Leitkulturdebatte Wir heimatlosen Gesellen

"Heimat" als politische Kategorie: Sigmar Gabriel sorgt mit seinem SPIEGEL-Essay für Aufsehen - dabei greifen seine Ideen zu kurz. Drei Thesen zum Nachdenken.

Weihnachtsmarkt in Lübeck
SUKI/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Weihnachtsmarkt in Lübeck

Eine Kolumne von


Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Es ist die Jahreszeit, da viele dorthin zurückkehren, wo sie aufgewachsen sind. Andere bekommen Besuch von jenen, die lange fort waren. So oder so, Weihnachten konfrontiert uns mit Heimat. Kindheitserinnerungen werden wach. Wir nehmen die vertraute Umgebung mit neuen Augen wahr. Veränderungen fallen umso stärker auf.

Mit Befremden stellen wir fest, dass die Zeit nirgendwo stillsteht, nicht mal an jenen Orten, die wir für unveränderbar gehalten hatten. Uns wird klar, dass die Zeit keine Pause macht - dass "das Leben keine Replay-Taste" hat, wie der Philosoph Rüdiger Safranski formuliert hat.

So gesehen, wirft uns Weihnachten auf uns selbst zurück. Das Fest der Rituale stellt das Gewohnte infrage, weil eben nie wieder irgendetwas sein wird, wie es war.

Ausgerechnet in diese Jahreszeit des Besinnens und des Befremdens ist Sigmar Gabriel mit seiner Forderung geplatzt, die Sozialdemokraten sollten sich fortan verstärkt um Heimat und Leitkultur kümmern. Ein Essay, veröffentlicht vorige Woche im SPIEGEL, der Aufsehen erregt hat und Debatten anregt.

Den ganzen Essay finden Sie hier...

Gutes Timing, zweifellos. Es ist Weihnachten, und die abermals in eine Große Koalition gedrängte Sozialdemokratie ist, wie so häufig, im verunsicherten Zustand der Selbstzweifel verstrickt.

Der nächste GroKo-Deal - und was bleibt danach von der SPD? Verliert sie dann vollends die Verbindung zum unbehaglichen Bauchgefühl vieler Bürger?

Man kann Gabriels Text als Aufruf verstehen, das Vertraute und das Kleinräumige zu verteidigen gegen das Fremde und das Globale. Man kann ihn lesen als Versuch, sich konservative Begriffe anzueignen. Als Auftrag, die öffentliche Gefühlssphäre von den Ganzrechten im populistischen Lager zurückzuerobern. Als Bemühen, eine neue linke Sprache zu finden, die emotional aufgeladen ist und dadurch mehr zu bieten hat als die üblichen sozialdemokratischen Forderungen nach ein paar technokratischen Reformen am großen, kalten Sozialstaat.

Einerseits ist Gabriels Ansinnen verständlich. Andererseits endet sein Essay gerade dort, wo es spannend wird.

Ein Aufruf gegen die Mutlosigkeit

Wir sollten uns vor falschen Gegensätzen hüten. Heimat und Globalisierung schließen sich keineswegs wechselseitig aus - sie bedingen einander. Ohne Patriotismus ist eine offene Wirtschaftsordnung kaum vorstellbar. Ohne selbstbewusste kollektive Identität sind Gesellschaften kaum handlungsfähig.

Es ist fast zwölf Jahre her, seit ich versucht habe, diese Thesen rational zu begründen. Im Frühjahr 2006 erschien das Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung". Die Begriffe waren bewusst gewählt, und sie waren als Provokation gemeint. "Patriotismus" und "Vaterlandsliebe" gehörten damals nicht zum Sprachgebrauch. Das Buch kam in eine Zeit, als die Bundesbürger sich noch in einem unaufhaltsamen Abstieg gefangen sahen.

Deutschland war damals ausgezehrt: fünf Millionen Arbeitslose, das schwächste Wachstum in Europa, große Löcher im Staatshaushalt. Schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkten Mitte der Nullerjahre nur Rechtsausleger (was sich allerdings im Sommer jenes Jahres beim Fußball-WM-Sommermärchen schlagartig ändern sollte). Das Buch war eine nüchterne Analyse zur mental-ökonomischen Lage der Nation. Und es war, nebenbei, ein zorniger Aufruf gegen die damals verbreiteten Untergangsgefühle.

Seither hat sich eine Menge verändert. Der Nationalismus ist weltweit auf dem Vormarsch. Falsche Patrioten sind dabei, die offene Weltordnung einzureißen. 2017 ist das Jahr, in dem Großbritannien formal seinen EU-Ausstieg eingeleitet hat, Trump ins Weiße Haus eingezogen ist, Xi Jinping beim KP-Parteikongress China auf einen stramm patriotischen Kurs getrimmt hat, in Österreich die FPÖ in die Regierung gelangt und in Deutschland erstmals eine Rechtspartei in den Bundestag gekommen ist. Die Liste ließe sich verlängern.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:42 Uhr
Ohne Gewähr

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Henrik Müller
Nationaltheater: Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen

Verlag:
Campus Verlag
Seiten:
220
Preis:
EUR 19,90

Falscher Patriotismus, weil sich all diese Figuren nicht zuvörderst darum scheren, das Wohlergehen ihrer eigenen Bevölkerung zu sichern, sondern weil es ihnen zuallererst um Abgrenzung gegenüber inneren und äußeren Gegnern geht. Dafür nehmen sie immense Risiken in Kauf - nicht nur, weil internationale Fragen sich in unkooperativem Klima kaum beantworten lassen, sondern auch sie sich unmittelbar selbst schaden.

