Tarifabschluss Darauf haben sich IG Metall und Arbeitgeber geeinigt

Der härteste Tarifstreit in der Metallbranche seit vielen Jahren ist beendet - und sowohl Gewerkschaft als auch Arbeitgeber haben bekommen, was sie wollten. Die Ergebnisse im Detail.
Warnstreik der IG Metall in Mettmann

Warnstreik der IG Metall in Mettmann

Foto: Caroline Seidel/ dpa

IG Metall und die Arbeitgeber in Baden-Württemberg haben sich in Baden-Württemberg auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Damit droht in der Metallbranche kein flächendeckender Streik mehr, der angesichts der aktuellen Auftragslage und Auslastung einen immensen Schaden bedeutet hätte. Allein die Warn- und Tagesstreiks haben Schätzungen arbeitgebernaher Ökonomen zufolge einen zumindest vorübergehenden Umsatzverlust von rund einer Milliarde Euro verursacht. Und der Frieden ist vorerst auch gesichert; der neue Tarifvertrag gilt bis Ende März 2020.

Die Tarifrunde war auch deshalb die härteste seit vielen Jahren, weil sowohl Gewerkschaft als auch Arbeitgeber rote Linien gezogen hatten: Die IG Metall wollte das Recht für Arbeitnehmer durchsetzen, ihre Arbeitszeit vorübergehend verkürzen zu können. Die Arbeitgeber wollten verhindern, dass dadurch automatisch die Summe der Arbeitszeit bei gleicher Mitarbeiterzahl sinkt - und schon gar nicht kam für sie in Frage, die Arbeitszeitverkürzung, wie von der Gewerkschaft gefordert, durch Lohnzuschläge noch attraktiver zu machen. Eine schwierige Gemengelage.

Nun steht also ein Ergebnis, das beide rote Linien berücksichtigt - und das in mehrerer Hinsicht bahnbrechend auch für andere Branchen sein dürfte:

  • Arbeitnehmer in Vollzeit haben künftig das Recht, ihre Arbeitszeit auf 28 Stunden in der Woche abzusenken - und später wieder auf Vollzeit zurückzukehren.
  • Arbeitnehmer mit besonderen Bedürfnissen - Eltern kleiner Kinder, Pflegende und Schichtarbeiter - haben künftig die Wahl zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit.
  • Arbeitgeber haben künftig weit mehr Möglichkeiten als bislang, Mitarbeiter auch länger als 35 Stunden arbeiten zu lassen.

Im Detail sind die Verhandlungsergebnisse komplex.
Die wichtigsten Regelungen:


Lohn


Ab April 2018 gibt es 4,3 Prozent mehr Geld für die Arbeitnehmer, plus eine Einmalzahlung von 100 Euro für den Zeitraum von Januar bis März.

Von 2019 an wird außerdem eine neue Lohnkomponente eingeführt: das sogenannte tarifliche Zusatzgeld, Abkürzung T-ZUG. Es entspricht 27,5 Prozent eines Monatslohns und wird jeweils im Juli ausgezahlt. Bestimmte Beschäftigte können aber wählen: Statt der Auszahlung können sie sich für acht zusätzliche freie Tage im Jahr entscheiden.

Ebenfalls im Juli bekommt jeder Beschäftigte einen Festbetrag von 400 Euro im Jahr - in Baden-Württemberg. In anderen Tarifgebieten wird diese Summe etwas niedriger liegen, weil dort auch die Tarifgehälter etwas kleiner ausfallen als im Südwesten. Geht es einem Betrieb jedoch schlecht, kann dieser Festbetrag reduziert und sogar ganz gestrichen werden - oder die Auszahlung verschoben.

Laut Arbeitgeberverband Gesamtmetall entspricht das insgesamt einer Lohnerhöhung von 7,7 Prozent über den gesamten Zeitraum bis März 2020.


