Hartz IV in Corona-Zeiten Grundverunsicherung

In der Coronakrise werden viele Lebensmittel teurer. Menschen in Grundsicherung trifft das besonders hart, immer mehr kommen zur Tafel. Doch die Bundesregierung lehnt Hartz-IV-Zuschüsse bisher ab.
Lebensmittel-Tafel (Archivbild): Immer mehr Neukunden in der Corona-Pandemie

Lebensmittel-Tafel (Archivbild): Immer mehr Neukunden in der Corona-Pandemie

Foto: Heike Lyding/ imago images/epd

Manchmal bemisst sich der Wert einer Wurst nicht nur am Preis. Marita Kloth-Vogt nimmt sie von einer Frau entgegen. "Ist edel, aber ist für den Hund", sagt die Frau. Kloth-Vogt bedankt sich. "Schön", sagt sie. "Hier kommt nachher einer, der hat nicht mal Schuhe, aber einen Hund. Für den kaufe ich von der Frau manchmal ein bisschen Hundefutter und dann schenke ich ihm das."

Kloth-Vogt steht auf dem Steinparkplatz der Tafel in Hamburg-Harburg in der Sonne, auf dem Tisch vor ihr packt eine Kundin Lebensmittel von einer Kiste in eine Tüte. Die Einfahrt hinauf stehen Menschen auf roten Markierungen und reden miteinander - über den Abstand hinweg.

Kloth-Vogt hat die dunklen Haare zum Zopf gebunden, ein Mundschutz mit bunten Herzen bedeckt ihr halbes Gesicht. Seit fast 20 Jahren ist sie bei der Tafel in Hamburg-Harburg als Ehrenamtliche aktiv und immer dienstags als Tagesleitung dafür zuständig, dass alle Kunden versorgt werden.

Bei der Tafel sind Lebensmittel oft nicht nur Nahrung für hungrige Mägen, sondern auch Fürsorge - ein Zeichen, dass jemand an einen denkt.

In der Coronakrise ist beides wichtig. Denn Bezieher von Grundsicherungsleistungen wie Hartz IV treffen die Folgen der Pandemie besonders hart: Sie müssen mit wenig Geld auskommen, obwohl viele günstige, haltbare Lebensmittel ausverkauft sind und sich Nahrungsmittel im März so stark verteuert haben wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Fleisch und Obst kosteten dem Statistischen Bundesamt zufolge rund neun Prozent mehr, auch die Preise für günstige Milch und Milchprodukte werden wohl angehoben.

Ein Drittel mehr für den Einkauf

Viele Menschen in Hartz IV oder Altersgrundsicherung sind deshalb umso dringender auf die Unterstützung von Freunden, Bekannten und Tafeln angewiesen, um über den Monat zu kommen. Zu diesen Menschen gehört auch Christiane Marcks. Die 50-Jährige bezieht wegen einer Krankheit Grundsicherung und sagt, sie gebe derzeit rund ein Drittel mehr für den Einkauf aus. Deshalb habe sie in einer Facebook-Gruppe nach Tipps für günstige Lebensmittel gefragt, eine fremde Frau habe ihr daraufhin zwei gefüllte Supermarkttüten geschenkt. Auch die Nachbarn unterstützten sie.

"Ohne diese Hilfe hätte ich keine Chance", sagt Marcks am Telefon. "Für eine Packung Klopapier müsste ich, wenn es überhaupt mal welches gäbe, statt drei Euro auf einmal sechs Euro bezahlen. Oder anstatt 79 Cent für eine Tüte Mehl hätte ich dann plötzlich 2,35 Euro zahlen müssen. Von welchem Geld denn?"

Im Monat habe sie nach Abzug der Stromkosten und eines Jobcenter-Darlehens 313 Euro zum Leben. Zweimal habe sie wegen der Pandemie schon versucht, einen weiteren Kredit in Höhe von hundert Euro zu beantragen, erzählt sie. Aber beide Anträge habe das Jobcenter abgelehnt. "Als Hartz-IV-Empfänger wird man komplett im Regen stehen gelassen."

Mehr als 30 Prozent der Tafeln geschlossen

Inzwischen haben auch Gerichte bestätigt, dass Hartz-IV-Empfängern kein Mehrbedarf für den Maskenkauf oder das Anlegen von Lebensmittelvorräten  zusteht. Wenn dann noch die ehrenamtliche Unterstützung ausbleibt, kann es eng werden. Stefanie Jensen, 53 Jahre alt, sagt, sie habe "riesengroße Probleme bekommen", als ihre örtliche Tafel wegen der Corona-Pandemie schloss. Von ihrer Erwebsminderungsrente blieben ihr monatlich 230 Euro zum Leben, erzählt sie am Telefon. Davon verschlängen die Katzen, die sie schon lange besitze, 80 Euro.

