Honorarstreit Ärzte starten Protestaktionen gegen Kassen

Die ersten Aktionen der Ärzte haben begonnen. Zunächst geht es darum, die Bürokratie der Krankenkassen auszubremsen. Patienten sind noch nicht betroffen. In dem Streit zwischen Medizinern und Versicherungen geht es um Honorare in Milliardenhöhe.

Arztpraxis in Berlin: Verzögerte Antworten auf Kassenanfragen
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Arztpraxis in Berlin: Verzögerte Antworten auf Kassenanfragen


Berlin - Der Protest der niedergelassenen Fachärzte hat begonnen - allerdings zunächst auf niedriger Stufe. So sollen Anfragen der Kassen etwa zu Krankschreibungen oder zu Reha-Maßnahmen von den Ärzten nur noch mit Standardanschreiben beantwortet werden, sagte ein Sprecher des Verbandes der niedergelassenen Ärzte (NAV-Virchow-Bund) in Berlin. Damit solle die Kassenbürokratie "geblockt werden".

Noch scheint der Protest auch nicht flächendeckend organisiert zu sein. Vertreter des NAV-Virchow-Bundes sowie der Berufsverbände der niedergelassenen Chirurgen, der Frauenärzte sowie der Urologen teilten mit, es gebe noch keinen Überblick. In einzelnen Verbänden seien die eigenen Mediziner erst über Protestpläne informiert worden. Auch bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) verschafft man sich erst in den kommenden Tagen einen Überblick, sagte ein Sprecher.

Sechs Millionen Kassenanfragen jährlich

Der Verbandssprecher verwies auf eine frühere Studie, wonach sich die Anfragen der Kassen im Jahr auf eine Zahl von sechs Millionen summierten. Dies koste die Ärzte schätzungsweise insgesamt eine Million Stunden Arbeitszeit im Jahr. Auch die KBV hatte im Voraus "gezielte Nadelstiche" gegen die Kassen angekündigt. So sollen auch Bonushefte vorerst nicht mehr abgestempelt werden. Anfragen der Kassen sollen zudem nur noch vor 8 Uhr morgens oder nach 20 Uhr beantwortet werden.

Die Ärztevertreter erklärten, die Protestaktionen richteten sich in erster Linie gegen die Krankenkassen und nicht gegen die Patienten. Nach der noch bis Mittwoch laufenden Urabstimmung der Ärzteschaft könnten einige Mediziner ihre Praxen allerdings auch schließen. Die vom NAV-Virchow-Bund koordinierten Proteste werden von mehr als 30 freien Ärzteverbänden unterstützt, die rund 100.000 Kassenärzte vertreten.

Wie sich die Ärztehonorare zusammensetzen
Im Streit um höhere Honorare wollen die Kassenärzte vor Gericht ziehen. Nachfolgend ein Überblick, wer über die Vergütung verhandelt und wie sich das Honorar zusammensetzt.
Punktesystem
Ärztliche Behandlungen werden nach einem Punktesystem abgerechnet, das jeder Tätigkeit des Arztes unter Berücksichtigung eines dafür kalkulierten Zeitaufwands einen bestimmten Wert zuordnet. Die entsprechenden Werte sind in einem Bewertungsmaßstab festgelegt, den Vertreter der Ärztevereinigung und der Krankenkassen ausgehandelt haben. Aus der Punktzahl und dem entsprechenden Punktwert ergibt sich der Geldbetrag, den der Arzt für die Behandlung bekommt.
Die Verhandlungspartner
Der Punktwert für den Bewertungsmaßstab wird jedes Jahr bis zum 31. August für das Folgejahr im Bewertungsausschuss verhandelt. In diesem Gremium sitzen jeweils drei Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Gesetzlichen Krankenkassen. Falls sie sich nicht einigen können, kommen drei unparteiische Personen hinzu. Zusammen bilden sie den Erweiterten Bewertungsausschuss. Der auf Bundesebene ausgehandelte Punktwert gilt allerdings nur als Orientierungswert für die Verhandlungen auf Landesebene. Dort wird jedes Jahr bis zum 31. Oktober unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten der eigentliche Punktwert festgelegt. Die Formalien für die Verhandlungen zwischen Ärzten und Kassen sind in Paragraf 87 des fünften Sozialgesetzbuchs festgelegt.
Zusammensetzung des Ärztehonorars
Das Ärztehonorar setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen und ist je nach Region unterschiedlich hoch. Den größten Teil bildet das sogenannte Regelleistungsvolumen (RLV), welches aus drei Faktoren besteht: der Zahl der Patienten im Vorquartal, einem Faktor für das Durchschnittsalter der Patienten in der Region und dem sogenannten Fallwert. In den Fallwert fließt unter anderem der Orientierungswert ein, über den sich Ärzte und Kassen aktuell streiten. Je nach Qualifikation und Behandlung gibt es Zuschläge zum Regelleistungsvolumen, zum Beispiel für dringende Hausbesuche. Dazu kommen Einnahmen aus Behandlungen, die nicht Teil des Regelleistungskatalogs sind. Dazu gehören zum Beispiel Strahlentherapie und künstliche Befruchtung. Darüber hinaus beziehen Ärzte noch Geld aus der Behandlung von Privatpatienten sowie aus den Individuellen Gesundheitsleistungen (Igel), die Kassenpatienten selbst zahlen müssen.
Die Ärzte wollen deutlich mehr Honorar durchsetzen: Die KBV hatte die Verhandlungen mit den Kassen vor rund einer Woche abgebrochen. Die Ärzte lehnen einen Schlichterspruch ab, der den Kassenärzten für das nächste Jahr eine Honorarerhöhung von 270 Millionen Euro oder 0,9 Prozent zugestanden hat. Die KBV fordert für die rund 150.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten stattdessen insgesamt 3,5 Milliarden Euro, was einem Plus von rund elf Prozent entspricht.

