Handel mit Iran "Man darf die Moral nicht der Ökonomie opfern"

Sigmar Gabriel wirbt in Iran für deutsche Konzerne. Aber soll man mit einem autoritären Staat überhaupt Handel treiben? Der Unternehmensethiker Dirk Ulrich Gilbert meint: Ja - aber mit Einschränkungen.

Sigmar Gabriel im Juli 2015 in Iran
DPA

Sigmar Gabriel im Juli 2015 in Iran

Ein Interview von


Zum zweiten Mal binnen 14 Monaten fliegt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) am Sonntag mit einer Delegation nach Iran. In Teheran wolle er über den Syrienkrieg reden, sagte der SPD-Vorsitzende - und die Wirtschaftsbeziehungen mit dem ölreichen Land ankurbeln.

Nachdem die internationalen Wirtschaftssanktionen im Zuge des Atomabkommens aufgehoben worden sind, erhoffen sich auch deutsche Unternehmen gute Geschäfte. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet damit, dass durch den Handel mit Iran mehrere zehntausend Stellen in Deutschland entstehen könnten.

Doch Gabriels Besuch Iran wirft Fragen auf. Sollte Gabriel in einem autoritären Staat für deutsche Unternehmen werben? Darf Deutschland mit einem Land Handel treiben, in dem Minderjährige hingerichtet werden?

Zur Person
  • Dirk Ulrich Gilbert, geboren 1965, ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Unternehmensethik.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Gabriels Iran-Besuch?

Gilbert: Ich glaube, als Wirtschaftsminister muss er dorthin reisen. Hinter der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Staaten wie Iran steckt die Idee: Wandel durch Handel. Wenn sich ein Land wirtschaftlich öffnet, öffnet es sich letztlich auch politisch, so die These.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie daran?

Gilbert: Ich bin skeptisch. Nehmen wir Russland, China oder viele afrikanische Länder wie Nigeria - hat sich dort etwas verändert? Sind die Länder demokratischer geworden? Kaum. In China erleben wir sogar das Gegenteil: Je stärker das Land wirtschaftlich wird, desto selbstbewusster vertritt seine Führung ihre Meinung.

SPIEGEL ONLINE: Sollte Deutschland dann überhaupt mit diesen Ländern Handel treiben?

Gilbert: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass man auch zu autoritären Staaten politische Beziehungen unterhalten sollte. Und wahrscheinlich gehen politische und wirtschaftliche Beziehungen immer irgendwie Hand in Hand. Als Unternehmensethiker glaube ich aber, dass man der Ökonomie nicht die Moral opfern sollte. Häufig unterstützen wir durch Wirtschaftsbeziehungen auch korrupte Strukturen und Machteliten, und das ist nicht richtig. In Iran ist das besonders schwierig, da viele Betriebe in Staatsbesitz sind, gerade die Ölfirmen. Deutsche Unternehmen, die sich dort engagieren, sind schnell mit diesen Strukturen konfrontiert.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sich eine Exportnation wie Deutschland leisten, nicht mit diesen Ländern Handel zu treiben?

Gilbert: Das ist ein Dilemma. Als Exportnation sind wir darauf angewiesen, auch mit diesen Ländern Handel zu treiben - die Frage ist aber: zu welchem Preis? Ich lehne es nicht pauschal ab, wenn deutsche Unternehmen dort Geschäfte machen. Es kommt darauf an, wie sie es tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten sie es denn tun?

Gilbert: Es ist kein Argument zu sagen: In diesem Land ist Bestechung üblich, deshalb bestechen wir auch. Das ist eine Ausrede und öffnet unmoralischem Verhalten Tür und Tor.

SPIEGEL ONLINE: Verhalten sich deutsche Unternehmen im Ausland unmoralisch?