Von rund 950 Tafeln in Deutschland können derzeit gut 300 nicht arbeiten – wegen engen Räumlichkeiten, fehlenden Ehrenamtlichen oder ausbleibenden Warenspenden. In Jensens Nähe in Hamburg wurde eine mobile Tafel eingerichtet, zu der sie gegangen sei. "Aber von dem, was in der vorgepackten Tüte war, kann ich keine Woche leben", sagt sie. Kein Brot, kein Aufschnitt, kein Gemüse oder Obst, dafür Schweinegulasch, Joghurtdrinks und Tütensuppen.

Jetzt tausche sie Gegenstände, die sie nicht mehr brauche, auf einem Kleinanzeigenportal: "Aktuell biete ich einen Kaffeeautomaten gegen Katzenfutter, weil ich festgestellt habe: Geld wollen die Leute nicht bezahlen, aber wenn man einen Tausch anbietet, kaufen sie 20 Tüten Katzenfutter für je einen Euro ein" - und tauschen sie gegen den Kaffeeautomaten.

Kaffeeautomaten gegen Katzenfutter (Symbolbild)

Kaffeeautomaten gegen Katzenfutter (Symbolbild)

Foto: imago images/Westend61

Eine Freundin habe außerdem einen Hilfeaufruf für mehrere Menschen in den sozialen Medien gestartet. Mit den Lebensmitteln, die dort zusammengekommen seien, schaffe sie es über den Monatswechsel. Sie hoffe, sich irgendwann bei ihren Unterstützern revanchieren zu können.

Verbände, Gewerkschaften und Parteien fordern Hartz-IV-Zuschuss

Ulrich Schneider hört viele solcher Geschichten und kann nicht nachvollziehen, dass die Bundesregierung Grundsicherungsempfänger nicht stärker finanziell unterstützt. Schneider ist Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, der zusammen mit 18 weiteren Verbänden und Gewerkschaften  für dieses Jahr einen temporären Aufschlag von hundert Euro auf die Grundsicherung fordert. Auch Linke, Grüne, ein Teil der SPD und sogar die FDP haben sich für solche Corona-Zuschüsse ausgesprochen.

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Schneider sagt, schon vor Corona hätten Leistungsempfänger oft improvisieren müssen. Aber mit den höheren Lebensmittelpreisen, den Summen für Masken und Desinfektionsmittel, geschlossenen Tafeln und Schulkantinen seien viele dieser Menschen "inzwischen in existenzieller Not".

Die Bundesregierung sieht das anders. Das Bundesarbeitsministerium teilt auf Anfrage mit, man arbeite daran, "soziale Härten in der Corona-Pandemie abzufedern" und nennt als Beispiel den beschlossenen einfacheren Zugang zur Grundsicherung und zum Kinderzuschlag sowie eine Lösung, die eine Lieferung von kostenlosen Schulmittagessen ermöglichen soll. Aber reicht das?

Angst vor Bedarfsdiskussion?

Vom Ministerium heißt es, weitere Maßnahmen würden geprüft. Die Regelsätze umfassten allerdings mehr als nur Lebensmittel - "bei der Frage, welche Auswirkungen Erhöhungen von Lebensmittelpreisen haben könnten, kann es folglich nur um einen Teilbetrag gehen". Erhöhte Preise glichen sich normalerweise "zumindest teilweise im Jahresverlauf auch wieder aus". Man würde beobachten, ob die Preissteigerungen stärker als sonst und dauerhaft seien.

Schneider will das so nicht hinnehmen: "Ich frage mich langsam, wie dreckig muss es Menschen in Deutschland noch gehen, bevor die Politik handlungsfähig wird", sagt er - und vermutet, dass hinter der Ablehnung eines Corona-Zuschlags noch etwas anderes steht: die Angst vor einer "Bedarfsdiskussion".

Alle fünf Jahre werden die Regelsätze neu festgelegt. Die kommende Neuberechnung steht noch in diesem Jahr an und soll zum Jahresbeginn 2021 in Kraft treten. Darauf verweist auch das Ministerium bei der Frage nach einer zeitweisen Regelsatzerhöhung. Schneider mutmaßt, man wisse, wie "brisant" die Debatte über eine Erhöhung der Regelsätze in dieser Situation werden könne und wolle "diesen Deckel nicht öffnen".

