Öffentliche und private Investitionen Wie der Staat die Wirtschaft ankurbeln kann

Eine Milliarde Euro ausgeben, zwei Milliarden bekommen: Berliner Forscher haben untersucht, wie Geld vom Staat private Investitionen anregt. So geht ihre Rechnung.

Hier baut der Staat: Arbeiten an der Hochmoselbrücke in Rheinland-Pfalz
Thomas Frey / DPA

Hier baut der Staat: Arbeiten an der Hochmoselbrücke in Rheinland-Pfalz

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Die Zahl klingt eindrucksvoll: Insgesamt 86 Milliarden Euro wollen der Bund und die Deutsche Bahn nach Angaben des Verkehrsministeriums in den kommenden zehn Jahren in die Sanierung des Schienennetzes stecken. Die Investitionen waren allerdings lange überfällig; denn Gleise, Signale und Brücken sind vielerorts marode.

Nach Ansicht von Forschern des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sollte der Staat noch deutlich mehr Geld verbauen. In Deutschland könnten "private Investitionen stark durch öffentliche Bau- und Infrastrukturinvestitionen stimuliert werden", heißt es in einer Studie, die am Mittwoch erscheint und dem SPIEGEL vorab vorliegt.

Deutschland hat demnach weiter hohen Investitionsbedarf. Denn trotz des jahrelangen Wirtschaftswachstums haben sowohl öffentliche als auch private Investitionen erst im vergangenen Jahr wieder das Niveau von vor der Finanzkrise erreicht. Im Euroraum insgesamt wartet man sogar bis heute auf die Erholung. In Deutschland entwickelt sich zudem die sogenannte Kapitalintensität besonders schwach: Pro Beschäftigtem investieren Unternehmen heute etwas weniger als vor der Krise.

Der lange Schatten der Krise
Öffentliche und private reale Nettoinvestitionen im Euroraum 12* (jeweils rechte Achse) und in Deutschland (jeweils linke Achse)
In Mrd Euro, preisbereinigt, Basisjahr 2010. Euroraum umfasst 12 Staaten, die bis 2004 den Euro eingeführt haben;
Quelle: DIW

Im Kampf gegen diese hartnäckige Investitionsschwäche kann die öffentliche Hand laut den Forschern eine Vorreiterrolle für die Wirtschaft einnehmen. Der Staat baut Straßen aus, über die anschließend mehr Waren transportiert werden oder errichtet Schulen, in deren Nachbarschaft dann neue Häuser entstehen.

Wenn der Staat in Deutschland eine Milliarde Euro investiert, steigert dies die privaten Investitionen den DIW-Berechnungen zufolge nach fünf Jahren um knapp zwei Milliarden Euro. Dieser sogenannte Crowding-in-Effekt sei in Deutschland deutlich ausgeprägter als im Euroraum insgesamt, wo das entsprechende Plus immerhin 1,1 Milliarden beträgt.

Grundsätzlich kann der Staat private Investitionen über ein sogenanntes Crowding-out auch hemmen: Wenn er selbst über Kredite seine Ausgaben erhöht, steigen theoretisch die Zinsen und verteuern damit auch Darlehen für Unternehmer. Wegen der historisch niedrigen Zinsen ist dieses Risiko der Studie zufolge aber derzeit gering.

Die Forscher untersuchten den Zeitraum zwischen 1991 und 2018 und beobachteten dabei sowohl in Deutschland als auch im Euroraum insgesamt einen Crowding-in-Effekt. Zugleich fanden sie "keine signifikanten Hinweise darauf, dass die öffentlichen Investitionen in Deutschland private Investitionen verdrängen".

Dass sich Unternehmen wie Staaten im Euroraum bis heute mit Ausgaben zurückhalten, hat laut DIW verschiedene Ursachen. Direkt nach der Finanzkrise hatten viele Unternehmen keinen Zugang zu Krediten, die folgende Eurokrise machte es auch für viele Staaten teurer, sich Geld zu leihen.

"Die Schuldenbremse gehört abgeschafft"

Für Vorsicht bei den privaten Unternehmern sorgten später auch geopolitische Krisen und "zuletzt erhebliche handelspolitische Unsicherheiten, die vom ungeklärten Brexit bis hin zu den erratischen Entscheidungen der US-Regierung reichen". Für die öffentliche Investitionsschwäche war der Studie zufolge vor allem der harte Sparkurs verantwortlich, mit dem viele Staaten nach der Krise ihre Schulden bekämpften.