Die ersten Brexit-bedingten Wohlstandseinbußen in Großbritannien illustrieren den Holzweg, auf dem sich große Teile der Welt befinden. Ganze Nationen handeln gegen ihre langfristigen Interessen. Vernünftig ist das nicht. Doch im großen Nationaltheater geht es vor allem ums Drama, nicht ums Happy End.

Wie also sollten wir es mit der Heimat halten?

Hier sind drei Thesen:

These 1: Eine vollständig globalisierte Gesellschaft wäre nicht funktionsfähig. Wenn alle ständig umzögen - von einer Region zur anderen, von einem Land zum anderen -, dann gäbe es niemanden, der langfristig investiert. Es wäre kaum möglich, Bildung, Kultur, soziale Werte und Normen voranzubringen. Denn all das braucht Zeit, teils viele Generationen.

In der Menschheitsgeschichte entstehen erste Hochkulturen, nachdem Homo sapiens sesshaft wurde. Wer eine Verbindung zu seiner Heimat empfindet, ist eher bereit, in Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft zu investieren, als jemand, der sich nur auf der Durchreise befindet.

These 2: Wer seine Heimat abschirmt, der wird sie verlieren. Die Herausforderung für die Sesshaften besteht darin, die Mobilen zu halten und leistungsfähige Leute von anderswo anzulocken. Eine Gesellschaft, die sich gegen das Fremde und die Fremden per se abschottet und die zudem geringe Geburtenzahlen hat, steuert auf einen demografischen Niedergang zu. Die Bevölkerung schrumpft und überaltert. Investitionen unterbleiben.

Auch für die gut ausgebildeten jüngeren Einheimischen gibt es dann kaum Möglichkeiten zu bleiben. Viele osteuropäische Länder erleben diese Abstiegsdynamik bereits heute, auch ländliche Gebiete in Deutschland. Großbritannien könnte im Zuge des EU-Ausstiegs, der ja vor allem auf eine Verminderung der Zuwanderung abzielt, auf eine ähnliche Entwicklung zusteuern.

Wer Heimat als Ort begreift, an dem sich am besten nichts verändern soll, wer eine Leitkultur etabliert, die ausgrenzt statt einbezieht, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Bedingungen für die Sesshaften zum Schlechteren verändern.

These 3: Heimat hat mit Staat wenig zu tun. Das Bedürfnis nach Verwurzelung und Herkunft bezieht sich auf kleine Räume, auf einzelne vertraute Orte und Regionen. Der Nationalstaat als ganzer taugt nicht als Heimat. Zu groß, zu unpersönlich. Heimat ist etwas Gefühltes - Staaten hingegen sollten von Vernunft gesteuert sein. Aber auch sie brauchen einen emotionalen Kitt, ein positiv gestimmtes Wirgefühl, damit Gesellschaften in der Lage sind, gemeinsam zu handeln, Solidarität zu üben, das Recht einzuhalten, Minderheiten zu schützen.

Das Problem mit dem Nationalstaat besteht darin, dass sich viele Probleme nicht mehr auf nationaler Ebene lösen lassen - und zwar erst recht nicht in einer Welt der zunehmend rücksichtslos agierenden Großstaaten (USA, China, Russland…). Emmanuel Macron, der französische Präsident, hat deshalb völlig recht, wenn er ein Europa bauen möchte, das die Bürger besser beschützt. Dazu braucht es eine europäische Leitkultur, ohne die der Ausbau Europas zu einem rational verfassten Gemeinwesen, das in der Lage ist, seine Bürger auch in Zukunft zu beschützen, kaum zu haben sein wird.

In diesem Sinne wünsche ich ein heimeliges, optimistisch gestimmtes Weihnachtsfest!



insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
HaioForler 24.12.2017
1.
Die Masche ist bekannt: kaum sprach Gabriel von "Ordnung" und "Heimat", rückte ihn auch schon die altehrwürdige Zeit (ohne Not!) in eine Beziehung zu "1937". So langsam wird die Nazikeule immer billiger, mit denen Abweichler an den Rand gedrängt werden sollen. Auf die Idee, daß das aktuelle Unbehagen in der Kultur (nach einer Umfrage 2015 fühlten sich 45% der Bürger in NRW "entfremdet") auch handfeste Gründe hat, scheinen gewisse Probanden nicht zu kommen. Da wird wohl entweder auf unsere Vergangenheit oder aber alternativ auf das vermeintlich bessere Morgen verwiesen, deren Segnungen der Normalbürger nur nicht zu verstehen imstand ist. Das Jetzt scheint gar nicht vorzukommen. Und so behalten die Ewig-Morgigen nur in der fiktiven Zukunft immer recht. Reden wir uns doch einfach alles schön. Macht nur weiter so mit diesem Land. Alles in Ordnung, Und Jesus war ja Muslim, wie der Spiegel titelt.
maturin001 24.12.2017
2. Frohe Weihnachten!
Warum "Leitkultur"? Das ist kein definierbarer Begriff. Wir brauchen keine Kultur, nach der sich alle richten sollen, denn das ist willkürlich. Was für ein friedvolles Zusammenleben wichtig ist, sind Gesetze, zuzüglich eines grundsätzlichen gegeseiteigen Respektes. Eine "Leitkultur" gibt es nicht. Jeder, der dafür argumentiert, sollte genau beschreiben, was er damit meint und was genau die Konsequenzen sein sollen, wenn man die "Leitkultur" verletzt oder nicht beachtet. Ich bin sicher, bei so einer Diskussion finden wir uns alle schnell wieder auf dem Boden von Recht und Gesetz.
syracusa 24.12.2017
3. Danke
Danke, Herr Müller, für diesen Kommentar. Besonders das hier hat mir sehr gefallen: "These 3: Heimat hat mit Staat wenig zu tun. Das Bedürfnis nach Verwurzelung und Herkunft bezieht sich auf kleine Räume, auf einzelne vertraute Orte und Regionen. Der Nationalstaat als ganzer taugt nicht als Heimat. Zu groß, zu unpersönlich." Damit bringen Sie den Widerspruch zwischen rechtsautoritären Nationalisten und der Realität auf den Punkt! Wir Linksliberalen dürfen uns nicht den Heimat-Begriff rauben lassen, indem dieser völkisch-nationalistsich umgedeutet wird. Heimat ist ein Menschenrecht! In Ihrem Heimatbegriff schwingt auch das mit, was mit einem Europa der Regionen gemein ist, auf das viele gerne zusteuern würden. Nationalstaaten sind von gestern, weil sie einerseits zu groß und unpersönlich sind, andererseits aber meistens zu klein, um in einer globalisierten Welt von Bedeutung zu sein. Durch Handel, Mobilität und durch Kommunikation ist die Welt kleiner geworden, und sie wird noch kleiner werden. Es ist nicht undenkbar, dass sich eines Tages der Heimatbegriff sogar von seiner territorialen Bindung lösen wird. Diese Entwicklung ist ein Prozess, den wir nicht aufhalten, sondern nur gestalten können.
rolli 24.12.2017
4.
Sie argumentieren hinterfotzig, denn nur wenn man genau nachliest kommt in den Punkten 1-3 Ihre neoliberale Heimat durch. Aber ganz ohne coming out geht's dann doch nicht, wenn Sie über ein"rational verfassten Gemeinwesen" fabulieren, als ob es so etwas grottenfalschen auch nur im Ansatz möglich wäre. rolli
Yoroshii 24.12.2017
5. Gut herausgefiltert
Zitat von syracusaDanke, Herr Müller, für diesen Kommentar. Besonders das hier hat mir sehr gefallen: "These 3: Heimat hat mit Staat wenig zu tun. Das Bedürfnis nach Verwurzelung und Herkunft bezieht sich auf kleine Räume, auf einzelne vertraute Orte und Regionen. Der Nationalstaat als ganzer taugt nicht als Heimat. Zu groß, zu unpersönlich." Damit bringen Sie den Widerspruch zwischen rechtsautoritären Nationalisten und der Realität auf den Punkt! Wir Linksliberalen dürfen uns nicht den Heimat-Begriff rauben lassen, indem dieser völkisch-nationalistsich umgedeutet wird. Heimat ist ein Menschenrecht! In Ihrem Heimatbegriff schwingt auch das mit, was mit einem Europa der Regionen gemein ist, auf das viele gerne zusteuern würden. Nationalstaaten sind von gestern, weil sie einerseits zu groß und unpersönlich sind, andererseits aber meistens zu klein, um in einer globalisierten Welt von Bedeutung zu sein. Durch Handel, Mobilität und durch Kommunikation ist die Welt kleiner geworden, und sie wird noch kleiner werden. Es ist nicht undenkbar, dass sich eines Tages der Heimatbegriff sogar von seiner territorialen Bindung lösen wird. Diese Entwicklung ist ein Prozess, den wir nicht aufhalten, sondern nur gestalten können.
Einverstanden! Bin nur mit der Definition "die Welt ist kleiner geworden" nicht einverstanden. Den Geographen bringt das ins Grübeln und den Historiker auch und den Mathematiker sowieso. Schon vor mehr als 2000 Jahren haben antike (gr.) Allroundwissenschaftler den Erdumfang nahezu korrekt berechnet!! Seither ist die Welt nicht kleiner geworden - eher größer. Tagtäglich umrunden unzählige Menschen die Kugel und essen und trinken und schlafen und lieben auch zuweilen in Umlaufbahnen. Oft bei Überschallspeed! Daher: Die Welt ist schneller geworden. Viel schneller - im übertragenen Sinn. Nichts für ungut.
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