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07. Dezember 2015, 18:22 Uhr

Preisblase, Leerstand, Luxuswohnungen

Drei Mythen des deutschen Immobilienmarkts

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Entsteht auf dem Immobilienmarkt eine Preisblase? Lassen Spekulanten massenhaft Wohnungen leerstehen? Leben die Deutschen immer luxuriöser? Staatlich bestellte Gutachter räumen mit gängigen Legenden auf.

Was treibt den deutschen Immobilienmarkt? Dass die Preise steigen, ist mittlerweile fast jedem klar. Doch bei den Trends, die dahinter stecken, muss man schon etwas genauer hinschauen.

Der Arbeitskreis der Gutachterausschüsse in Deutschland hat das mit seinem aktuellen Marktbericht getan. Der Datensammlung dürfte die Wirklichkeit des Immobilienmarkts in Deutschland sehr viel genauer wiedergeben, als die regelmäßig veröffentlichten Studien von Hauseigentümern, Mieterschützern, Maklern oder Immobilienportalen. Denn die Autoren konnten für ihre Analyse alle abgeschlossenen Kaufverträge auswerten, was privaten Anbietern wegen der Vertraulichkeit der Daten nicht möglich ist.

Allerdings stößt auch eine Untersuchung auf so umfangreicher Datenbasis an ihre Grenzen. Denn trotz aller Versuche, allgemeingültige Standards aufzustellen: Wohnungen oder Häuser sind im Prinzip Einzelstücke mit speziellen Eigenschaften, die sie begehrlich machen, oder eben nicht.

Und trotzdem lassen sich einige wichtige Erkenntnisse daraus ableiten - auch solche, die angebliche Markttrends als Mythen entlarven:

Die Menschen zieht es weiter in die Städte

Auch für die Zukunft halten Immobilien-Gutachter weitere Preissteigerungen für sehr wahrscheinlich. "Allein der Zuzug der Flüchtlinge aus den Krisengebieten wird für große Nachfrage sorgen und entsprechenden Druck auf die Preise", sagte Harald Herrmann, der Direktor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Dass Flüchtlinge auf die sich zunehmend leerenden Gegenden in der Provinz ausweichen, hält der Experte für unwahrscheinlich. "Wir gehen davon aus, dass auch Flüchtlinge in die Ballungsräume drängen - nicht zuletzt auf der Suche nach Arbeit."

Da hilft nur, in den Städten mehr zu bauen. Bisher ging man beim Bundesinstitut davon aus, dass jährlich 270.000 neue Wohnungen nötig seien - was in diesem Jahr wohl auch erreicht wird. Doch jetzt heißt es: 350.000 bis 400.000 Wohnungen müssen es schon sein.

Bundesregierung und Verbände diskutieren seit langem, wie mehr und vor allem bezahlbare neue Wohnungen gebaut werden können, etwa durch steuerliche Sonderabschreibungen. Eine schnelle Lösung ist aus Hermanns Sicht aber schwierig. "Es vergehen zwei bis drei Jahre, bevor aus der Idee ein Gebäude geworden ist."

Zusammengefasst: 1) Am Immobilienmarkt wird es weiter teurer, aber von einer Blasenbildung kann keine Rede sein. 2) Die Menschen in Deutschland bewohnen mehr Fläche pro Kopf, doch das lässt nicht auf ausufernden Luxus schließen. 3) In den Metropolen stehen zwar immer wieder Wohnungen leer, doch ohne einen gewissen Leerstand gäbe es gar keine Bewegung am Markt - und Wohnungssuchende hätten keine Chance, überhaupt eine Bleibe zu finden.

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