Umstrittene Kapitalkontrollen "Großes Risiko, dass Zypern die Euro-Zone verlassen muss"

Zypern will die Zahlungsströme kontrollieren und so eine Kapitalflucht von der Insel verhindern. Nach Ansicht des Finanzexperten Guntram Wolff sind diese neuen Regeln hoch riskant: Sie könnten zu einem Devisen-Schwarzmarkt innerhalb der Währungsunion führen.

Kunden an einem Geldautomaten auf Zypern: "Darauf war niemand vorbereitet"
REUTERS

Kunden an einem Geldautomaten auf Zypern: "Darauf war niemand vorbereitet"


SPIEGEL ONLINE: Zypern führt Kapitalverkehrskontrollen ein, Euros können das Land nicht mehr ohne weiteres verlassen. Was bedeutet das für die Währungsunion?

Wolff: Das hängt davon ab, wie genau die Kontrollen aussehen. In Ordnung wäre es, wenn sie sich auf wenige Tage und die größte Bank des Landes, die Bank of Cyprus, beschränken. Doch Kontrollen für alle Banken des Landes bedeuten, dass der Euro nicht mehr frei fließt. In dem Moment ist die Euro-Zone kein richtiger Währungsraum mehr.

SPIEGEL ONLINE: Zyperns Finanzminister Michael Sarris hat beteuert, die Kontrollen würden auf wenige Wochen begrenzt.

Wolff: Ich bin ziemlich entsetzt von dem, was er gesagt hat. Bei der völlig umstrukturierten Bank of Cyprus braucht man sicherlich einige Tage, um die Einlagen neu zu ordnen. Doch Sarris sprach auch davon, dass alle möglichen Banken betroffen sein könnten. Diese Kontrollen sind schwer wieder rückgängig zu machen, weil die Kontoinhaber danach noch verunsicherter sein dürften. Das zeigt sich auf Island: Dort wurden nach der Bankenkrise Kapitalverkehrskontrollen für fünf Monate eingeführt - mittlerweile gibt es sie seit fünf Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich wurde bereits in großem Stil Geld von der Insel abgezogen. Kommen die Kontrollen zu spät?

Wolff: Natürlich ist Geld abgeflossen, aber es ist auch immer noch eine Menge dort - schätzungsweise 60 bis 65 Milliarden Euro.

SPIEGEL ONLINE: Bekommt Zypern jetzt einen eigenen Devisenmarkt?

Wolff: Nicht, wenn die Kontrollen nach ein paar Tagen vorbei sind. Aber wenn man für längere Zeit nicht an die Euros auf zyprischen Konten rankommt, dann haben diese nicht mehr denselben Wert wie im Rest der Euro-Zone.

SPIEGEL ONLINE: Entsteht dann eine Art Schwarzmarkt, auf dem Euro-Guthaben mit Abschlag gegen Euros außerhalb der Insel gehandelt werden?

Wolff: So etwas könnte entstehen. Ich glaube allerdings nicht, dass dann an jeder Straßenecke jemand steht und Dollars gegen Euros tauscht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben früher selbst für die Bundesbank gearbeitet. Die Umsetzung der Kapitalverkehrskontrollen auf Zypern lief ziemlich chaotisch. Gibt es im Euro-Raum keine klareren Vorgaben, nach denen das hätte laufen müssen?

Wolff: Nein. Darauf war niemand vorbereitet. Und solche Kontrollen sind im modernen Währungssystem ohnehin schwer umzusetzen. Das war leichter, als man noch nur mit Bargeld zahlte.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Prognose für Zypern?

Wolff: Ich sehe ein großes Risiko, dass Zypern die Euro-Zone verlassen muss. Aber noch ist nichts entschieden.

Das Interview führte David Böcking

insgesamt 18 Beiträge
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spon_1542210 jorgos48 27.03.2013
1. Konten auf GR-Zypern ?
Bin gespannt ob es tatsächlich noch viele Konten mit 100 T€ plus auf Zypern gibt.
_meinemeinung 27.03.2013
2. Aha
Zitat von sysopREUTERSZypern will die Zahlungsströme kontrollieren und so eine Kapitalflucht von der Inseln verhindern. Nach Ansicht des Finanzexperten Guntram Wolff sind diese neuen Regeln hoch riskant: Sie könnten zu einem Devisen-Schwarzmarkt innerhalb der Währungsunion führen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/interview-zu-zyperns-riskanten-kapitalkontrollen-mit-guntram-wolff-a-891322.html
Es besteht also ein "Großes Risiko", dass Zypern die Euro Zone "verlssen" muss. Und was sollte dann das ganze Theater in den letzten Tagen/Wochen?????
schweineigel 27.03.2013
3. Abwertung?
Island konnte also seine Währung abwerten, aber mit Z-Euros geht das nicht? Was IST denn dieser Schuldenschnitt? Aus 100.000 Z-Euros (also auf Zyprischen Banken liegende Euros) werden 90.000 Euros -- für mich KLINGT das wie eine Abwertung. Allerdings würde eine echte Abwertung JEDES Vermögen betreffen, ohne Freibetrag -- wie zu Anfang geplant. Und DAS wäre jetzt besser gewesen?
sarkosy 27.03.2013
4. Kaptalverkehrskontrollen
sind schwierig durchzuführen vor allem dann,wenn man sie vermeiden möchte:jede noch so kleine Bank hat eine Internet-Tochter,die alle Bankgeschäfte digital erledigt.Mein Banker sauselt mir bei jedem Gespräch viel von Computerkompetenz ins Ohr,Börsengeschäfte laufen vollautomatisch,computergesteuert über die Bildschirme usw,usw.Aber wenn es darum geht,eine noch so gerechtfertigte Bankenkontrolle einzurichten,dann,ja dann ,sind alle die tollen Computer total unfähig! Lieber Herr Finanzexperte Wolff -wem wollen Sie das glauben machen?
zero 27.03.2013
5. Maastrichter Vertrag
Im Maastrichter Vertrag heisst es in Artikel 73 b (1) Im Rahmen der Bestimmungen dieses Kapitels sind alle Beschränkungen des Kapitalverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten sowie zwischen den Mitgliedstaaten und dritten Ländern verboten. (2) Im Rahmen der Bestimmungen dieses Kapitels sind alle Beschränkungen des Zahlungsverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten sowie zwischen den Mitgliedstaaten und dritten Ländern verboten. Aber was bedeutet schon ein Vertrag, wenn man nicht die Macht hat, ihn durchzusetzen...
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