Gilbert: Ich glaube schon. Das Paradebeispiel ist Siemens, das vor zehn Jahren einen der größten Korruptionsskandale weltweit auslöste. Das lag auch daran, dass man sich in Ländern wie Nigeria an den dort üblichen Bestechungen beteiligt hat. Interessant ist aber, dass Fehlverhalten letztlich eben doch auf einen zurückfällt. Das sieht man an Siemens, aber auch an der Abgasaffäre von VW und den Ermittlungen gegen die Deutsche Bank. Im schlimmsten Fall ist das existenzbedrohend.

SPIEGEL ONLINE: Haben Unternehmen eine moralische Verpflichtung?

Gilbert: Ich denke schon. Sie sind verantwortlich für ihr Tun und wie es sich auf ihre Mitarbeiter, Aktionäre und Zulieferer, aber auch auf die Gesellschaft auswirkt. Immerhin haben sich die meisten deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren Selbstverpflichtungen auferlegt und Regeln zur guten Unternehmensführung - sogenannte Compliance-Kodizes - gegeben. Sie sollten sich auch daran halten. Im Übrigen reicht es nicht, lediglich die Gesetze einzuhalten. Steuervermeidung ist legal. Aber Unternehmen müssen nicht nur legal handeln, sondern auch legitim.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Unternehmen, die sich in Iran engagieren wollen?

Gilbert: Geschäfte zu machen, die moralischen Ansprüchen genügen. So schwierig das mitunter ist.



insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 02.10.2016
1. Moral ? Ethisches Verhalten ?
Ich glaube nicht, dass die mitreisenden Geschäftsleute solch' edlen Gepäckstücke dabei haben ! Reise-Motto lautet wohl: erst kommt das Fressen, dann lang lang nix
crimsonking24 02.10.2016
2. Verzichtbare Debatte
Am Beispiel Russland-Syrien sieht man derzeit, dass es keine Instanz gibt, das "Böse" irgendwie "einzuhegen". Letzte Regeln für Humanität werden gebrochen, ohne jede Konsequenz. Wenn Massenvernichtungswaffen in die Hände irgendwelcher psychopathischen Elite wie z.B. in Nordkorea gelangen, brauchen wir die hier angeregte Debatte über den Welthandel ebenso wenig, wie eine "Weltgemeinschaft" versammelt in der UN, die exakt das praktiziert, was wir sehen: Das große Abschlachten lässt sie laufen, verweist aber immer wieder auf ihre Mehrheitsregeln - der Laden gehört aufgelöst! Was soll die Aufregung über den Handel, wenn die UN dafür da ist - Völkermorde zu beschönigen, zu bejammern, zu vertrösten. Ja, vielleicht wäre es noch schlimmer ohne sie, wer weiss? Aber Handel treiben mit jedem - ja, warum denn nicht?? Und Ethik? Geschenkt. Das ist eine Debatte innerhalb der "Wohlstandsinsel EU", oder des reichen "Westens", gespeist vom "schlechten Gewissen", der Angst, alles könnte auf uns zurückschlagen, wie der IS-Terror.
ir² 02.10.2016
3.
Das ist Moral aus dem Elfenbeinturm. Wie würde der Ethiker entscheiden wenn nur ein Auftrag aus einem solchen Land die dringend benötigte Maschnenauslastung sichern könnte? Geschäfte mit Iran oder Kurzarbeit evt. sogar Stellenabbau. Es ist immer leicht anderen zu sagen wie man sich richtig entscheiden sollte, wenn man selbst weder die Entscheidung treffen muss noch diese zu verantworten hat....
westin 02.10.2016
4. Der Iran macht in Syrien eine gute Figur
Er unternimmt was gegen die Terroristen Und das ist gut so. Hab der Krieg seit 6 Jahren beobachtet, jetzt muss langsam Schluss sein.
Hannes Grebin 02.10.2016
5. Darf man auch mit Saudi-Arabien Handel treiben?
Just curious :D So witzig wie hier den ganzen lieben langen Tag mit zweierlei Maß gemessen wird. Nehmt Ihr Euch eigentlich selbst noch ernst?
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