Auch in Deutschland mahnen Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die OECD seit Jahren höhere Investitionen an. Inzwischen geben zwar insbesondere Kommunen wieder mehr Geld aus, da sie infolge des Aufschwungs von steigenden Steuereinnahmen profitieren. Allerdings beschränken laut DIW in vielen Regionen hohe Schulden und Sozialausgaben die Spielräume. Und selbst dort, wo Geld vorhanden ist, verhindern fehlende Kapazitäten in Bau- und Planungsämtern sowie die hohe Auslastung der Baubranche oft, dass es auch komplett verbaut werden kann.

Vor diesem Hintergrund kritisiert das DIW zum wiederholten Mal die deutsche Schuldenbremse. Sie sei ein "zu starres Korsett", um auf die wirtschaftlichen Herausforderungen zu reagieren. "Die Schuldenbremse gehört abgeschafft", sagt Studienautor Claus Michelsen. Stattdessen brauche es "zugunsten einer stärkeren öffentlichen Investitionstätigkeit, die auch private Aktivitäten anregt, flexiblere Ausgabenregeln".



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Seite 1
muellerthomas 30.07.2019
1.
Bitte denkt zwei min länger nach, bevor Ihr Diagramme erstellt. Deutschland links und Eurozone rechts ist ja okay, aber die Nullpunkte sollten gleich sein; da wo bei Deutschland 0 sind, liegt die Eurozone 30 Mrd. bzw. 120 Mrd. im Plus, das verzerrt die Aussage.
mariuscaesar 30.07.2019
2.
Viel einfacher: Steuern und Abgaben runter. Zudem Abbau der Bürokratie und Entschlackung des deutschen Steuerrechts. Der Staat nimmt seinen Bürgern Rekordeinnahnen ab und lässt ihn dann in der Altersarmut stehen weil keiner Geld hat vorzusorgen.
marthaimschnee 30.07.2019
3. man muß Geld ausgeben, um Geld zu verdienen
Wußte früher mal jeder, scheint heute völlig vergessen. Lustig ist auch irgendwie die Penetranz, mit der man sich weigert, 1 und 1 zusammenzuzählen, denn es ist wohl unschwer zu erkennen, daß das heile-Welt-Gehabe der Politik und der Niedergang der Substanz dieses Landes irgendwie zusammenhängen. Und na klar muß die Schuldenbremse weg, die ist so ziemlich das dümmste, was nach Angebotstheorie und prozyklischer Wirtschaftspolitik (ist eigentlich den Verfechtern klar, daß der Staat damit in der Krise die Belastungen für Unternehmen erhöhen müßte? ) geschaffen wurde. Aber prinzipiell betreibt der Staat ja sowieso eklatante Mißwirtschaft. Eigentlich müßte er in der Krise investieren, um im Boom dieses Geld zurück zu holen. So und nur so kann eine schuldenneutrale Finanzpolitik aussehen. Macht aber keiner, in der Krise mag noch investiert werden, aber im Boom die Belastungen erhöhen, will keiner, man will ja wiedergewählt werden. Das geht am Besten, indem man das verteilt, was man eigentlich gar nicht hat. Und das geht nicht erst seit gestern so, sondern schon immer! Schulden wurden bisher nur durch das Zusammentrampeln des Sozialstaates abgebaut und das geht weder lange, noch gut, wie derzeit zu sehen.
charlybird 30.07.2019
4. Aufhebung
der Schuldenbremse !? Und wer fordert DAS genau seit langem und mit Recht angesichts der maroden Infrastruktur und digitalen Stagnation in diesem Land: Richtig, die Linke, ein paar aufgeweckte Genossen aus der SPD, fortschrittliche Grüne , Gewerkschaften und verantwortungsvolle Politiker allgemein, die nicht mehr mit ansehen können, wie dieses Land sich technologisch immer weiter nach unten abseilt. Und ja, jetzt kommt es wieder, das Geld mit der Gießkanne......, es muss erst verdient werden, das liebe, bevor....., man kann einen Euro nur einmal.......uswusf. Mit genau diesen Argumenten bleibt man halt beim Kiosk, wenn man ein Kaufhaus bauen möchte.
mullertomas989 30.07.2019
5. Meine Meinung!
Die Bahn braucht noch viel mehr Investitionen als die läppischen 8,6 Mrd jährlich, das sage ich schon seit vielen Jahren. Auch ein weiteres Problem wäre damit kleiner: Der deutsche Exportüberschuss!
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