Spekulation am Immobilienmarkt Ökonomen stufen Blasenrisiko auf 92 Prozent ein

Das DIW warnt vor einer "explosiven Preisentwicklung, die sich von den Immobilienerträgen entkoppelt hat". Die Wahrscheinlichkeit einer spekulativen Übertreibung ist hoch - doch die Lage könnte sich entspannen.

Die Preisentwicklung in Berlin habe sich von den Immobilienerträgen entkoppelt, warnen Experten
Paul Zinken/dpa

Die Preisentwicklung in Berlin habe sich von den Immobilienerträgen entkoppelt, warnen Experten


Angesichts rasant steigender Miet- und Kaufpreise wächst die Sorge vor einer Immobilienpreisblase in Deutschland: Das Risiko einer spekulativen Übertreibung liege derzeit bei 92 Prozent, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie geschätzt. Bis Ende des Jahres werde sich die Lage aber etwas entspannen und das Risiko auf 84 Prozent abnehmen.

Auf Grundlage statistischer Modelle und Frühindikatoren - wie beispielsweise das Wachstum der Kreditvergabe oder der verfügbaren Einkommen - haben die Wissenschaftler die Wahrscheinlichkeiten für eine Preisblase prognostiziert. Die Modelle geben Auskunft über das Risiko, können aber nicht mit absoluter Sicherheit bestimmen, ob tatsächlich eine Preisblase vorliegt oder nicht. Übersteigt die Wahrscheinlichkeit den Wert von 50 Prozent, dann überwiegt das Risiko einer Immobilienpreisblase.

Auch eine Analyse des Beratungshauses Empirica kam kürzlich zum Schluss, dass in neun von zwölf deutschen Großstädten eine "eher hohe" Blasengefahr bestehe. In Köln, Leipzig und Dortmund sei die Gefahr "mäßig hoch".

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Spekulative Übertreibungen sind dann wahrscheinlich, wenn sich die Preise für Häuser und Wohnungen von den Erträgen entkoppeln, das heißt, wenn das Verhältnis aus Immobilienpreis und Mietertrag stark steigt. "Für Deutschland stehen die Signale zumindest auf Gelb: Es gibt eine explosive Preisentwicklung, die sich von den Immobilienerträgen entkoppelt hat", sagt DIW-Studienautor Konstantin Kholodilin.

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Hierzulande würden Wohnungskäufe aber weiter relativ solide finanziert. Zudem habe sich das Preiswachstum in großen Städten zuletzt verlangsamt, weshalb das Blasenrisiko sinke.

Warnstufe Gelb für Deutschland

Dennoch dürfe die Politik nicht ihre Hände in den Schoß legen, warnte das DIW: Sie müsse Grundlagen schaffen, um in den Markt einzugreifen. "Nach wie vor ist das Instrumentarium prophylaktischer Maßnahmen in Deutschland nicht ausreichend", sagt Claus Michelsen. So fehle es beispielsweise an Eingriffsmöglichkeiten, die auf die Verschuldungsobergrenzen von Haushalten abstellen. Auch sei unklar, nach welchen Kriterien die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in den Markt eingreifen kann.

Die Sorge vor einer Immobilienpreisblase angesichts steigender Miet- und Kaufpreise wächst aber nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das Risiko ist vor allem in einigen skandinavischen Ländern wie Schweden, Norwegen und Dänemark, aber auch in den USA, der Schweiz, Belgien und Japan derzeit sehr hoch. Hier droht mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent im vierten Quartal 2019 eine spekulative Übertreibung.

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insgesamt 33 Beiträge
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MisterD 07.08.2019
1. Ich bin Ingenieur...
Wenn bei einer meiner Maschinen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls mit drastischen Auswirkungen von 96% auf 84% sinkt... dann könnte ich trotzdem keine Minute ruhig schlafen... 96% Wahrscheinlichkeit einer Blase? Und da wird den Leuten allen Ernstes noch geraten ihr sauer verdientes Geld in völlg überteuerte Immobilien zu stecken, um damit fürs Alter vorzusorgen?
vfleischhauer 07.08.2019
2. Blase? In Deutschland?
Ich vermittle seit 30 Jahren Baufinanzierungen im Rhein-Main-Gebiet. Klar, die Preise haben sich in den letzten 10 Jahren in Spitzenlagen teilweise verdoppelt. Wird aber weiter fleißig gekauft. Mal ein Beispiel aus der Praxis: Chinesen aus Shanghai oder Koreaner aus Seoul lachen sich kaputt. Eine 100qm Wohnung für 680.000 kostet dort ca. 2.5 Mio Euro. Allerdings würden wir richtig dumm aus der Wäsche gucken, wenn die Chinesen nicht so hohe Hürden beim Kapitalexport hätten. Der Markt wäre leer und die Preise dann wirklich auf dem Mond. 30 - 40 km von Frankfurt entfernt sinken die Preise schon um 20%. Und bei den Zinsen kann fast jeder eine Immobilie kaufen. Muss man eben etwas länger fahren. Aber das ist überall auf der Welt so und wird sich auch nicht ändern.
Europa! 07.08.2019
3. Vorsorge ist besser als Jammern
Blase hin, Blase her. Es wird den Politikern nicht gelingen, den Markt außer Kraft zu setzen und die Mieten (und Löhne) dauerhaft mit allerlei Gewaltakten runterzudrücken. Dann stellt sich das Gleichgewicht schnell wieder her. Und wenn man 60 ist, möchte man nicht plötzlich feststellen, dass man jahrzehntelang beim Wohnen gespart hat und plötzlich ausziehen muss.
eunegin 07.08.2019
4. Altmieter laufen aus und die Blase verschwinden. Rein rechnerisch.
Im Moment gehen Kaufpreise und Mieten auch deshalb auseinander, weil Altmieter noch Bestandsschutz haben. Investoren sitzen das aus oder forcieren den Wechsel. Es wächst sich also aus. Im Ergebnis werden nicht die Kaufpreise niedriger, sondern die Mieten signifikant höher - ist man erst einmal die Billigmieter los.
kuckmerma 07.08.2019
5. Hmm…
…war nicht hier vor wenigen Wochen zu lesen, dass es keine Blase gibt und durchaus noch zu einem Kauf geraten wird? Was konkret ist in der letzten Zeit passiert, ob des aktuellen Meinungswandels? Oder ist das ein üblicher Sommerloch-Füller?
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