HRE-Aufklärung Finanzaufsicht hatte Hinweise auf Lehman-Risiko

Die deutsche Finanzaufsicht gerät massiv in die Kritik. Nach Informationen von manager-magazin.de hielten Bundesbank und BaFin schon im Frühjahr 2008 eine Pleite der US-Bank Lehman Brothers für möglich. Auch Folgen für die Hypo Real Estate wurden erörtert - warum verhinderten die Kontrolleure das Desaster nicht?
HRE-Zentrale in München: "Man wollte sich einen Überblick verschaffen"

HRE-Zentrale in München: "Man wollte sich einen Überblick verschaffen"

Foto: ? Michael Dalder / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Diese Frage beschäftigt die gesamte Finanzbranche: Hätte man die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 vorhersehen können? Oder war der Zusammenbruch des Geldhauses ein externer Schock, der die Marktteilnehmer völlig unerwartet traf? Bisher fiel die Antwort eindeutig aus: Politiker, Behörden und Finanzprofis betonten stets, das Lehman-Desaster sei urplötzlich über sie hereingebrochen. Auch mit der Kettenreaktion, welche die deutsche Hypo Real Estate (HRE) mit nach unten riss, habe niemand rechnen können. Doch diese Interpretation muss nun womöglich revidiert werden.

Nach Informationen von manager-magazin.de erkundigten sich die Bundesbank und die Finanzaufsichtsbehörde BaFin bereits im März 2008 und dann noch einmal im August 2008 bei der HRE, wie viel Kapital die Bank im Falle einer Lehman-Insolvenz verlieren würde. Mit anderen Worten: Die Oberaufseher hatten schon frühzeitig den Verdacht, dass bei der HRE mögliche Risiken schlummern - und dass in der deutschen Finanzbranche etwas gewaltig schiefgehen könnte.

Eine BaFin-Sprecherin bestätigte manager-magazin.de: "Erstmals im März und dann noch einmal im August 2008 hat die Bundesbank in enger Abstimmung mit der BaFin die Risikopositionen deutscher Geschäftsbanken gegenüber US-Investmentbanken abgefragt. Man wollte sich einen Überblick darüber verschaffen, wie deutsche Banken in den USA engagiert sind." Die Sprecherin verwies darauf, dass die Bankenaufsicht in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Abfragen durchgeführt habe, um aktuelle Zahlen zu den Engagements deutscher Banken in verschiedenen Bereichen zu erhalten.

Für Gerhard Schick, den finanzpolitischen Sprecher der Grünen, stehen die zwei Abfragen binnen weniger Monate im Widerspruch zu Aussagen von BaFin-Chef Jochen Sanio im HRE-Untersuchungsausschuss. Denn bisher betonte Sanio stets, man habe mit der Lehmann-Pleite nicht rechnen können.

Schick: "Mit der Pleite einer US-Investmentbank musste gerechnet werden und wurde zumindest auf Seiten der Bundesbank auch gerechnet." Spätestens zum Zeitpunkt der Voranfrage hätte BaFin-Chef Sanio laut Schick beginnen müssen, ein Rettungskonzept für die HRE auszuarbeiten. Mindestens aber hätte die BaFin die Leitungsebene des Finanzministeriums über die Schieflage der HRE informieren müssen.

Tatsächlich wurde die BaFin jedoch erst am 26. September 2008 aktiv - nachdem die HRE selbst auf ihre bedrohliche Lage infolge der Lehman-Pleite aufmerksam gemacht hatte.

wal
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.