Immobilienexperten Homeoffice könnte Wohnungsmärkte entlasten

Das Institut der deutschen Wirtschaft sieht im Homeoffice eine Chance für den ländlichen Raum. Auch Mieter in den Großstädten könnten profitieren.
Arbeiten im Homeoffice (Symbolbild): Wird der ländliche Raum so attraktiver?

Arbeiten im Homeoffice (Symbolbild): Wird der ländliche Raum so attraktiver?

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Steigende Mieten, begrenzter Wohnraum: Das ist in Großstädten Alltag. Nun könnte Immobilienexperten zufolge ausgerechnet der Trend zum Homeoffice Abhilfe schaffen. "Mit dem Arbeiten von zu Hause könnte ein größerer Umkreis um die Metropolen attraktiv werden", sagte Michael Voigtländer, Immobilienexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Wer nur zweimal die Woche ins Büro kommen müsse, könne auch weitere Wege zum Pendeln in Kauf nehmen.

Das Homeoffice sei daher auch eine Chance für ländliche Regionen. Die Menschen bräuchten dort aber eine gute Infrastruktur mit Schulen, Kitas, schnellem Internet und auch etwas Kulturangebot. "Die Wohnungsmärkte sind schon sehr auf die Metropolen konzentriert", sagte Vogtländer.

Er erwarte zwar keinen Ansturm auf das Land. Die Ballungsräume blieben attraktiv, da Dienstleistungsjobs in den Städten entstünden und Hochqualifizierte anzögen. "Das Einzugsgebiet der Metropolen könnte sich aber erweitern", sagte Voigtländer. In der Folge könnten sich die Preisanstiege bei Immobilien in Großstädten verlangsamen.

Arbeiten von zu Hause auch nach der Pandemie

Homeoffice und Onlinekonferenzen dürften auch nach der Coronakrise die Arbeitswelt prägen. 73 Prozent der Firmen, die in der Pandemie verstärkt auf das Arbeiten von zu Hause setzen, planen künftig mehr davon anzubieten, wie eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts unter knapp 800 Personalleitern ergab. Die Ökonomen sprachen von einem Durchbruch.

Eine dauerhafte Zunahme des Homeoffice könnte die Wohnungsnachfrage verändern, analysierte  jüngst auch der Immobilienspezialist JLL. Bei einer großen Wohnkostenbelastung in der Stadt und einem hohem Preisgefälle zum Umland würden angrenzende Regionen attraktiver. "Damit könnten die Kosten einer erhöhten Pendelzeit aufgewogen werden", schrieb JLL-Experte Helge Scheunemann. Zumal sich mit der Coronakrise Wohnwünsche ändern dürften: Etwa das Bedürfnis nach einem Arbeitszimmer, Garten oder Balkon und generell mehr Platz.

Wo sich die Wohnungsnachfrage um Städte besonders ausdehne, hängt laut JLL neben dem Preisgefälle und der Verkehrsanbindung auch von der Branchenstruktur ab: Bürojobs lassen sich leicht im Homeoffice erledigen, während in der Produktion Anwesenheit erforderlich bleibt. Angesichts des hohen Anteils an Büro- und Dienstleistungsjobs gebe es viel Potenzial für eine Verschiebung der Wohnungsnachfrage in München, Köln, Düsseldorf, Frankfurt und Darmstadt. Auch regionale Oberzentren wie Münster, Jena und Dresden hätten gute Bedingungen.

Homeoffice als Sparmöglichkeit

Vor der Coronakrise spielte Präsenz in Büros in Deutschland noch eine große Rolle. Durchschnittlich leisteten sozialversicherungspflichtige Beschäftigte 2018 erst rund 11 Prozent ihrer Arbeitszeit im Homeoffice, errechnete das IW . Doch Arbeitgeber und Beschäftigten hätten nun gemerkt, dass es relativ gut funktioniere, sagte Experte Voigtländer. Zudem biete Homeoffice Sparmöglichkeiten, weil Büroräume wegfallen. "Das ist natürlich verführerisch für Unternehmen."

Bei im Schnitt 30 Quadratmetern für einen Beschäftigten würden für einen Arbeitsplatz in den sieben größten Städten Deutschlands jährlich 6500 bis 9000 Euro fällig, errechnete die DZ Bank . Für Spitzenlagen in Berlin, Frankfurt oder München sind es demnach sogar mehr als 15.000 Euro. Dabei würden die Schreibtische im Schnitt nur an 190 Tagen im Jahr genutzt, so die DZ Bank. An Wochenenden oder wegen Urlaub, Krankheit, Dienstreisen, Homeoffice-Tagen und Teilzeitverträgen stehen Büros oft leer.

Nicht nur Vorteile

Wenn sich Homeoffice durchsetze, bräuchten die Menschen aber Platz für ein Arbeitszimmer, gibt Voigtländer zu bedenken. "Das schmälert die Vorteile niedrigerer Mieten oder Kaufpreise auf dem Land." Auch für Firmen habe das Homeoffice nicht nur Vorteile. "Der persönliche Kontakt im Büro stiftet Gemeinsinn und Identifikation mit der Firma." Zudem könne nicht jeder gut zu Hause arbeiten, und neue Mitarbeiter bräuchten die Einarbeitung vor Ort.

Firmen müssten für Kosten des Homeoffice aufkommen - steuerlich ist der Abzug bisher nur in engen Grenzen möglich. "Wahrscheinlich werden wir nicht alle für immer zu Hause arbeiten", sagte Voigtländer. "Aber es dürfte eine neue Balance zwischen Arbeiten und Wohnen geben."

kko/dpa
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