Weltwirtschaft IWF prognostiziert "schwere Schäden" durch Brexit

Der Internationale Währungsfonds warnt vor erheblichen wirtschaftlichen Folgen, sollte Großbritannien aus der EU austreten. Die Schäden wären nicht nur auf Europa beschränkt.

Londoner Finanzviertel
DPA

Londoner Finanzviertel


Es ist die bisher lauteste Warnung einer internationalen Organisation: Ein EU-Ausstieg Großbritanniens, der sogenannte Brexit, würde "erhebliche regionale und globale Schäden" verursachen, erklärte der Internationale Währungsfonds (IWF). Schon jetzt habe das für den 23. Juni geplante Referendum der Briten über die EU-Mitgliedschaft "Unsicherheit für Investoren geschaffen", hieß es.

"Es ist schwer zu erkennen, wie das positiv werden könnte", sagte IWF-Chefökonom Maurice Obstfeld. "Ein "Brexit" könnte regional und global schweren Schaden anrichten, weil er etablierte Handelsbeziehungen unterbrechen würde", sagte Obstfeld.

Im Falle eines Austritts-Votums beim Referendum der Briten würde sich ein zwei Jahre langer Neuverhandlungs-Marathon über die künftigen Beziehungen zur EU anschließen. Dieser hätte eine "ausgedehnte Periode der Unsicherheit" mit entsprechenden Auswirkungen auf die Märkte zur Folge.

Der seit Beginn der 1970er Jahre andauernde Trend, dass Großbritannien mehr und mehr mit den anderen europäischen Ländern kooperiere, würde gestoppt. Es wäre überraschend, wenn die Reduzierung europäischer Integration zu neuem Wachstum führen würde, sagte Obstfeld

Wachstumsprognose gesenkt

Unter anderem wegen der Brexit-Angst korrigierte der IWF zudem zum zweiten Mal binnen weniger Monate seine Prognose für das Weltwirtschaftswachstum nach unten. Die globale Wirtschaftsleistung soll in diesem Jahr statt um 3,4 nur noch um 3,2 Prozent zulegen, im nächsten statt um 3,6 um 3,5 Prozent. Ob das tatsächlich erreicht werde, sei unsicher.

Grund dafür seien neben der Brexit-Debatte in Europa auch Unwägbarkeiten wie die Schwäche Chinas oder die Flüchtlingskrise. "Der globale Aufschwung setzt sich fort, aber mit einem immer weiter nachlassenden Tempo und immer fragiler", sagte IWF-Chefvolkswirt Maurice Obstfeld.

Auch für Deutschland senkte der IWF seine noch im Januar erhöhten Erwartungen wieder. Er rechnet mit einer Steigerung der Wirtschaftleistung um 1,5 Prozent in diesem und um 1,6 Prozent im nächsten Jahr - genauso viel wie für die Eurozone. Damit wurden die bisherigen Prognosen um jeweils 0,2 und 0,1 Punkte gesenkt. Zuversichtlicher ist der IWF inzwischen wieder für die chinesische Wirtschaft, die gemessen an der Kaufkraft inzwischen die weltweit größte sei. Sie dürfte mit 6,5 Prozent in diesem und 6,2 im nächsten Jahr etwas stärker zulegen als bislang gedacht. Für die USA wurde auf 2,4 und 2,5 Prozent geringfügig nach unten gegangen.

Wachsende Risiken

Die Risiken seien insgesamt erheblich gewachsen. "Die aktuelle Eintrübung der Wirtschaftsaussichten und die damit verbundenen Abwärtsrisiken erfordern eine umgehende Antwort", betonte Chefökonom Obstfeld. Von der Politik fordert er Ausgaben und Reformen, die das Wachstum ankurbeln. Die Geldpolitik müsse in den großen Industrieländern auf einem lockeren Kurs bleiben. Sollten sich Deflationsgefahren vergrößern, plädiert Obstfeld auch mit Blick auf die Europäische Zentralbank für zusätzliche Maßnahmen. "Allerdings kann die Geldpolitik die Last der Herausforderungen nicht alleine tragen", warnt Obstfeld. Sie müsse Unterstützung erhalten - etwa durch eine die Nachfrage fördernde Politik.

Als Risiko schätzt der IWF ein, dass es an den Finanzmärkten zu weiteren Turbulenzen kommen und sich die Stimmung in einem Teufelskreis nach unten bewegen könnte. In vielen Industrieländern hätten sich trotz lockerer Notenbankpolitik die Finanzierungsbedingungen verschlechtert. Unsicherheiten gingen zudem von etwaigen massiven Schwankungen bei den Wechselkursen aus, von einer verbreiteten Investitionszurückhaltung, von Öl- und anderen Rohstoffpreisen sowie der Entwicklung in China.

brt/Reuters/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.