Herbstgutachten Das raten die Wirtschaftsforscher der Bundesregierung

Die führenden Wirtschaftsinstitute haben ihr Herbstgutachten vorgelegt. Neben der Wachstumsprognose von 1,8 Prozent für das kommende Jahr enthält es vor allem Ratschläge für die Politik der Bundesregierung. Ein Überblick.

Herbst in Berlin: Institute raten zu kürzerem Arbeitsverbot für Flüchtlingen
DPA

Herbst in Berlin: Institute raten zu kürzerem Arbeitsverbot für Flüchtlingen


Die wichtigsten deutschen Wirtschaftsinstitute schätzen die Konjunktur in Deutschland etwas skeptischer ein als noch im Frühjahr und senkten ihre Wachstumsprognose für 2015 von 2,1 Prozent auf rund 1,8 Prozent. Für 2016 erwarten die Ökonomen ebenfalls einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um rund 1,8 Prozent.

Es gebe dennoch Grund zur Zuversicht: "Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem verhaltenen Aufschwung, der vor allem von den privaten Konsumausgaben getragen wird", sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser bei der Vorstellung des Herbstgutachtens in Berlin. An dem Gutachten sind das Münchner Ifo-Institut, das Berliner DIW, das Essener RWI und das IWH aus Halle beteiligt.

Neben der Wachstumsprognose liefern die Ökonomen der Bundesregierung zudem Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik. Nachfolgend ein Überblick über die Ratschläge der Forscher:

Flüchtlinge

Die Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten bis Ende 2016 insgesamt 1,5 Millionen Asylsuchende in Deutschland. Drei Viertel der anerkannten Asylbewerber seien im erwerbsfähigen Alter. Durch fehlende Deutschkenntnisse, mangelnde Berufserfahrung und die langwierigen Asylverfahren stünden dem Arbeitsmarkt aber 2015 nur 89.000 Flüchtlinge zusätzlich zur Verfügung, im nächsten Jahr dann schon 295.000 Menschen.

"Ob die mit der Flüchtlingsmigration verbundenen Chancen für die deutsche Wirtschaft genutzt werden, hängt von wirtschaftspolitischen Weichenstellungen ab, die nicht auf die lange Bank geschoben werden dürfen", mahnen die Institute. Sprachkurse allein reichten zur Integration nicht aus. "Bei Personen mit einer Berufsausbildung wird vielfach trotz gegebener fachlicher Fähigkeiten eine Anpassungsqualifizierung erforderlich sein."

Die von der Bundesregierung bereits ergriffenen Maßnahmen wie das von neun auf drei Monate verkürzte Arbeitsverbot für Asylbewerber zielten in die richtige Richtung.

Bildung

"Moderne Volkswirtschaften wachsen in abnehmendem Maße durch Investitionen in Beton und in zunehmendem Maße durch Investitionen in Köpfe", betonen die Forscher. "Hier gilt es, Wachstumspotenziale zu heben." Konkret wird vorgeschlagen, nicht nur die Zahl der Kita-Plätze zu erhöhen, sondern auch die Qualität der Betreuung zu erhöhen - vor allem für sozial benachteiligte Kinder.

Auch die finanzielle Ausstattung der Universitäten müsse verbessert werden, hinke sie doch weit hinter der internationalen Spitzengruppe zurück. Zur Finanzierung der höheren Bildungsausgaben schlagen die Experten vor, andere Staatsausgaben langsamer wachsen zu lassen.

Finanzpolitik

Die Lohnnebenkosten in Deutschland sind höher als im Schnitt der Industriestaaten, was den Experten zufolge die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen dämpft. Um Sozialabgaben senken zu können, schlagen sie vor, versicherungsfremde Leistungen - zu denen etwa die beitragsfreie Mitversicherung für Kinder in der gesetzlichen Krankenversicherung zählt - aus dem Steueraufkommen zu finanzieren. Zugleich wollen die Institute die kalte Progression - automatische Steuererhöhungen bei Lohnzuwächsen - stärker abbauen.

Die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung seien "keinesfalls weitgehend genug und sollten ferner in Zukunft regelmäßig und in angemessenem Umfang erfolgen". Der Spielraum dafür könne durch den Abbau von Steuervergünstigungen und Subventionen erhöht werden. Außerdem finanzierten sich die Mehrausgaben zum Teil selbst: Geringere Lohnnebenkosten und Steuern ermöglichten mehr Wachstum und damit höhere Steuereinnahmen, so die Institute.

nck/Reuters



insgesamt 19 Beiträge
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THINK 08.10.2015
1.
In früheren Zeiten hielten sich die Regenten Hofnarren und Astrologen. Die heutigen Regierenden halten sich Wirtschaftsinstitute. Die Ratschläge der Hofnarren waren zweifellos fundierter.
ostwestfale_ 08.10.2015
2. Arbeitsplätze
Jetzt müssen wir nur noch zusätzliche 100.000 ende von Arbeitsplätzen haben. Gehen wir davon aus, dass bestenfalls 80% der refugees eine (Aus-)Bildung haben die bei uns wirklich benötigt wird. Die verbleibenden 1,x Millionen werden im Niedruglohnsektor um die sowieso schon knappen Arbeitsplätze kämpfen. Ich sehe kein echtes Potential für uns zu gewinnen. Gewinnen wird die Industrie die jetzt Container baut, sich um die Versorgung kümmert und die Medizinindustrie. Da aber n.m.M. es noch lange sein wird bis wir einen Gewinn aus dem Zustrom ziehen können wird erstmal wieder der Deutsche Michel die Lasten tragen müssen. Und das sind ja nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern auch medizinische Versorgung und Sprachschulungen sowie Ausbildung werden Unsummen verschlingen. Vielleicht sollte man sich überlegen wie man das Kinderkriegen für bestehende Bürger wieder attraktiver macht und man hätte das Problem in einer Generation auch gelöst.
anderermeinung 08.10.2015
3. zu Beitrag 1
Ob es mehr an den Ratschlägen liegt, oder daran, dass die Politik sie ignoriert?
ostwestfale_ 08.10.2015
4. Verbesserung
80% haben KEINE bei uns verwendbare Ausbildung und können aufgrund der dazu kommenden Sprachkenntnisse nur im Niedriglohnsektor eine Beschäftigung finden. Ein Großteil dieser Tätigkeiten ist allerdings ins Ausland verlagert.
getrud,dieleiter! 08.10.2015
5. Immer wieder die gleichen
aus der wirtschaftsliberalen Hexenküche: Geringere Lohnnebenkosten (=geringere Löhne) bedeuten mehr Wachstum. Der (Fast-)Exportweltmeister muss wettbewerbsfähiger werden. Ein bisschen Geld von einer Tasche in die andere schaufeln, dann wird alles gut. Ja, sicher.
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