nck/dpa/Reuters

insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
eigene_meinung 10.09.2012
1. geldgierige Schmarotzer
Sehr gut! Wenn die Ärzte die Anfragen der Krankenkassen nicht fristgerecht beantworten, sollen die Krankenkassen ihnen die entsprechenden Honorare eben nicht zahlen!
chagall1985 10.09.2012
2. Lach
Zitat von sysopGetty ImagesDie ersten Aktionen der Ärzte haben begonnen. Zunächst geht es darum, die Bürokratie der Krankenkassen auszubremsen. Patienten sind noch nicht betroffen. In dem Streit zwischen Medizinern und Versicherungen geht es um Honorare in Milliardenhöhe. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,854894,00.html
Die sollten mal bei der kassenärztlichen Vereinigung aufräumen anstatt immer die Kassen anzuzapfen. Was können wir dafür das dort bestimmte Ärzte das vierfache anderer verdienen!? Das Geld teilen die doch unter sich auf! Rein statistisch währe das gar kein problem jedem Kassenarzt 10.000€ im Monat zu zahlen. Nur einige (Zahnärzte, Radiologen oder Orthopäden) bekommen halt 16-30000€ da bleibt dann für andere nichts mehr übrig! Ich hoffe die Kassen machen diesen Irrsinn mal deutlich!
MutzurLücke 10.09.2012
3. Geschenkt...
Zitat von eigene_meinungSehr gut! Wenn die Ärzte die Anfragen der Krankenkassen nicht fristgerecht beantworten, sollen die Krankenkassen ihnen die entsprechenden Honorare eben nicht zahlen!
Für die Beantwortung von Anfragen gab es noch nie Honorar. Die Drohung geht also ins Leere. Die Kassen könnten allenfalls die Honorare für den Dienst am Patienten verweigern, weil ihr bürokratischer Informationshunger nicht gestillt wird. Das wäre allerdings eine ziemlich eindeutige Einladung, Kassenpatienten gar nicht mehr zu behandeln.
kdshp 10.09.2012
4. Titel:Aktionen
Zitat von sysopGetty ImagesDie ersten Aktionen der Ärzte haben begonnen. Zunächst geht es darum, die Bürokratie der Krankenkassen auszubremsen. Patienten sind noch nicht betroffen. In dem Streit zwischen Medizinern und Versicherungen geht es um Honorare in Milliardenhöhe. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,854894,00.html
Hallo, es sollte nicht mehr geben sondern es sollte das umgesetzt werden was man "uns" versprochen hat denn dann hat man MEHR in der tasche (netto). WO ist den der bürokratieabbau? Wenn wir doch wie hier 25% bürokratie abbauen wären ohne für irgendwen was zu erhöhen für die die im system sind ein mehr zum verteilen übrig. DA lese ich das 2 Euro von den 10 Euro da an zuzahlung beim arzt im sumpf der bürokartei verschwinden. ABER HALLO! Wenn da im jahr ne (1) mrd rein kommt, also durch die 10 euro da, DAS ca. 200 MILLIONEN im nirvana verschwinden UND nicht uns selber als kunden/zahler/patienten zu gute kommt.
schandmaul1000 10.09.2012
5. Gier essen Seele auf
und wenn wir ihnen das Zehnfache an Honorar zahlen,es wird nicht genug sein.Den hinter jeden Arzt steht die Arztgattin und deren Shoppinghunger nach all den Statussymbolen dieser Welt,ist unstillbar.
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