Erdoğans Geldpolitik Inflation in Türkei kratzt an 50-Prozent-Marke

Die Verbraucherpreise in der Türkei stiegen im Januar im Jahresvergleich um 48,7 Prozent. Präsident Erdoğan wechselte zuletzt den Chef der Statistikbehörde aus, das Misstrauen wächst.
Warentransport in Istanbul: Inflation steigt weiter

Warentransport in Istanbul: Inflation steigt weiter

Foto: Francisco Seco / dpa

Es ist der höchste Wert seit fast 22 Jahren: Die Verbraucherpreise in der Türkei lagen im Januar um 48,7 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats, teilte das Statistikamt mit. Die Inflation erreichte damit den höchsten Wert seit April 2002. Im Dezember 2021 hatte sie bereits bei 36,1 Prozent und damit dem höchsten Stand seit Oktober 2002 gelegen.

Vor einem Jahr hatte die Inflationsrate in der Türkei bei 15 Prozent gelegen. Ende 2021 setzte ein rasanter Höhenflug der Teuerung ein – mit Inflationsraten von 21 Prozent im November und 36 Prozent im Dezember. Auch im Monatsvergleich steigen die Preise in der Türkei stark. In dieser Betrachtung meldete das Statistikamt für Januar einen Zuwachs um 11,1 Prozent.

Als Hauptgrund für den starken Anstieg der Verbraucherpreise gilt die lockere Ausrichtung der türkischen Geldpolitik. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan verfolgt dabei eine Strategie, die der gängigen Ökonomenlehre widerspricht, denn er lehnt eine Erhöhung der Leitzinsen zur Eindämmung der Inflation strikt ab.

Erdoğan möchte hingegen über niedrige Zinsen Kredite und Investitionen ankurbeln – damit allerdings erhöht sich die Geldmenge im Umlauf weiter. Trotz der hohen Inflation hat die türkische Notenbank im vergangenen Jahr den Leitzins mehrfach gesenkt, auf zuletzt 14,0 Prozent.

Nach einem dramatischen Sinkflug 2021 ist der türkischen Regierung mittlerweile eine Stabilisierung der Landeswährung gelungen, indem sie für Verluste aus Währungsschwankungen unter bestimmten Bedingungen einspringt.

In einem Interview mit der japanischen Wirtschaftszeitung »Nikkei« sagte der türkische Finanzminister Nureddin Nebati, dass er den Höhepunkt des Anstiegs bei den Verbraucherpreisen im April erwartet. Seiner Einschätzung nach dürfte die Inflationsrate dabei nicht über die Marke von 50 Prozent steigen.

Entlassung von Statistikchef sorgt für Misstrauen

Die neuen Inflationszahlen wurden nur wenige Tage nach der Entlassung des Leiters der nationalen Statistikbehörde durch den türkischen Staatschef Erdoğan veröffentlicht. Er hatte den bisherigen Behördenchef Sait Erdal Dinçer durch den früheren Vizechef der türkischen Bankenaufsicht, Erhan Cetinkaya, ersetzt.

Erdoğan nannte keinen Grund für die Entlassung Dinçers. Dieser war aber Anfang Januar nach der Veröffentlichung der Inflationsrate für Dezember in die Kritik geraten. Erdoğan warf Dinçer Medienberichten zufolge vor, das Ausmaß der wirtschaftlichen Krise in der Türkei übertrieben dargestellt zu haben. Die Opposition zweifelte die offiziellen Zahlen zur Inflation indes an und mutmaßt, dass der tatsächliche Anstieg der Lebenshaltungskosten sogar mindestens doppelt so hoch sei.

Auch Analyst Tatha Ghose von der Commerzbank verwies auf den kürzlich erfolgten Wechsel an der Spitze des türkischen Statistikamtes. Am Markt gebe es mittlerweile die Sorge, dass die personelle Veränderung Konsequenzen für die Zuverlässigkeit künftiger Konjunkturdaten aus der Türkei haben könnte. »Dieser Cocktail aus wenig glaubwürdiger Geldpolitik, Irrungen und Wirrungen der Zentralbank und Dazwischengrätschen der Regierung ist ein alter Bekannter und dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später die nächste Lira-Krise auslösen«, warnte Ghose.

Die Kaufkraft der Türkinnen und Türken ist in jedem Fall deutlich geschwächt und die Inflation mittlerweile eines der wichtigsten Themen der türkischen Politik geworden.

Starke Schwankungen

Kurs der türkischen Lira zum Euro

Wie stark sich der Preisanstieg importierter Güter in die Türkei auswirkt, zeigt unter anderem die Entwicklung der Erzeugerpreise. Die Preise, die Produzenten für ihre Waren verlangen, legten im Januar um 93,5 Prozent im Jahresvergleich zu. Die Erzeugerpreise dürften mit einer Verzögerung zumindest teilweise auf die Verbraucherpreise durchschlagen.

Am Devisenmarkt geriet die türkische Lira nach der Veröffentlichung der Inflationsdaten unter Druck. Allerdings hielten sich die Kursverluste im Handel mit dem US-Dollar und dem Euro in Grenzen und betrugen jeweils weniger als ein Prozent.

mmq/dpa/AFP
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