»Covid-Klarheit« Corona treibt Menschen weltweit aus ihren bisherigen Berufen

Die Internationale Arbeitsorganisation registriert in der Coronakrise eine Flucht aus angestammten Berufen. In Branchen wie Gastronomie, Einzelhandel oder der Pflege werde es immer schwieriger, Positionen zu besetzen.
Geschlossene Parfümerie in Bonn (im Januar 2021): Auch der Einzelhandel muss ums Personal bangen

Geschlossene Parfümerie in Bonn (im Januar 2021): Auch der Einzelhandel muss ums Personal bangen

Foto: Ying Tang / NurPhoto via Getty Images

Es gibt Branchen, die leiden in der Coronakrise ganz besonders unter Fachkräftemangel. In ihnen geben trotz pandemiebedingter Unsicherheiten Menschen ihren Beruf auf – und suchen sich etwas Neues. Dieses unter Experten als »Covid-Klarheit« bezeichnete Phänomen gibt es einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, zufolge weltweit.

Viele Menschen haben demnach ihre Prioritäten in der Pandemie neu sortiert und ihre Tätigkeitsfelder verlassen. In manchen Branchen werde es deshalb immer schwieriger, Positionen zu besetzen, sagte ILO-Generaldirektor Guy Ryder in Genf. Er nannte die Gastronomie, den Einzelhandel sowie Pflegeberufe.

Arbeitsmärkte erholen sich langsamer als erwartet

Menschen seien sich in der Pandemie klar darüber geworden, dass ihre Arbeit nicht ihre Erwartungen erfülle oder sie nicht die gewünschte Anerkennung bekämen, sagte Ryder. Viele seien aus diesen und anderen Gründen nicht aktiv auf Arbeitssuche. Die wahre Zahl der Arbeitslosen liege deshalb sicher höher, als es offizielle Statistiken nahelegten.

Nach Hochrechnungen der offiziellen Statistiken dürften in diesem Jahr rund 207 Millionen Menschen weltweit arbeitslos sein, wie aus dem ILO-Bericht über Beschäftigungstrends 2022 hervorgeht. Das wäre zwar eine Verbesserung verglichen mit 2021 (214 Millionen) und 2020 (224 Millionen). Im Jahr vor der Pandemie, 2019, waren es aber nur 189 Millionen.

»Die globalen Arbeitsmärkte erholen sich deutlich langsamer als erwartet«, sagte Ryder. Die ILO rechnet damit, dass die Zahl der Arbeitslosen mindestens bis 2023 über dem Vorkrisenniveau bleibt. Gründe seien unter anderem die besonders ansteckenden Coronavirus-Varianten Delta und Omikron und die Unsicherheit über den Verlauf der Pandemie.

2022 dürfte es nach ILO-Berechnungen verglichen mit Ende 2019 ein Arbeitsstundendefizit geben, das 52 Millionen Vollzeitstellen mit 48-Stunden-Woche entspricht. Vor acht Monaten war die ILO noch optimistischer und hatte für dieses Jahr mit einem Minus gerechnet, das nur 26 Millionen Vollzeitstellen entsprochen hätte. Alle Zahlen sind bereinigt um das Bevölkerungswachstum.

apr/dpa