Arbeitszeit


Alle Vollzeitbeschäftigten haben grundsätzlich das Recht, ihre Arbeitszeit vorübergehend von 35 auf 28 Stunden in der Woche zu reduzieren, für einen Zeitraum von einem halben bis zu zwei Jahren. De facto kann die Teilzeitphase auch länger als zwei Jahre dauern, weil die Verkürzung wiederholt werden darf.

Allerdings kann dieser grundsätzliche Anspruch auch verweigert werden. Etwa wenn mehr als zehn Prozent der Arbeitnehmer in einem Betrieb ihre Arbeitszeit vorübergehend verkürzen wollen oder bereits 18 Prozent in Teilzeit arbeiten, egal ob es sich um die neue Form oder die klassische Teilzeit handelt. Auch andere sogenannte betriebliche Gründe können zur Verweigerung führen, etwa wenn die betreffenden Arbeitnehmer über Schlüsselqualifikationen verfügen.

Die Arbeitgeber erhalten im Gegenzug weit mehr Möglichkeiten, die Arbeitszeit für andere Beschäftigte bis auf 40 Stunden in der Woche zu erhöhen. Zwar bleibt es grundsätzlich bei der Quote von 18 Prozent der Beschäftigten, aber nun gibt es Ausnahmen: Wenn in einem Betrieb Fachkräftemangel herrscht, kann die Quote auf 30 Prozent erhöht werden - und in Betrieben mit vielen hochbezahlten Arbeitnehmern sogar auf 50 Prozent.

Wirklich neu ist, dass Betriebe auch komplett aus dieser Quotenregelung aussteigen können - und stattdessen das Modell eines betrieblichen Arbeitszeitvolumens wählen dürfen. Das wird berechnet, indem die Anzahl der Beschäftigten mit einer Wochenstundenzahl von 35,9 multipliziert wird - ein Betrieb dann darf beliebig viele Mitarbeiter mit einer 40-Stunden-Woche haben, solange das Arbeitszeitvolumen insgesamt nicht überschritten wird. Der Reiz dieser Regelung: Jeder Arbeitnehmer, der seine Arbeitszeit vorübergehend verkürzt, ermöglicht es automatisch anderen Arbeitnehmern, ihre Arbeitszeit zu verlängern.


Flexibilität für Eltern, Pflegende, Schichtarbeiter


"Arbeit, die zum Leben passt" lautete das Motto der IG Metall zur Tarifrunde: Wer in einer Lebensphase steckt, die mehr Zeit für die Familie erfordert, soll diese auch bekommen.

Dieses Ziel wird nun durch eine Wahlfreiheit zwischen mehr Geld und mehr Freizeit erreicht: Bestimmte Beschäftigte können sich das neue tarifliche Zusatzgeld entweder auszahlen lassen - der Betrag entspricht dann 27,5 Prozent eines Monatsgehalts. Oder sie erhalten dafür acht zusätzliche freie Tage im Jahr.

Konkret gilt das für:

  • Schichtarbeiter, die mindestens seit fünf Jahren in dem Betrieb arbeiten - abgestuft nach Art der Schichtarbeit,
  • Eltern mit Kindern bis zu acht Jahren und
  • Beschäftigte mit einem pflegebedürftigen Angehörigen - wobei mindestens Pflegegrad eins festgestellt sein muss.

In letzteren beiden Fällen können die Arbeitnehmer sich höchstens zwei Jahre lang für freie Tage entscheiden - pro Kind beziehungsweise Pflegebedürftigen. Zudem müssen sie bereits zwei Jahre in dem Betrieb gearbeitet haben.

Wenn Unternehmen und Betriebsrat sich einigen, kann die Wahlfreiheit zwischen mehr Geld und mehr Freizeit auch ausgeweitet werden - bis hin zu allen Beschäftigten.

In dieser Regelung versteckt sich übrigens auch die zentrale Forderung der IG Metall nach einem Lohnzuschuss zur Arbeitszeitverkürzung, die die Arbeitgeber eigentlich vehement abgelehnt hatten: Eigentlich entspricht das tarifliche Zusatzgeld nur sechs freien Tagen im Jahr - der Arbeitgeber schenkt also zwei zusätzliche freie Tage.

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