Er gibt zu bedenken, dass Regelsatzerhöhungen zudem zu weniger Steuereinnahmen führen, weil der Regelsatz eine der Grundlagen für die Festlegung des steuerlichen Grundfreibetrags ist. Schneider beziffert die Mindereinnahmen auf 50 Millionen Euro pro Euro Regelsatzerhöhung und vermutet, auch deshalb tue man sich schwer mit Anhebungen.

Darüber hinaus führt eine deutliche Erhöhung der Regelsätze Experten zufolge  zu mehr Anspruchsberechtigten. Insbesondere die Zahl der sogenannten Aufstocker, die trotz Einkommen Leistungen vom Jobcenter erhalten, steigt dann an. Auf dem Papier gibt es nach einer deutlichen Regelsatzerhöhung also mehr Bedürftige.

"Es sieht dann wirklich aus wie im Edeka"

Während politisch diskutiert wird, steigt laut Tafel-Dachverband wegen der wirtschaftlichen Folgen der Krise deutschlandweit die Zahl der Menschen, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. In Hamburg-Harburg sind es an diesem Dienstag 135, davon circa 40 Kunden von anderen Wochentagen, anderen Tafeln oder Neukunden, sagt Tagesleiterin Kloth-Vogt. Normalerweise seien es zwischen 85 und 100 Kunden. Am Dienstag dürften eigentlich auch nur Menschen mit Schwerbehindertenausweis kommen, aber diese Woche gebe es noch eine Ausnahme.

Tafelkiste mit frischen Lebensmitteln in Harburg

Tafelkiste mit frischen Lebensmitteln in Harburg

Foto: Katharina Koerth/ DER SPIEGEL

Auf dem Tafel-Parkplatz in Harburg steht Joachim Krüger mit Fußballschal vor dem Mund und St. Pauli-Kappe auf dem Kopf und freut sich über das dennoch üppige Angebot. In den Kisten liegen noch Schokoladenhasen von Ostern und Erdbeeren. "Richtig toll", sagt Krüger. Früher sei er zur See gefahren und habe mit Restposten gehandelt. Heute reiche die Rente nicht zum Leben und er werde durch Grundsicherung aufgestockt.

Normalerweise dürfen die Kunden in Harburg in den kleinen Ausgaberaum kommen und sich einen Teil der Ware selbst aussuchen. "Es sieht dann wirklich aus wie im Edeka", sagt Kloth-Vogt. "Das Gemüse wird geputzt, das Obst sortiert und erst dann wird der Laden geöffnet."

In Corona-Zeiten bereiten die Helfer bereits am Montag 70 Kisten vor und die Tafel öffnet am Dienstag drei Stunden früher. So sollen lange Schlangen vermieden werden. Das sei gerade bei den schwerbehinderten Dienstagskunden wichtig, sagt Kloth-Vogt. Drinnen packen dann die ehrenamtlichen Helfer die Lebensmittel in die Kisten, draußen füllen die Kunden sie in ihre Tüten.

Eine Tafelkundin in Harburg begutachtet die Lebensmittel: Was sie nicht essen möchte, verschenkt sie

Eine Tafelkundin in Harburg begutachtet die Lebensmittel: Was sie nicht essen möchte, verschenkt sie

Foto: Katharina Koerth/ DER SPIEGEL

In Harburg liefern die Supermärkte zum Glück wie gewohnt an die Tafel. Jeder Kunde bekommt an diesem Dienstag zwei Kisten, eine mit trockenen Produkten wie Müsli, Kartoffelpüree, Ayran und Aufbackbrötchen und Kühlprodukten wie Schinken, Aufschnitt, Joghurt und Pudding. In der zweiten Kiste sind frische Waren: Gemüse, Bananen, Äpfel, sogar ein bisschen Spargel gibt es.

Kunde Krüger nutzt die Tafel auch, um soziale Kontakte zu pflegen. "Man kennt sich", sagt er und hilft einer Frau beim Tütentragen. Als er wiederkommt, folgt ihm an der Leine ein kleiner, brauner Hund. "Sogar den Hund hat er von der Tafel", sagt Helferin Kloth-Vogt. Sie habe ihn an Krüger vermittelt, nachdem die Besitzerin gestorben sei.

Als Krüger geht, fällt Kloth-Vogt die Hundewurst wieder ein, die sie immer noch in der Hand hält. Sie weiß nicht, ob der Mann ohne Schuhe noch kommt. "Dann kann ich ihm auch die Wurst schenken", sagt sie und läuft hinter Krüger her.