IG-Metall-Chef Huber zur Abwrackprämie "Wir dürfen nicht alles dem Markt überlassen"

Die Abwrackprämie läuft bald aus, nun ist sie erneut in die Kritik geraten. Hat die Subvention wirklich etwas bewirkt? Berthold Huber war einer der Miterfinder. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der IG-Metall-Boss über die Lage der Autoindustrie - und mangelnde Weitsicht von Managern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Huber, Kritiker halten die Abwrackprämie für eine Droge, wie Schnaps, den man gegen die Kälte trinkt. Bald müssen die Deutschen auf ihre Droge verzichten, die fünf Milliarden Euro sind in Kürze verteilt. Kommt jetzt der kalte Entzug?

Huber: Im Herbst vergangenen Jahres standen wir vor der Alternative Nichtstun und die Autoindustrie und damit die Beschäftigung in den Keller gehen lassen - oder schnell handeln. Die Prämie wirkte schnell, punktgenau und befristet. Sie hat die deutsche Automobilindustrie in der Krise stabilisiert. Aber sie ist kein Heilsbringer auf Ewigkeit und sollte es auch nicht sein.

Autoplatz (in Görlitz): "Prämie trägt zur Stabilisierung von Arbeitsplätzen bei."

Autoplatz (in Görlitz): "Prämie trägt zur Stabilisierung von Arbeitsplätzen bei."

Foto: ddp

SPIEGEL ONLINE: Die Deutschen haben vor allem Hyundais, Fiats, Skodas gekauft - dem hiesigen Arbeitsmarkt nützt das wenig.

Huber: Doch, das hat etwas genützt. Schauen Sie sich die Verkaufszahlen von Opel an, von VW - ohne die Prämie sähen die ganz anders aus. Vergessen Sie die Zulieferer nicht: Bei einem Polo, der zugegebenermaßen in Spanien gefertigt wird, stammen knapp zwei Drittel der Teile aus Deutschland. Und jetzt, da die Prämie ausläuft, müssen Sie bedenken: Wir sind nicht die einzigen, die Förderprämien zahlen, wir gehen davon aus, dass ein Teil des Wegfalls kompensiert wird - durch die Prämien in Frankreich, in Österreich, den USA und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Sie kämpfen doch auf verlorenem Posten: Es gibt weltweit riesige Überkapazitäten in der Autoindustrie, sie helfen einer Branche, die nicht nur aus konjunkturellen Gründen in Schwierigkeiten steckt.

Huber: Ja, es gibt strukturelle Probleme, aber trotzdem ist die Prämie sinnvoll. Direkt und indirekt sind über fünf Millionen Beschäftigte in Deutschland abhängig von der Autoindustrie. Die Prämie trägt zur Stabilisierung dieser Arbeitsplätze bei. Längerfristig führt kein Weg an einem Strukturwandel der Branche vorbei. Dazu gehören ökologischere Produkte, neue Mobilitätskonzepte. Das dürfen wir aber nicht allein dem Markt überlassen. Dieser Prozess muss im Sinne der Menschen politisch gestaltet werden.

SPIEGEL ONLINE: Das alte Argument: Die Schlüsselbranche Autoindustrie. Aber Schlüsselbranchen kommen und gehen. Wir hatten den Bergbau, die Stahlindustrie, das waren alles mal Schlüsselbranchen. Vorbei.

Huber: Das ist sehr leichtfertig dahingesagt! Der Strukturwandel wird nur mit Unternehmen zu machen sein, die forschen und investieren können, und nicht mit solchen, die keine Luft zum Atmen haben, weil ihnen das Geld auszugehen droht. Im freien Fall hat noch niemand die Richtung gewechselt.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt heißt es, es gehe wieder aufwärts mit der Wirtschaft, auch dank der Abwrackprämie.

Huber: Ich bin froh, dass der Abwärtstrend gestoppt ist, aber aufwärts? Wir befinden uns immer noch im Tal. Und deshalb gilt es weiterhin, alle Anstrengungen zu unternehmen, um Entlassungen in der Krise zu verhindern. Wenn ein Ökonom sagt, man gehe Ende 2010 von fünf Millionen Arbeitslosen aus, und dann sagt der nächste, möglicherweise ist das schlimmste überstanden - wie zynisch, dass das Schlimmste nicht die millionenfache Arbeitslosigkeit ist. Das sind Denküberbleibsel aus rigorosem Neoliberalismus, aus einer Ökonomie, die sich nur an Zahlen hält und mit Menschen nichts zu tun hat. Die Prämie hilft - natürlich nur teilweise. Immerhin ist das die größte Wirtschaftskrise, die die Welt je gesehen hat. Und es ist nicht nur eine Finanzkrise, sondern auch eine Nachfragekrise, eine Strukturkrise, und wenn wir nicht aufpassen, wird daraus eine Vertrauenskrise der Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Der Protestforscher Roland Roth ist der Meinung, die Abwrackprämie sei ein Placebo, das die Bürger ruhigstellt - und sie daran hindert, auf die Straße zu gehen.

Huber: Das ist doch eine reichlich zynische Argumentation. Hätten wir zuschauen sollen und nichts tun? Hätten wir warten sollen, bis man Fabriken besetzt?

SPIEGEL ONLINE: Als Betriebsrat in jungen Jahren haben Sie das früher selbst getan.

Huber: Ja, aber heute setze ich auf andere Methoden. Auf die Mitbestimmung zum Beispiel, auf deren Ausweitung, die dringend notwendig ist.

SPIEGEL ONLINE: Und auf die Unterstützung der Autoindustrie.

Huber: Natürlich muss diese Industrie endlich ihre Strukturhausaufgaben machen. In den vergangenen Jahren hat man immer gut Geld damit verdient, große Kisten zu bauen, Premiumfahrzeuge, und solange das funktioniert, ist der Antrieb zur Veränderung offenbar nicht da. Da reicht, bei manchen Automanagern, offenbar die Weitsicht nicht aus, sie haben es nicht bemerkt: Die Einstellung der Menschen zum Auto hat sich verändert.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich wie?

Huber: Jetzt kommen Hollywood-Stars mit kleinen Autos, mit Elektro, oder mit Hybrid - und das beeindruckt die Menschen. Ich habe früher privat einen Audi A2 gefahren, mit dem kleinsten Motor, da hat meine halbe private Umgebung gesagt: Kannst du dir kein größeres Auto leisten? Mich hat das nicht gestört, aber es hat gezeigt: Viele hätten sich um Gottes Willen nie so ein Auto gekauft. Ich sehe, dass diese Einstellung kippt. Ich glaube auch, dass der Wettstreit von Bahn und Pkw, was lange Strecken betrifft, noch nicht entschieden ist. Und ich nehme an, dass viele, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, das nicht freiwillig tun.

SPIEGEL ONLINE: Aber jetzt haben Sie, durch die Abwrackprämie, zwei Millionen Menschen zu neuen Autos verholfen - damit fahren die jetzt, und nicht mit dem Zug.

Huber: Ja, aber besser mit kleineren und schadstoffärmeren Pkw, als mit alten Stinkern. Es muss neue Mobilitätskonzepte geben, einen sinnvollen Mix von Verkehrsmitteln. Die individuelle Mobilität ist nach wie vor ein großer Wunsch. Nur muss dieser Wunsch vernünftig befriedigt werden - das müssen auch die Autobauer begreifen! Je eher, desto besser für alle.

Das Interview führte Barbara Supp
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