BER-Chef auf der Kippe Wenn Politiker einen Flughafen bauen

Der Berliner Pannenflughafen BER bekommt womöglich schon wieder einen neuen Chef. Dabei ist das größte Problem des Hauptstadtairports nicht das Versagen der Manager - sondern der fatale Einfluss der Politik.

Symbolischer Spatenstich zum Baubeginn 2006
DPA

Symbolischer Spatenstich zum Baubeginn 2006

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es ist gar nicht so einfach zu erklären, was sich derzeit beim Berliner Pannenflughafen BER abspielt. Seit zwei Jahren trägt dort Karsten Mühlenfeld die Verantwortung. Der ehemalige Rolls-Royce-Manager hat die schwierige Aufgabe bisher den Umständen entsprechend recht geräuschlos erfüllt. Die Arbeiten gehen voran, auch wenn immer wieder Probleme auftauchen, die das Projekt zurückwerfen. Der BER sei eine "komplexe Sanierung im Bestand", sagt Mühlenfeld. Das kann schon mal etwas länger dauern.

Doch nun überstürzen sich plötzlich die Ereignisse: Mühlenfeld steht möglicherweise vor dem Aus - wegen einer Personalie.

Weil Mühlenfeld den für die Bauarbeiten zuständigen Manager Jörg Marks entlassen hat, sehen Teile des Aufsichtsrats offenbar keine Grundlage mehr für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit. Schon bei ihrer Sitzung an diesem Mittwoch könnten die Kontrolleure Mühlenfelds Abgang beschließen.

Die Hintergründe sind dabei mehr als seltsam: Die Aufseher - größtenteils Abgesandte der Länder Berlin und Brandenburg sowie des Bundes - reklamieren keineswegs eine schwerwiegende Fehlentscheidung Mühlenfelds, die womöglich das gesamte Projekt gefährden würde. Sie sind vielmehr einfach empört darüber, dass der 53-Jährige eigenmächtig und angeblich gegen anderslautenden Rat gehandelt und anschließend in einem Interview erklärt hat, sich in der Angelegenheit eng mit den Aufsehern abgestimmt zu haben.

Berlin ist ein spezieller Fall

Man muss den Sachverhalt von konkreten Namen und Hinweisen befreit erzählen, um die ganze Absurdität deutlich zu machen: Da gelangt der Geschäftsführer eines Unternehmens zu der Überzeugung, dass einer der hochrangigen Manager seine Sache nicht im Griff hat. Er trifft die Entscheidung, sich von dem Mann zu trennen, obwohl der Aufsichtsrat seine Gründe und den Zeitpunkt für nicht überzeugend hält.

Normalerweise kommt es zu einem Gespräch hinter verschlossenen Türen, in dem Für und Wider gegeneinander abgewogen wird. Am Ende fällt der Geschäftsführer die Entscheidung, denn er trägt die Verantwortung. Die Reißleine zieht der Aufsichtsrat erst, wenn er die vereinbarten Ziele gefährdet sieht, oder das Wohl des Unternehmens.

Fotostrecke

18  Bilder
BER: Die peinlichsten Pannen

Doch Berlin - und ganz speziell der Flughafen Berlin Brandenburg - ist ein besonderer Fall. Da spielen Erwägungen anderer Art traditionell eine wichtige Rolle. Die aktuelle Diskussion um Mühlenfeld ist nur ein neues Beispiel dafür, wie Politiker die Entstehung des neuen Großflughafens immer wieder torpedieren.

Die Liste der fatalen Fehlentscheidungen in der Geschichte der BER-Planung ist lang. Hier nur die wichtigsten Fälle:

  • Noch kurz vor Baubeginn im September 2006 entschied der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit beim Bau des BER auf einen Generalunternehmer zu verzichten, weil ihm das Angebot des Hochtief-Konzerns zu teuer erschien. Konsequenz: Die gesamte Verantwortung lag nun bei der Flughafengesellschaft und ihren Planern. Aufträge mussten einzeln ausgeschrieben werden und wurden, weil die Brandenburger Landesregierung das so wünschte, in kleinen Losen vergeben, damit auch brandenburgische Kleinunternehmer vom BER profitierten.
  • Auch die nachträglichen Sonderwünsche führten zu kostspieligen und zeitraubenden Umplanungen - oft folgten sie dem Wunsch der Politik, den neuen Flughafen zu einem internationalen Drehkreuz auszubauen. Prominentestes Beispiel dafür ist der nachträgliche Anbau einer zweiten Fluggastbrücke für den Super-Airbus A380. In der Folge musste die gesamte Ladenzeile neu sortiert werden, weil einzelne Mieter die Nähe zum A380-Steig als Klausel in ihren Mietverträgen festgelegt hatten.
  • Die verheerendste Rolle spielte die Politik jedoch, nach dem geplatzten Eröffnungstermin im Juni 2012. In einer Art Kurzschlusshandlung hatte der Aufsichtsrat die Kündigung der bisherigen Planer beschlossen. Und schickte damit jene Experten in die Wüste, die über Pläne, Dispositionen und auch über die Probleme des Projekts genauestens Bescheid wussten. Nach Überzeugung von Kennern hat sich die Flughafengesellschaft bis heute nicht von diesem Know-how-Verlust erholt.

Vor diesem Hintergrund erscheinen auch Vorwürfe gegen Mühlenfeld in anderem Licht, die derzeit im politischen Berlin verbreitet werden, um den geplanten Rausschmiss zu rechtfertigen. So seien die Arbeiten unter seine Ägide viel zu langsam vorangekommen, Termine für die Vollendung einzelner Bauabschnitte bislang nur in Einzelfällen eingehalten worden. Inzwischen hält man es sogar für möglich, dass auch der jüngste Eröffnungstermin 2018 platzen wird, auch wenn dies offiziell niemand bestätigt.

