Polit-Filmstar Robert Reich Der kleine Mann kämpft für die kleinen Leute

Rechte Staatsfeinde legen derzeit Washington lahm. Doch sie können nicht verhindern, dass auch in Amerika eine Debatte über soziale Ungleichheit einsetzt - wie der Erfolg eines Dokumentarfilms der Linken-Ikone Robert Reich zeigt. Eine Begegnung.
Robert Reich: "Wenn nur das Geld regiert, ist die Demokratie in Gefahr"

Robert Reich: "Wenn nur das Geld regiert, ist die Demokratie in Gefahr"

Foto: Dimitrios Kambouris/ AFP

Robert Reich sagt, er fürchte Riesen nicht. Das bedeutet, dass der Mann eigentlich niemanden fürchten kann, denn für ihn ist so gut wie jeder Mensch ein Riese. Reich, 67, misst 1,49 Meter, wegen einer Erbkrankheit hat sein Körper früh aufgehört zu wachsen. Als er beim SPIEGEL-Interview im Stuhl Platz nimmt, berühren seine Füße kaum den Boden.

Das hat Reich nicht daran gehindert, unter Präsident Bill Clinton US-Sozialminister zu werden, Professor in Harvard und Berkeley, Bestsellerautor - und nun gar Filmstar. In diesen Tagen sieht man auf amerikanischen TV-Schirmen und Kinoleinwänden immer wieder die gleichen Bilder: den klein gewachsenen Reich, wie er als Kämpfer für die little guys marschiert, die kleinen Leute.

"Inequality for All" heißt der Dokumentarfilm, in dem Reich die Hauptrolle spielt, er basiert auf den Vorlesungen des Politikprofessors zu Reichtum und Armut. Doch es ist ein packender Polit-Krimi statt einer drögen Lehrstunde, der Streifen wurde bei Robert Redfords "Sundance Film Festival" gefeiert (zum Trailer ), schon gilt Reich als ein intellektueller Nachfolger von Dokufilm-Krawallo Michael Moore. Oder von Ex-Vizepräsident Al Gore, der mit seinem Film über die Gefahren des Klimawandels gar einen Oscar gewann.

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Der Vergleich passt Reich nicht. Er sei höflicher als Moore und witziger als Gore, stellt er grinsend klar.

Amerikas Gesellschaft droht zu zerreißen, das lässt sich statistisch einwandfrei belegen. Man muss es nur endlich mal sagen. Und das tut Reich in eindrucksvoller Weise, knapp 90 Filmminuten lang: 1978 verdiente der typische amerikanische Arbeitnehmer 48.078 Dollar im Jahr, das oberste Prozent der Gesellschaft erhielt im Schnitt 390.000 Dollar. Heute bekommt der Arbeiter nur noch 33.000 Dollar, die Top-Verdiener dagegen 1,1 Millionen. Die 400 reichsten Amerikaner besitzen so viel wie die 150 Millionen Bürger ganz unten zusammen.

Den amerikanischen Arbeitern hilft heute niemand

Wichtiger aber noch: Reichs Film verleiht diesen schockierenden Zahlen endlich ein Gesicht. Er zeigt etwa das Ehepaar, das zwei ordentliche Jobs hat und auch sonst solide haushaltet - und doch nur 150 Dollar auf dem Sparkonto vorweisen kann. Und er präsentiert einen Multimilliardär, der nur darüber lachen kann, dass Leute ernsthaft glauben, er sichere Arbeitsplätze, weil er das dank niedriger Steuern gesparte mehr Geld ausgebe. "Auch eine sehr reiche Person kann nur auf einem oder zwei Kissen schlafen", sagt er. Wie eine Ohrfeige wirkt nach solchen Aussagen das Dauermantra von Amerikas Rechten, die Finanzelite kurbele durch ihren Konsum die Wirtschaft besonders an.

Reich hat sich als Kind oft Ohrfeigen von größeren Jungs eingefangen. Damals haben ihm viele Menschen geholfen, bis er es nach Oxford und Yale schaffte. Doch wer hilft heute den kleinen Leuten, etwa den amerikanischen Arbeitern? "Niemand", sagt Reich - auch weil nur noch 11 Prozent von ihnen Gewerkschaftsmitglieder seien.

Und die Politik? Der größte Erfolg der reichen Rechten, sagt Reich, sei die Verbreitung von Zynismus. "Wenn sich viele Menschen von der Politik abwenden, weil sie glauben, dass sich eh nichts ändert, siegt die Finanzlobby".

Reich for President?

"Wenn nur noch das Geld regiert, ist unsere Demokratie in Gefahr", schlussfolgert Reich. Für seinen fast eine Milliarde Dollar teuren Wahlkampf brauchte auch der Demokrat Barack Obama die Finanzelite. "Er steht der Wall Street zu nahe", sagt Reich knapp.

Wer bleibt dann noch? Hillary Clinton ist eine Studienfreundin, sie gingen sogar mal zusammen aus. Reich schätzt sie als entschlossene Politikerin, aber Hillary kassiert heute 200.000 Dollar pro Rede, sie speist mit Henry Kissinger oder David Rockefeller. Wüsste sie als mögliche Bewerberin im Jahr 2016 noch, welche Sorgen den Mann im Blaumann plagen?

Es heißt in den USA, die Clintons, geschätztes Vermögen: über 100 Millionen Dollar, verfolgten nervös Amerikas neue Debatte über soziale Ungleichheit. Die prägt auch den New Yorker Bürgermeisterwahlkampf, wo ein Kandidat klar vorne liegt, der höhere Steuern für die Reichen der Finanzmetropole fordert. Die Clintons fürchten wohl zu Recht, Kandidatin Hillary könnte wieder von einem Außenseiter links überholt werden, so wie einst von Obama.

Reich wäre so ein Außenseiter. Er hat sich sogar eine Eröffnungsparty für seinen Film verbeten. Sein Sessel in Berkeley ist durchgesessen, er nimmt keinen Cent für seine Reden.

Reich for President? Manche Anhänger hoffen darauf. "So eingebildet wäre ich nie", sagt der Professor schlicht. Reichs wertvollstes Pfund aber wäre: Glaubwürdigkeit. Vielleicht sehnt sich das zerrissene Amerika genau danach.

SPIEGEL-Gespräch
Foto: Foto: Stephen Lam/ DER SPIEGEL
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