Industriepräsident Kempf "Den Menschen in Ostdeutschland viel zu wenig zugehört"

Industriepräsident Dieter Kempf fordert höhere Investitionen in den Osten - und warnt erneut vor den wirtschaftlichen Folgen eines Wahlerfolgs der AfD.

Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI)
Kay Nietfeld/dpa

Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI)


Kurz vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hat Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Versäumnisse von Politik und Wirtschaft im Osten eingeräumt. "Wir haben den Menschen in Ostdeutschland viel zu wenig zugehört", sagte Kempf der Deutschen Presse-Agentur. Die regionalen Unterschiede in Ostdeutschland seien mitunter enorm.

Um dem entgegenzuwirken, forderte Kempf einen "Kraftakt, um vor allem die Infrastruktur im Osten deutlich zu verbessern." Dies sei eine Gemeinschaftsaufgabe von Politik und Wirtschaft. "Zu lange wurde der Fehler gemacht, Infrastruktur mit Straßenbau gleichzusetzen. Aber Infrastruktur ist so viel mehr - das ist auch der Internetzugang, die Dorfkneipe, der Bäcker und der Arzt vor Ort." Er könne verstehen, sagte Kempf, wenn Menschen dort das Gefühl haben, man habe sie nicht wahrgenommen.

Auch 30 Jahre nach der Wende gibt es noch große Unterschiede zwischen der Wirtschaft im Osten und der im Westen. So hat bis heute kein Dax-Konzern seinen Sitz in Ostdeutschland. Der wirtschaftliche Aufholprozess Ostdeutschlands stagniere, erklärte der BDI bereits im Mai, ein großes Problem ist der Fachkräftemangel.

Kaufkraft und Armut in deutschen Regionen

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Die Lage zu verbessern, sei in erster Linie eine politische Aufgabe, sagte Kempf. "Wir müssen das aber wirtschaftlich flankieren." Vor allem gehe es um einen Ausbau der digitalen Infrastruktur. "Es gibt nach wie vor viele Regionen ohne schnelles Internet, und das im Jahr 2019. Da muss sich niemand wundern, wenn sich dort kein Gewerbe ansiedelt." Außerdem gebe es eine deutliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern. "Frauen sind seit der Wende insgesamt viel schneller bereit gewesen, neue berufliche Chancen zu ergreifen, als Männer."

Kempf warnte erneut vor einem Erstarken der AfD bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag. "Es würde dem Land nicht nur einen Imageschaden, sondern auch einen wirtschaftlichen Schaden zufügen, wenn sie politische Macht bekäme."

rai/dpa



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leidernein 27.08.2019
1. Das Problem ist,
Dass die Menschen im Osten offenbar eine Mentalität entwickelt haben, es müsse ihnen alles aus dem Westen kostenlos zugefügt werden, vom Westen bezahlt, und das auch Jahrzehnte nach der Wende. Und erneut hat daran der Westen schuld, weil er dem Jammern nicht hinreichend zugehört hat. Die Probleme mit langsamer Internetverbindung gibt es doch nicht nur im Osten! Es ist ein landesweites Problem, von der Regierung vernachlässigt. Ein bisschen Eigeninitiative täte hier mal ganz gut! Ostdeutschland gibt es schon lange nicht mehr, also aufgewacht und angepackt!
muellerthomas 27.08.2019
2.
Ich glaube, ich seh nicht recht. Der Osten ist medial weit über repräsentiert. Die Strukturprobleme etwa im Ruhrgebiet, dem Saarland oder Bremerhaven gehen dabei unter. Und bessere Infrastruktur? Seit der Wiedervereinigung sind über 2,5 Bio. Vom Westen in den Osten geflossen, mehr als die gesamte deutsche Staatsverschuldung. Aber all das reicht demnach nicht. Es soll sich alles um den Osten drehen und noch viel mehr Geld von West nach Ost fließen. Wo bleibt die Protestpartei dagegen?
interessierter10 27.08.2019
3. Wenn ich es richtig erinnere,
waren es die westdeutschen Unternehmen und der BDI, dem es nicht schnell genug ging, dass die ostdeutschen Betriebe abgewickelt bzw. den Westunternehmen für kleines Geld zugeschlagen werden. Sie waren es, die dann alle wichtigen Positionen mit Westdeutschen besetzt haben. Sie waren es, die alle Kontakte nach Osteuropa gekappt hatten. Sie waren es, die den ostdeutschen niedrigere Löhne als im Eedten gezahlt haben. Sie waren es, die den Menschen direkt oder indirekt zu verstehen gegeben haben, dass sie Menschen 2. Klasse sind und alles, was sie wirtschaftlich geleistet haben minderwertig ist. Sie waren es, die die staatlichen Mittel zur Standortförderung in den Westen verlagert haben. Sie waren es, die Betriebe im Zweifel stillgelegt und die Menschen entlassen haben. Und jetzt, wo ihnen der ganze wirtschaftspolitische Dilettantismus, Gier, kurzfristiges Denken und Arroganz durch das Aufkommen von braunen Parteien um die Ohren fliegt, fangen sie an, zu jammern, aber auch nur, weil die Standorte durch die AFD nun weniger wert sind.
dirkcoe 27.08.2019
4. Was soll das?
Nach 30 Jahren kommt die Einsicht? - und das ganz kurz vor der Wahl? Mit Verlaub, diese Äußerungen sind ebenso peinlich wie fehl am Platz.
unky 27.08.2019
5. Vor den Wahlen rückt der Osten in den Fokus
Und nach den Wahlen geht es weiter wie bisher. Die Fehler der Kohl-Ära werden nicht korrigiert - als da sind: Deindustrialisierung ganz Ostdeutschlands (und damit Schaffung neuer Absatzmärkte für westdeutsche Firmen), Ausdünnung der Infrastrukturen auf dem Lande und in den Kleinstädten (Schließung der Polikliniken, Stilllegung von Bahnstrecken, zu wenig Geld für Regional- und öffentlichen Nahverkehr, keine Einkaufsmöglichkeiten mehr in den Dörfern, fehlende Apotheken, Schließung von Schulen) , bis heute niedrigere Löhne und Gehälter für Ostdeutsche und niedrigere Rentenwerte für ostdeutsche Rentner. Leitungspositionen wurden grundsätzlich fast immer mit Westdeutschen besetzt. Es war ja so einfach, alle hochqualifizierten Ostdeutschen von solchen Plätzen zu verdrängen, indem man ihnen zu große Staatsnähe vorhielt. Und dann noch die Deutungshoheit der Westdeutschen über das Leben, das die Ostdeutschen in der DDR geführt haben. Wundert sich da noch jemand, dass es zur Massenabwanderung gut ausgebildeter Ostdeutscher in den Westen des Landes kam? Das alles hat die Abwärtsspirale noch verstärkt - und ich sehe auch nicht, dass sich heutzutage daran etwas ändert. Und in den attraktiveren Regionen hat der wirtschaftliche Aufschwung für viele Menschen nur zu einem geführt: zu hohen Mieten, die sich viele nicht mehr leisten können.
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