Bezahlt wird nach Stunde, nicht nach Leistung

Für Aufsehen sorgte zudem die Nachricht, dass die Probleme mit der Sprinkleranlage und den Automatiktüren immer noch nicht gelöst sind, die schon bei der Absage der großen Eröffnungs-Gala im Juni 2012 eine entscheidende Rolle spielten.

Dass Mühlenfeld und seine Leute dieses Problem noch nicht gelöst haben, liegt jedoch auch an den Lasten der Vergangenheit: Weil der damalige Aufsichtsratschef und Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit nach dem Eröffnungsfiasko damals alle Verträge kündigte, besteht keine Möglichkeit mehr, die beteiligten Firmen zu einer schnellen Lösung der Probleme zu motivieren - auf der Baustelle werden Ingenieure und Arbeiter jetzt nach Stunden bezahlt und nicht für die Erfüllung der Aufgabe.

Flughafenchef Mühlenfeld
DPA

Flughafenchef Mühlenfeld

Selbst wenn Mühlenfeld die Abstimmung in der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am Mittwoch übersteht: Nach dem halböffentlichen Misstrauensvotum aus der Politik dürfte es für seine Arbeit nicht leichter werden. Er wäre angezählt, was ebenso für den von ihm eingestellten Ex-Bahnmanager Christoph Bretschneider gilt.

Findet sich dagegen eine Mehrheit für das Misstrauensvotum, müsste schnellstens ein neuer Chef her, der überdies genaue Kenntnisse von dem Projekt besitzen sollte, um nicht noch weitere Verzögerungen bis zur Eröffnung des BER zu riskieren. Einer der Kandidaten ist ausgerechnet Verkehrsstaatssekretär Rainer Bomba, der von Anfang an mit von der Partie war - und damit auch einen Teil der Verantwortung für die bisherigen Verwerfungen trägt.


Zusammengefasst: Nach der Entlassung eines Managers steht BER-Chef Karsten Mühlenfeld selbst vor dem Ende seiner Laufbahn beim Hauptstadtflughafen. Dabei ist nicht erkennbar, welche Verfehlung sich der Manager geleistet hat, die einen solchen drastischen Schritt rechtfertigt. Ein neues Beispiel dafür, wie fatal der Einfluss ist, den die Berliner Politik auf den Hauptstadtflughafen ausübt.



insgesamt 151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bauigel 01.03.2017
1. Selbst Schuld
Wer Politiker wählt weil sie tolle Partygänger sind und Sprüche wie "Berlin ist arm aber geil" oder "Ich bin schwul und das ist gut so" rauslassen, muss sich nicht über doe Politik solcher Selbstdarsteller wundern. Jeder der damals Wowereit gewählt hat, sollte eine Sonderangabe leisten.
der_glückliche 01.03.2017
2. Wowereit war das größte Problem
Wie oft allein er in die Planung eingegriffen hat, ist unfassbar. Eine ARD-Doku darüber darf nicht mehr gesendet werden, damit er kürzlich bei Lanz lügen konnte, es sei eine Frechheit, ihn mit dem BER-Scheitern in Verbindung zu bringen.
the_seer 01.03.2017
3. Dier Artikel …
… wurde mit Sicherheit von jemanden geschrieben, der keinerlei Erfahrung mit Bauabläufen hat. Zunächst einmal ist es im Gegensatz zur Darstellung hier tatsächlich von Vorteil, einen Werkvertrag nicht mit einem GU abzuschließen, wenn noch gar nicht genau klar ist, was überhaupt genau gebaut werden soll, also bereits bei Baubeginn mit Vertragsänderungen und Nachträgen zu rechnen ist. Kleine Unternehmen neigen nämlich sehr viel weniger (wegen fehlender juristischer Erfahrung) als gar nicht dazu, aus Vertragsänderungen Kapital zu schlagen und die rechtlichen Möglichkeiten hierzu voll auszuschöpfen (große Konzerne haben hierzu teilweise eigene Stellen um Nachträge zu finden und können eher den gesamten Bauablauf blockieren). Weiter ist es völlig klar, dass auf einer Chaos-Baustelle (nichts anderes ist BER mittlerweile) Arbeiter und Ingenieure nach Stunden bezahlt werden, da weder Auftraggeber noch Auftragnehmer die zu erbringende Leistung in dieser Verworrenheit überhaupt definieren können. (Da meine Kommentare regelmäßig zensiert werden, während völlig daneben liegende und beleidigende Beiträge hier regelmäßig veröffentlicht werden, gehe ich davon aus, dass das auch hier der Fall ist und ich den Text mal wieder für `die Katz` geschrieben habe).
Ralf1234 01.03.2017
4. Nicht mehr witzig
Wo ist denn der Aufschrei der Empörten hier ? Es werden Milliarden verbrannt, der Ruf Deutschlands als Land der Ingenieure wird durch den Dreck gezogen und was passiert, NICHTS! Gibt es Großdemos in Berlin oder Brandenburg, NEIN, habe ich beim diesjährigen Karneval einen Motivwagen zu dem Thema gesehen, im Fernsehen zumindest nicht. Schande !
emd 01.03.2017
5. Liebe Berliner...
... laßt es einfach sein. Macht 'nen Bauzaun drumherum, schickt die beteiligten Firmen nach Hause und schließt ab. Die Natur wird sich schon nach und nach das Terrain zurückerobern und zwar vermutlich schneller, als dieser Flughafen eröffnet würde. Die Völker der Welt schauen auf diese Stadt. Und lachen sich krumm. Laßt es sein. Es wird nix mehr.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.