Erwerbstätigkeit in zehn Jahren verdoppelt Immer mehr Menschen im Rentenalter arbeiten

Die Rente mit 68 könnte zum Wahlkampfthema avancieren. Doch schon jetzt sind ältere Menschen im Rentenalter immer häufiger erwerbstätig. Das gilt besonders für Hochqualifizierte.
Senior in der Metallverarbeitung: Das umlagefinanzierte Rentensystem stößt immer mehr an Grenzen

Senior in der Metallverarbeitung: Das umlagefinanzierte Rentensystem stößt immer mehr an Grenzen

Foto: Monika Skolimowska / DPA

Senioren haben nie Zeit, weiß der Volksmund. Das könnte inzwischen auch daran liegen, dass immer mehr von ihnen im Rentenalter noch berufstätig sind. Der Anteil der älteren Menschen in Deutschland, die auch nach dem Eintritt ins Rentenalter arbeiten, steigt kräftig. Waren 2009 lediglich vier Prozent der Männer und Frauen im Alter ab 65 erwerbstätig, waren es 2019 bereits acht Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte .

»Diese Entwicklung ist neben dem zunehmenden Renteneintrittsalter auch auf die höheren Bildungsabschlüsse der Erwerbstätigen zurückzuführen«, hieß es zur Begründung. Besonders Hochqualifizierte arbeiten demnach weiter: Von ihnen war rund jeder vierte (26 Prozent) in der Altersgruppe von 65 bis 69 Jahren 2019 noch erwerbstätig. Bei den Geringqualifizierten waren es nur 13 Prozent.

Ein Drittel braucht das Geld zum Leben

Mehr als ein Drittel (38 Prozent) der Erwerbstätigen im Alter ab 65 bestritt aus beruflichen Tätigkeiten vorwiegend den Lebensunterhalt. »Für knapp zwei Drittel der älteren Erwerbstätigen stellt ihre Tätigkeit eher einen Zuverdienst dar«, ermittelten die Statistiker. Besonders Selbstständige üben ihren Beruf häufig auch jenseits eines Alters von 65 Jahren aus. Mit 37 Prozent liegt der Anteil mehr als dreimal so hoch wie bei allen Erwerbstätigen (zehn Prozent).

»Ein Grund dafür kann sein, dass für Selbstständige keine Rentenversicherungspflicht existiert, sodass viele Selbstständige im Alter auch keine gesetzliche Rente erhalten«, hieß es. »Darüber hinaus gibt es auch kein gesetzlich festgelegtes Alter des Renteneintritts als psychologischen Bezugspunkt.«

Eine Million weniger Arbeitskräfte 2030

Die steigende Erwerbsbeteiligung im Rentenalter wird Prognosen zufolge nicht verhindern, dass dem Arbeitsmarkt künftig weniger Menschen zur Verfügung stehen. Je nach Szenario ergibt sich ein Rückgang der Erwerbspersonenzahl bis 2060 um zwei bis zehn Millionen, so das Statistische Bundesamt.

Schon 2030 dürften dem deutschen Arbeitsmarkt voraussichtlich nur noch 42,6 Millionen Menschen zur Verfügung stehen – eine Million weniger als 2019. Bis 2060 könnte die Zahl auf rund 38,5 Millionen sinken. Hauptgrund für die Abnahme der Zahl der Erwerbspersonen sei das Ausscheiden der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge aus dem erwerbsfähigen Alter in den nächsten 25 Jahren.

Das umlagefinanzierte Rentensystem stößt deshalb immer mehr an Grenzen. Um es noch finanzieren zu können, steigt von 2012 bis 2031 das Renteneintrittsalter stufenweise von 65 auf 67 Jahre. Und auch wenn der Anteil der Erwerbstätigen im Rentenalter steigt, wollen sehr viele Babyboomer lieber früher als später aussteigen. Hinzu kommt: Gerade bei körperlich fordernden Tätigkeiten kann das Renteneintrittsalter nicht beliebig weiter nach hinten verschoben werden.

Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium fordert angesichts von »schockartig steigenden Finanzierungsproblemen in der gesetzlichen Rentenversicherung ab 2025« dennoch ein noch höheres Renteneintrittsalter, das an die Lebenserwartung gekoppelt wird.

Auch das Ifo-Institut plädiert für eine weitere Erhöhung des Rentenalters, andernfalls könnten die absehbaren Zusatzkosten zu einer höheren Mehrwertsteuer von 23 Prozent 2030 beziehungsweise 27 Prozent im Jahr 2050 führen. Zugleich wächst der Anteil, den der Staat zur Rentenkasse zuschießt, immer weiter an.

apr/Reuters
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