Umfrage zur Inflation Steigende Kosten bringen zunehmend Menschen in Existenznot

Die hohe Inflation trifft Menschen mit geringeren Einkommen. Laut einer Umfrage kann jeder siebte Erwachsene in Deutschland kaum noch seine Lebenshaltungskosten decken. Experten sehen auch die Altersvorsorge in Gefahr.
Verkauf auf dem Wochenmarkt: Alltagsgüter werden für manche unbezahlbar

Verkauf auf dem Wochenmarkt: Alltagsgüter werden für manche unbezahlbar

Foto: Steffi Loos / Getty Images

Wer wenig verdient, kann weniger sparen und muss den Großteil des Einkommens vor allem für unverzichtbare Alltagsgüter ausgeben. Gerade für diese Menschen werden die extrem gestiegenen Verbraucherpreise immer mehr zur Belastung.

Etwa jeder siebte Erwachsene in Deutschland (15,2 Prozent) kann nach eigenen Angaben kaum noch seine Lebenshaltungskosten bestreiten, wie eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Postbank ergab. Bei der Vergleichsumfrage im Januar lag der Anteil derjenigen, die angaben, dass die hohe Inflation ihre Existenz bedrohe, noch bei elf Prozent.

Von den Befragten aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 2500 Euro geben inzwischen fast ein Viertel (23,6 Prozent) an, sie seien wegen gestiegener Preise kaum noch in der Lage, die regelmäßigen Ausgaben zu stemmen. Im Januar sagten dies noch 17 Prozent aus dieser Gruppe.

Die Menschen schränken sich ein

»Die Einkommen können mit der allgemeinen Teuerung kaum schritthalten«, analysierte Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel die Ergebnisse der Umfrage. »Während die Löhne und Gehälter in Deutschland im Vorjahresvergleich zuletzt um 3,6 Prozent gestiegen sind, erhöhten sich die Lebenshaltungskosten um 7,3 Prozent. Vom Realeinkommensverlust sind auch Haushalte mit einem mittleren Einkommen betroffen.«

Zwei Drittel der 2144 Befragten gaben an, dass sie ihre Ausgaben aufgrund der steigenden Preise deutlich oder zumindest etwas verringert haben.

Die Aussichten sind trüb

Seit Monaten treiben die Energiepreise die Inflation sowohl in Deutschland als auch im Euroraum nach oben, der Ukrainekrieg hat den Trend noch verschärft.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die sogenannten Wirtschaftsweisen, rechnet für das Gesamtjahr 2022 mit 6,1 Prozent Inflation in Deutschland.

Im März war die jährliche Inflationsrate in Deutschland auf 7,3 Prozent in die Höhe geschossen. Das ist die höchste Teuerungsrate im wiedervereinigten Deutschland. In den alten Bundesländern gab es einen so hohen Wert zuletzt im November 1981.

Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger leisten können.

Mehr als jeder Zweite (53,4 Prozent) ist laut der Umfrage sehr beunruhigt wegen der steigenden Preise für Waren und Dienstleistungen. Vor drei Monaten zeigten sich noch 44 Prozent der Befragten besorgt.

Volkswirte rechnen nicht mit Entspannung bei den Teuerungsraten in den nächsten Monaten. »Auf kurze Sicht könnte die Inflation wegen der hohen Energiepreise von hohem Niveau aus weiter ansteigen«, sagt auch Postbank-Ökonom Bargel.

Sechs von zehn Befragten (61,3 Prozent) wünschen sich daher weitere Unterstützung vom Staat. Nach ihrer Ansicht reicht das jüngst auf den Weg gebrachte Entlastungspaket der Bundesregierung nicht aus, um die Folgen der Inflation zu mildern.

Die Ampelkoalition hatte unter anderem beschlossen, die Energiesteuer für drei Monate zu senken, um Benzin und Diesel günstiger zu machen. Zudem erhalten Arbeitnehmer einmalig 300 Euro Energiezuschuss auf ihr Bruttogehalt und Familien pro Kind 100 Euro Bonus auf den Kinderfreibetrag.

»Inwieweit die beschlossenen Maßnahmen reichen, hängt auch von der weiteren Entwicklung der Energiepreise ab«, sagt Bargel. »Aus heutiger Sicht dürften die zusätzlichen Ausgaben der Haushalte für teurere Kraftstoffe und Heizenergie nicht vollständig aufgefangen werden, zumal einzelne Bevölkerungsgruppen wie die Nichterwerbstätigen nur teilweise profitieren.«

Das Problem mit den Hilfspaketen

Ökonomen warnen, breit angelegte Hilfspakete könnten negative Effekte hervorrufen. »Man kann durch zusätzliches Geldausgeben kein Gas herzaubern, das es nicht gibt«, sagte der Ökonom Friedrich Heinemann vom ZEW (Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) der »Augsburger Allgemeinen«. »Von der Bazooka und populistischen Hilfen für alle ist dringend abzuraten«, sagte der Wirtschaftsforscher.

Stattdessen sei »eine sehr zielgenaue Politik« gefragt. »Sehr präzise Hilfen« sollten armen Haushalten sowie energieintensiven Unternehmen zu Hilfe kommen, »die durch den Putin'schen Krieg sonst in die Pleite gleiten würden«, schlug Heinemann vor.

Ökonom warnt vor Entwertung der Sparvermögen

Besonders in den USA hätten zu groß dimensionierte Konjunkturprogramme die Inflation sehr kräftig angeheizt, führte der Ökonom aus. »Die preistreibenden Knappheiten bei Mikrochips und vielen international gehandelten Gütern sind auch auf die weltweiten Corona-Hilfsprogramme zurückzuführen«, sagte Heinemann.

»In gewisser Weise ist die Inflation der Preis für eine erfolgreiche Politik, die den Corona-Absturz abgemildert hat.« Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse nun über ihren eigenen Schatten springen und eine Zinserhöhung vornehmen.

Heinemann sieht die Gefahr, dass durch die Inflation Sparvermögen und Altersvorsorge besonders stark entwertet werden. »Der aktuelle Inflationsschub könnte Geldvermögen, das mit geringen oder überhaupt keinen Zinsen investiert ist, um etwa zehn Prozent im realen Wert verringern«, sagte Heinemann. »Das dürfte für viele einen Rückschlag für die Altersvorsorge bringen.«

mmq/dpa/AFP
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