Früher war alles schlechter Immer mehr Menschen werden satt

Hunger ist das größte lösbare Problem der Welt, sagt die Uno. Tatsächlich sterben heute viel weniger Menschen an Unterernährung als vor einigen Jahren - obwohl die Weltbevölkerung zunimmt.
Früher starben 400 von 100.000 Menschen an Hunger - heute noch 3.

Früher starben 400 von 100.000 Menschen an Hunger - heute noch 3.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Im Leben jedes satten Kindes hierzulande kommt der Moment, da es verständnislos auf ein Bild eines hungernden, meist dunkelhäutigen Gleichaltrigen blickt. Dann müssen Eltern erklären, dass die allermeisten Menschen in Deutschland Hunger nur in dieser einen Form kennen: als Signal des Körpers, dass es Zeit wird fürs Mittagessen. Anderswo allerdings sterben und starben die Menschen daran.

Einer von neun Erdenbürgern - 795 Millionen weltweit - hat heute nicht genug zu essen, meldet das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Die Zahl der Hungernden ist seit 1990 um 216 Millionen gesunken, obwohl mittlerweile viel mehr Menschen auf der Erde leben als damals. 216 Millionen - das sind mehr als die Einwohner von Brasilien und Griechenland zusammen. Obwohl die Zahl der Notleidenden immer noch ungeheuerlich groß ist, scheint die Welt also zumindest auf dem richtigen Weg zu sein.

Die schrecklichste, tödlichste Form des Hungers ist die flächendeckende Hungersnot. Der letzten großen Katastrophe dieser Art fielen in Somalia 2011 geschätzte 258.000 Menschen zum Opfer, annähernd fünf Prozent der dortigen Bevölkerung. Doch im historischen Vergleich des 20. Jahrhunderts wirken selbst solche Zahlen klein. Seit 1920 starben mehr als 70 Millionen Menschen durch Hungersnöte, wobei fast die Hälfte auf Maos "Großen Sprung" in den Abgrund entfällt, ein weiteres Viertel auf Stalins mörderische Politik der Zwangskollektivierung, vor allem in der heutigen Ukraine und Kasachstan.

Während zwischen 1920 und 1970 global im Schnitt rund 400 von 100.000 Menschen per Dekade in Hungersnöten starben, betrug diese Rate in den Nullerjahren noch 3 pro 100.000. Das stellte schon eine Studie im Jahr 2000 fest. Die Zahlen rund um die Jahrtausendwende haben also bereits Mut gemacht. Und seitdem ist der Hunger in Entwicklungsländern um weitere 29 Prozent zurückgegangen, meldet der Welthunger-Index (WHI), der jährlich herausgegeben wird. Zu dieser Formel gehört der Anteil von Unterernährten und von unterentwickelten oder sogar an Hunger gestorbenen Kindern in der Bevölkerung. Für alle betroffenen Regionen in der Welt gilt: Die Zahlen nehmen ab.

Wie ist diese Erfolgsgeschichte vom Kampf gegen den Hunger zu erklären? Das Uno-Welternährungsprogramm zum Beispiel setzt an mehreren Stellen an:

  • Unabhängig werden: Hungernde Menschen sollen Starthilfe für Projekte bekommen, mit denen sie sich schließlich selbst ernähren können.
  • Faire Ernte: Weil laut Uno drei von vier Hungernden auf dem Land wohnen, will sie Kleinbauern unterstützen.
  • Starke Partnerinnen: 60 Prozent der Hungernden sind Frauen. Deswegen sollen Schülerinnen, Mütter und Geschäftsfrauen geschult und gefördert werden.
  • Die Satten zum Spenden ermutigen: Allein Deutschland hat 2016 mit 791,5 Millionen Euro so viel wie noch nie an das Welternährungsprogramm gespendet. Smartphone-Nutzer haben mit der App "ShareTheMeal"  schon mehr als zehn Millionen Mal 40 Cent gespendet; so viel kostet es laut Uno, ein Kind einen Tag lang zu ernähren.

Die Arbeit der vergangenen Jahrzehnte zahlt sich aus: In allen Weltregionen hat sich die Ernährungssicherheit und die Anzahl Kalorien pro Kopf in den letzten sechzig Jahren enorm verbessert. Obwohl es immer mehr Menschen gibt auf der Welt, gibt es gleichzeitig auch immer mehr Nahrung pro Kopf. Die Uno nennt Hunger das "größte lösbare Problem der Welt". (Was das größte unlösbare Problem ist, sagt sie nicht. Das Klima? Trump? Andere Vorschläge?)

Dies ist die Online-Ausgabe der SPIEGEL-Rubrik "Früher war alles schlechter" von Guido Mingels. Mehr Nachrichten mit Trends zur Verbesserung der Welt gibt es auf der Themenseite: Früher war alles schlechter.