählern wollen Hartz IV abschaffen, bei den Grünen sind es rund zwei Drittel. Die Meinung der AfD-Wähler entspricht fast genau dem Durchschnitt aller Befragten.

Ansonsten zeigt die Umfrage: Ob Jung oder Alt, Männer oder Frauen, Abitur oder Hauptschulabschluss - stets ist eine Mehrheit der Befragten für deutliche Änderungen bei Hartz IV.

So lehnt sogar eine Mehrheit der Rentner das Arbeitslosengeld II ab, obwohl sie persönlich davon gar nicht mehr betroffen sein können. Auch bei den Selbstständigen sind rund sechs von zehn Befragten für die Abschaffung. Am größten ist der Wunsch nach grundsätzlichen Änderungen bei Arbeitslosen, also den zumindest potenziell Betroffenen, sowie bei Studenten.

Zudem scheint die Unzufriedenheit mit dem Hartz-IV-System umso größer, je mehr Menschen in der näheren Umgebung davon betroffen sind. Darauf deuten zumindest die Unterschiede hin, die sich unter den Befragten hinsichtlich der Kaufkraft ihres Wohnorts ergeben. Je niedriger diese ist, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass es viele Hartz-IV-Bezieher gibt.

In Regionen mit sehr niedriger Kaufkraft ist die Ablehnung mit mehr als 70 Prozent deutlich höher als in Regionen mit sehr hoher Kaufkraft. Doch auch dort sind die Gegner des Hartz-IV-Systems mit fast 54,7 Prozent immer noch deutlich in der Mehrheit.

Anmerkungen zur Methodik: Das Meinungsforschungsinstitut Civey berücksichtigte für das Gesamtergebnis die Antworten von 5097 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählten Befragten vom 29. März bis 3. April. Der statistische Fehler lag bei 2,5 Prozent für die Gesamtmenge der Befragten; andere Werte sind jeweils angegeben.

fdi

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