Weltwirtschaft in der Krise Rückkehr der Inflation

Neue Prognosen zeigen: Die Preise steigen wieder schneller. In normalen Zeiten kein Drama. Doch die Zeiten sind nicht normal.

DPA

Eine Kolumne von


Eine populäre Erzählung über die ökonomische Großwetterlage geht in etwa so: Die Wirtschaft wächst zu langsam, Inflation ist kein Thema, die Zinsen bleiben extrem niedrig. So wird es weitergehen, womöglich für sehr lange Zeit. Auf dieses Umfeld sind die Märkte eingestellt. Möglich, dass sie sich irren.

Denn es ist denkbar, dass einige herbe Überraschungen bevorstehen - dass sich die wirtschaftlichen Rahmendaten verschieben. Das gilt vor allem in einem Punkt: Die Phase extrem geringer Inflation scheint zu Ende zu gehen.

Diese Woche hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seinen aktuellen Weltwirtschaftsausblick vorgelegt. Darin sagt der Fonds vorher, dass die Inflationsraten deutlich steigen werden. Klar, die Prognosen sind nicht gerade dramatisch. Es geht um einen Anstieg auf weiterhin niedrigem Niveau. Lange haben sich die Notenbanken darum bemüht, ein Abgleiten in eine Deflation, also ein zurückgehendes Preisniveau, zu verhindern. So gesehen zeigen die IWF-Vorhersagen nun eine Normalisierung an.

Dennoch: Offenkundig haben wir es mit einer Trendwende zu tun. Und die könnte problematischer sein als die bloßen Zahlen nahelegen.

Voriges Jahr stiegen die Verbraucherpreise in den USA um 0,1 Prozent, kommendes Jahr sollen sie um 2,3 Prozent steigen. In Großbritannien lag die Inflationsrate 2015 bei 0,1 Prozent, für 2017 sind 2,5 Prozent zu erwarten. In der Eurozone steigt die Rate demnach von 0,0 auf 1,1 Prozent, in Deutschland von 0,4 auf 1,5 Prozent.

In den Schwellenländern insgesamt geht die Inflation leicht zurück. Doch auch in der wichtigsten aufstrebenden Volkswirtschaft, China, sieht der IWF die Verbraucherpreise auf einem ansteigenden Pfad: von 1,4 Prozent im vorigen Jahr auf 2,3 Prozent im kommenden (Freitag gibt's neue Zahlen aus Peking).

Unter normalen Umständen wären Inflationsraten dieser Größenordnungen völlig unproblematisch. Aber die Bedingungen sind nicht normal. Entsprechend unangenehm könnten diesmal die Nebeneffekte sein.

Die neuen Inflationsprognosen legen nahe, dass die Notenbanken, insbesondere die amerikanische Fed, die Zinsen schneller anheben werden als erwartet. Im September hatten die Fed-Gouverneure noch mit einer Erhöhung gezögert. Seit Langem starren die Börsen auf die Fed. Klar ist, dass sie die Zinsen anheben wird. Offen ist, wann und wie stark. (Aufschluss darüber könnte das Protokoll der letzten Fed-Sitzung geben, das am Mittwoch veröffentlicht wird.)

Die Finanzmärkte jedenfalls sind darauf eingestellt, dass die Fed sehr, sehr langsam vorgehen wird. Die Wetten an den Börsen gehen davon aus, dass die US-Zinsen noch im Sommer 2019 bei nur einem Prozent liegen werden.

Wenn die Inflationsraten aber stärker steigen als bislang erwartet, müsste auch die Fed rascher reagieren. Das wiederum dürfte die Finanzmärkte erschüttern. Anleihen von Staaten und Unternehmen sind derzeit extrem hoch bewertet, eine Folge des superexpansiven Kurses der Notenbanken. Westliche Staatsanleihen werfen inzwischen großteils negative Renditen ab. Die Verschuldung der Weltwirtschaft hat Rekordhöhen erreicht, und sie steigt immer noch weiter an. In dieser Situation könnte auch ein scheinbar geringer Anstieg der Leitzinsen enorme Verwerfungen auslösen.

Dazu kommen politische Risiken. Weltweit greift Protektionismus um sich. Importe werden durch administrative Maßnahmen erschwert, das Netzwerk der globalen Wertschöpfungsketten wird lockerer. Importe werden tendenziell teurer. Der internationale Wettbewerbsdruck geht zurück. Die Volkswirte der Commerzbank sagen deshalb die "Rückkehr der Inflation" voraus.

Es braucht keinen ausgewachsenen Handelskrieg, um Preiseffekte auszulösen. Doch auch eine solche Zuspitzung der internationalen Wirtschaftskonflikte ist keineswegs abwegig. Donald Trump hat im Wahlkampf hohe Zölle gegen China und Mexiko angekündigt. Sollte er im November zum Präsidenten gewählt werden, könnte auch die Eurozone, und insbesondere Deutschland, ins Visier seiner Abschottungsbemühungen rücken. Einen ähnlichen Kurs dürfte Marine le Pen einschlagen, falls sie kommendes Frühjahr zur französischen Staatspräsidentin gekürt wird. Mutmaßliche Folge: ein handelspolitischer Schlagabtausch der größten Wirtschaftsmächte.

Das Szenario eines akuten Ausbruchs des Protektionismus würde den bislang noch schwachen Inflationstrend deutlich beschleunigen. Entsprechend heftiger würden die Zinssteigerungen ausfallen. Binnen Kurzem könnte sich die Weltwirtschaft in einem komplett veränderten Preisszenario wiederfinden.

