Ukrainische Geflüchtete Gestrandet mit wertlosem Geld

Viele Ukrainer haben vor ihrer Flucht Bargeld abgehoben – nur können sie das in Deutschland bisher weder verwenden noch umtauschen. Ihnen droht ein finanzielles Desaster. Bankenvertreter fordern eine europäische Lösung.
Geflüchtete aus Mariupol (an der russischen Grenze) mit Hrywnja-Scheinen

Geflüchtete aus Mariupol (an der russischen Grenze) mit Hrywnja-Scheinen

Foto: ARKADY BUDNITSKY / EPA-EFE

Wenn Geflüchtete aus der Ukraine zurzeit in Deutschland ankommen, können sie auf viel Unterstützung zählen . Von Kleidung über Unterkünfte bis hin zu Jobangeboten reichen die Hilfen, die Freiwillige in allen Teilen des Landes organisieren. In einem Punkt aber sind viele Neuankömmlinge aufgeschmissen: Wenn es um die Versorgung mit Bargeld geht.

Denn Hrywnja, die ukrainische Landeswährung, wird von Banken in Deutschland nicht getauscht. Wer vor der Flucht sein Konto leer geräumt hat, um im Ausland versorgt zu sein, muss nun feststellen, dass ihm seine Reserven nichts nützen. Foren zur Flüchtlingshilfe sind voll von entsprechenden Berichten. »Wird dir keiner tauschen das Geld«, schreibt ein Nutzer stellvertretend für viele.

Eine bittere Erkenntnis für die Geflüchteten. Viele betonen, sie wollten in Deutschland möglichst auf eigenen Füßen stehen, schnell einen Job und eine eigene Wohnung finden. Ohne Euro aber bleibt nur der Gang zum Sozialamt, wo Geflüchtete Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beantragen können. Allein im Berliner Bezirk Neukölln meldeten sich mittlerweile täglich etwa hundert Bedarfsgemeinschaften an, berichtet Bezirksamtssprecher Christian Berg. »Letzte Woche waren es noch sehr wenige.«

So wie hier in Lwiw im Februar haben viele Ukrainer vor ihrer Flucht Bargeld abgehoben

So wie hier in Lwiw im Februar haben viele Ukrainer vor ihrer Flucht Bargeld abgehoben

Foto: Kunihiko Miura / AP

Während sich die finanziellen Nöte ukrainischer Flüchtlinge in Deutschland erst langsam zeigen, erlebt man sie in Nachbarländern der Ukraine schon länger. »Schritt für Schritt und Tag für Tag wird es auch ein Thema für andere europäische Länder«, sagte Włodzimierz Kiciński, Vizechef des polnischen Bankenverbands ZBP dem SPIEGEL. Er schickte kürzlich eine Art Hilferuf an die Europäische Zentralbank (EZB). Diese solle einen Sonderfonds auflegen, um den Ankauf von Hrywnja zu finanzieren.

Die EZB habe im Zuge ihrer lockeren Geldpolitik in den vergangenen Jahren schließlich schon große Summen in Wertpapiere gesteckt, so Kiciński. »Jetzt könnte es eine ähnliche Art von Unterstützung geben, aber für die außergewöhnliche Situation der Ukraine.« Die Mittel könnten nach der jeweiligen Zahl der Geflüchteten pro Land aufgeteilt und in der Höhe pro Kopf begrenzt werden, schlägt der Bankenfunktionär vor. »Vielleicht sollte auch die EU der Stifter sein.«

Auch deutsche Branchenvertreter fordern die Politik mittlerweile zum Handeln auf. »Eine gemeinsame europäische Lösung wäre im Sinne der Flüchtlinge«, sagt Dirk Stein, Leiter der Abteilung Retail Banking und Verbraucherschutz beim Bundesverband deutscher Banken (BdB). Eine solche Lösung fordert auch die Deutsche Kreditwirtschaft, in der deutsche Bankenverbände zusammengeschlossen sind. »In der Vergangenheit gab es keine Nachfrage nach dem Umtausch von Hrywna in Euro, somit wurde er von den gängigen Wechselstuben auch nicht angeboten«, so der Verband. »Die Situation hat sich bekanntermaßen nun grundlegend verändert.«

Die Botschaft sei angekommen, signalisierte Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) am Mittwoch bei der Vorstellung der Haushaltspläne. Bei Fragen nach Details verweist man in seinem Haus jedoch auf die Zuständigkeit von Bundesbank und Europäischer Zentralbank. EZB-Chefin Christine Lagarde wiederum versicherte ebenso wie der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, man arbeite an einer Lösung.

Doch die ist offensichtlich nicht leicht zu finden. Denn zum sogenannten Sortengeschäft mit Fremdwährungen gehört auch das Clearing – das heißt der Weiterverkauf der Devisen. Und ein Clearing-Partner fehlt europäischen Banken derzeit.

Die Zentralbank hat andere Sorgen

Die ukrainische Zentralbank verfügt zwar noch über erhebliche Devisenbestände, mit denen sie Hrywna ankaufen könnte. Doch die werden für andere Zwecke benötigt: Die Zentralbank sammelt Geld für humanitäre Hilfen und die Unterstützung des Militärs, sie hat für beides sogar Spendenkonten eingerichtet. Hrywna von anderen Zentralbanken kauft sie vorerst nicht mehr an.

Begrenzt aussagekräftig ist unter diesen Umständen der offizielle Wechselkurs der Hrywna, der bislang noch kaum schwankt. »Der Wert der Währung ist natürlich ein großes Fragezeichen«, sagt der polnische Bankenvertreter Kiciński.

Für Banken ist der Tausch von Hrywna unter diesen Umständen ein Risiko, das sie ohne staatliche Absicherung kaum eingehen werden. Deshalb könnte, wie von Kiciński vorgeschlagen, die EZB einspringen, unter Umständen abgesichert durch Mittel oder Garantien der EU. Denkbar wäre auch eine Art Rahmenabkommen zwischen EZB und ukrainischer Nationalbank, die ein Clearing zu einem späteren Zeitpunkt vereinbart. Angesichts der russischen Angriffe weiß derzeit freilich niemand, ob die ukrainische Nationalbank in Zukunft überhaupt noch ein Verhandlungspartner sein wird.

Flüchtenden Bürgern riet die Zentralbank schon in der vergangenen Woche, kein Bargeld mitzunehmen, sondern ihr Geld lieber auf Kartenkonten einzuzahlen. Bislang scheint das der richtige Rat gewesen zu sein: Mit Karten können Geflüchtete oft noch Geld abheben – gerade, wenn es sich um internationale Anbieter wie Visa oder Mastercard handelt.

Die Geldscheine ukrainischer Geflüchteter bleiben hingegen bis auf Weiteres wertlos. In dieser Lage mehren sich in Deutschland Appelle, zumindest Privatleute sollten die ukrainische Währung schon jetzt gegen Euro tauschen – weniger als Geschäft, denn als humanitäre Geste.