Euro-Krise Bundesbank nimmt höhere Inflation in Kauf

Die Inflation der Bundesrepublik kann künftig über dem Durchschnitt der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion liegen. Das sagte der Chefvolkswirt der deutschen Zentralbank. Beobachter werten das als Kehrtwende in der Geldpolitik.
Bundesbank-Chef Weidmann: Inflationspolitik lockern

Bundesbank-Chef Weidmann: Inflationspolitik lockern

Foto: dapd

Hamburg - Die Inflation ist noch immer ein deutsches Angstthema. Immerhin erlebte das Land von 1914 bis 1923 eine der radikalsten Geldentwertungen, die es in einer großen Industrienation je gab. Ein Anstieg der Verbraucherpreise ist deswegen politisch noch immer heikel. Nun wagt sich die deutsche Zentralbank dennoch an das Thema heran - wenn auch mit äußerster Vorsicht.

Die Bundesbank rechnet damit, dass Deutschland bald eine Inflationsrate aufweisen wird, die über dem Durchschnitt der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion liegt. So drückte es Jens Ulbrich, der Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bundesbank, bei einer Anhörung im Finanzausschuss des Bundestags aus, über die die Nachrichtenagentur Dow Jones am Mittwoch berichtete.

Der Anstieg würde nur von einem sehr niedrigen auf ein moderates Niveau erfolgen. Gemeint sein könnte ein vorübergehendes Niveau von etwa 2,5 bis 2,6 Prozent. Und dennoch: Die Ankündigung der Bundesbank wird in der Fachwelt mit großem Interesse verfolgt. Die britische "Financial Times"  wertet sie als Signal, dass die Bundesbank ihre rigide Inflationspolitik lockert. Der Volkswirt Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING sieht sie als "großen Durchbruch". Die Bundesbank gebe erstmals zu, dass Deutschland Verantwortung für ein neues Gleichgewicht im Euro-Raum übernehmen müsse, sagte er der "Financial Times Deutschland" ("FTD").

Die Verbraucherpreise dürften laut Ulbrich aus einem einfachen Grund steigen: Europas Politiker versuchen verstärkt, sogenannte Leistungsbilanzungleichgewichte abzubauen. Mit diesen sind im weitesten Sinne die internationalen Güterströme gemeint. Länder in Südeuropa haben jahrelang mehr importiert als exportiert; gleichzeitig stiegen die Löhne in diesen Ländern. Finanziert wurden die hohen Ausgaben mit immer neuen Krediten, so verschuldeten sich die südeuropäischen Länder immer mehr.

Ökonomen halten höhere Inflationsraten für verkraftbar

Viele Länder der Euro-Peripherie haben dadurch an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise versiegten die Kredite in diesen Länder, sie konnten ihre hohen Leistungsbilanzdefizite nicht mehr finanzieren. Manche Staaten wie Griechenland und Portugal mussten von den anderen Euro-Ländern gerettet werden, andere wurden durch Eingriffe der Europäischen Zentralbank gestützt. Nun senken die Länder ihre Leistungsbilanzdefizite. Sie senken die Löhne und flexibilisieren den Arbeitsmarkt. Dadurch sinken die sogenannten Lohnstückkosten.

In Deutschland liegt die Inflation derzeit niedriger als im Durchschnitt der Euro-Zone. Ökonomen erwarten jedoch ebenfalls, dass sie bald steigt. Bei Tarifverhandlungen wurden zuletzt deutlich höhere Lohnabschlüsse erzielt, auch Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mahnte erst am Wochenende deutliche Lohnerhöhungen an. Steigt die Produktivität nicht im gleichen Maße, sinkt die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Auch das würde die Ungleichgewichte in Europa mindern.

Ökonomen halten eine höhere Inflation in Deutschland für verkraftbar. Ulrich Kater von der Dekabank findet laut "FTD" eine Rate von "bis zu 4,0 Prozent" machbar. IWF-Chefökonom Olivier Blanchard sagte, einige Euro-Länder könnten gar Raten von bis zu 6,0 Prozent verkraften.

Die Bundesbank bemüht sich um eine Versachlichung der Debatte. Deutschland werde infolge der Schuldenkrise höchstens auf kurze bis mittlere Sicht höhere Preissteigerungen hinnehmen, hieß es nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters im Umfeld von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Deutschland habe in den ersten Jahren der Währungsunion mit Inflationsraten unterhalb der Zwei-Prozent-Marke gelebt, nun könne die stärkste Volkswirtschaft der Euro-Zone auch eine Zeit lang höhere Teuerungsraten verkraften.

ssu