Sagen Sie nicht, die Sache mit der Inflation sei ein alter Hut. Auch in den Sechzigerjahren schien die Inflation ein für allemal besiegt zu sein. Dann folgte ein politischer Schock - die Ölkrise -, der die Weltwirtschaft ab den Siebzigerjahren in eine Phase hoher Inflationsraten katapultierte. Heute sind die Rahmenbedingungen ganz andere. Es gibt keine Blaupause für die aktuelle Lage. Umso heftiger droht der Überraschungseffekt auszufallen.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Luxemburg - Keine Sterne in Athen - Treffen der Euro-Finanzminister. Thema wieder mal: Griechenland und die Frage, ob die nächste Kredittranche ausgezahlt werden kann, soll, muss.

Wiesbaden - Globalisierung im Schneckentempo - Neue Zahlen vom deutschen Außenhandel.

DIENSTAG

Luxemburg - Klimatische Herausforderungen - Treffen aller EU-Finanzminister. Thema unter anderem: Finanzierung klimafreundlicher Investitionen.

Mannheim - Robuster Auftritt - Neues vom ZEW-Konjunkturindikator: Trotz sich eintrübender Zukunftsaussichten ist die Lagebeurteilung für die deutsche Wirtschaft zuletzt erstaunlich stabil geblieben.

MITTWOCH

Washington - Warten auf Yellen - Alle warten auf Signale, wann und wie stark die Fed um Chairwoman Janet Yellen die Zinsen anhebt. Die Veröffentlichung der Protokolle der Septembersitzung könnten weiteren Aufschluss geben.

Karlsruhe - Handelsspektakel - Das Bundesverfassungsgericht verhandelt im Eilverfahren über einen vorläufigen Stopp des Handelsabkommens CETA zwischen der EU und Kanada.

Washington - Investitionsspektakel - Der schwedische Stromkonzern Vattenfall hat gegen den deutschen Atomausstieg geklagt. Nun kommt es zu einem Schiedsgerichtsverfahren - Testfall für das US-EU-Abkommen TTIP?

DONNERSTAG

Karlsruhe - Hochfrequenzhandel - Binnen 24 Stunden will das Bundesverfassungsgericht zu einem Urteil im Verfahren um das Handelsabkommen CETA kommen.

FREITAG

Peking - Inflation süß-sauer - Neue Zahlen von den Verbraucher- und den Erzeugerpreisen in China.

Boston - Alle Augen auf die Fed - Konferenz der Regional-Fed von Boston, unter anderem mit einer Rede von Chairwoman Yellen.

Brüssel - Sensible Sache - Die Frist für eine Entscheidung der EU-Kommission hinsichtlich der Übernahme des Maschinenbaukonzerns Kuka durch die chinesische Midea Group läuft ab.

Chicago/New York/San Francisco - US-Banken berichten - Quartalszahlen von JPMorgan Chase, Citigroup und Wells Fargo.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
insgesamt 117 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nordstadtbewohner 09.10.2016
1. Überraschend?
Nicht wirklich! Wer sich ein wenig mit der Weltwirtschaft und VWL befasst, wird diese Meldung nicht wirklich verwundern. Ein ehemaliger Prof. an meiner Uni verglich das Anschwellen der Inflation mit dem Öffnen einer verschlossenen Ketchupflasche. Am Anfang kommt trotz Schüttelns fast gar nichts raus und dann plötzlich alles mit einem Schwung. Dass die expansive Geldpolitik von EZB und Co negative Folgen mit sich bringt, ist nicht wirklich überraschend.
i.dietz 09.10.2016
2. Endlich einmal eine gute Nachricht !
Dann bekomme ich ja für mein Sparguthaben wieder Zinsen ?
alangasi 09.10.2016
3. Was wäre ein Sonntag ohne Henrik Müller und eine Artikel.....
in dem schon in der Überschrift klar wird das wir jetzt dem Untergang geweiht sind..... Glauben Sie nicht? Schauen Sie mal hier > https://goo.gl/hgwGiL Aber wie heißt es doch schon in der Werbung eines ähnlichen Magazins. Drama, Drama, Drama und an die Klickzahlen denken.
lattenkracher11 09.10.2016
4. Ölpreis zeigt Inflation
So oder so wird immer der Ölpreis für die Preisentwicklung verantwortlich gemacht. Jetzt ist es nicht schwer, einfach mal zu gucken, wie sich der Ölpreis im Spätjahr 2015 entwickelt hat und wo er jetzt steht. Und was sieht man dann? Dass er von einem Niveau bei 48$ bis auf 27 $ gesunken ist. Jetzt steht er dagegen wieder bei 50$. Heißt: sollte er der Ölpreis in den nächsten Wochen nicht wieder stark fallen, liegt er wesentlich höher als vor einem Jahr und verursacht damit auch höhere Preise. Wie die FED vor dieser Tatsache die Augen verschließen kann ist mir ein Rätsel. Man hätte im September präventiv die Zinsen erhöhen müssen und dann abwarten können, ob man es für dieses Jahr bei dieser Erhöhung belässt. Stattdessen bringt man sich im Dezember in Zugzwang und wird dann von der Inflation überrascht.
tailspin 09.10.2016
5. Endgame
Wenn die Preise steigen, und der Anlagezins fuer Staatsanleihen ist wie jetzt bei Null % oder negativ, dann werden die kuenftigen Anleger bald einen hoeheren Zins verlangen. Mit dem Effekt, dass die frueher ausgegeben "Wert"-papiere im Kurs fallen. Das beeinflusst alle Anlagenklassen von Immos bis Aktien, moeglicherweise auch Gold. Gold mag den Wert halten, wenn es dann Zahlungsausfaelle gibt, da der Besitz von Gold keinem Gegenpartei- Risiko ausgesetzt ist. Folge Rueckabwicklung der Blase bei Kontakt mit der Nadel, bzw. Crash. Uffz, sagt das Schwein, wenn es gegen die Mauer laeuft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.