Irland und die Euro-Krise Wie der Schuldenkönig zum Vorbildsanierer wurde

Irland ist Europas Schuldenmeister, trotzdem beteiligt sich die klamme Inselrepublik am Rettungspaket für Athen. Die Iren haben ihren Sparschock schon verdaut - und könnten so zum Vorbild für Griechenland werden.

Graffiti in Irland: Wer zahlt für die Rettung vor dem Untergang?
AP

Graffiti in Irland: Wer zahlt für die Rettung vor dem Untergang?


Als die 16 Finanzminister der Euro-Gruppe am Sonntag das 110-Milliarden-Euro-Hilfspaket für Griechenland autorisierten, konnte der irische Finanzminister Brian Lenihan auch einen irischen Beitrag bekanntgeben: Mit 1,3 Milliarden Euro wird sich das kleine Land an der Rettungsaktion beteiligen.

Das ist keine geringe Leistung, denn das irische Haushaltsdefizit ist laut Eurostat noch größer als das griechische - mit mehr als 14 Prozent der Wirtschaftsleistung ist Irland europäischer Schuldenmeister.

Das Land gilt daher an den Finanzmärkten neben Spanien und Portugal als weiterer Wackelkandidat des Euroraums. Sollte das griechische Virus weiter um sich greifen, wetten Spekulanten, würde die grüne Insel mit als erste befallen.

Tatsächlich liegt die irische Wirtschaft immer noch am Boden. Das einstige Boomland wurde von der Rezession härter getroffen als alle anderen europäischen Länder: Seit Ende 2007 ist die Wirtschaft um zehn Prozent geschrumpft, eine Rückkehr des Wachstums wird erst für das zweite Halbjahr 2010 erwartet. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 13 Prozent, die Unsicherheit unter den 4,5 Millionen Iren ist groß.

Der irische Haushalt ächzt unter einer doppelten Last: Aufgrund der Rezession sind die Steuereinnahmen eingebrochen. Vor 2011 werden sie sich nicht nennenswert erholen. Außerdem musste und muss der Staat eine Rekordsumme zur Bankenrettung aufwenden - eine Folge der geplatzten Immobilienblase, die in Irland besonders groß war.

Die Lage hat sich etwas beruhigt

Die Beteuerungen der konservativen Regierung von Brian Cowen, alles unter Kontrolle zu haben, werden daher mit Vorsicht aufgenommen. Insbesondere die Neuordnung des Bankensektors könnte noch für unliebsame Überraschungen sorgen.

Als weltweit erster Staat hatte Irland vergangenes Jahr eine staatliche "Bad Bank" eingerichtet. Die National Asset Management Agency (Nama) nahm den fünf großen irischen Banken ihre "Giftpapiere" ab - faule Kredite, die sie in dem jahrelangen, auf Pump finanzierten Immobilienboom angehäuft hatten. Im Austausch versorgte sie die Institute mit frischem Kapital aus Steuermitteln.

Schätzungen zufolge könnte die Bankenrettung den irischen Steuerzahler 20 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten - mehr als in jedem anderen Land. Allein 22 Milliarden Euro fließen in die verstaatlichte Anglo Irish Bank, ein Institut, das selbst in den Augen des Finanzministers Lenihan nicht mehr zu retten ist. Die Existenz der Bank wird nur deshalb durch Staatsgelder künstlich verlängert, weil eine sofortige Insolvenz die gesamte Wirtschaft in die Knie zwingen würde.

Immerhin hat sich die Lage soweit beruhigt, dass die Bank of Ireland für ihre Rekapitalisierung schon wieder nach privaten Geldgebern Ausschau hält. Für Lenihan ist dies ein Zeichen für das "wachsende Vertrauen in unsere Wirtschaft".

Die Regierung beteuert, man werde die Griechenland-Krise "mit Leichtigkeit" überstehen. Experten geben ihr Recht. Zwar sind die Risikoaufschläge auf irische Staatsanleihen in Folge der griechischen Krise in den vergangenen Wochen stark gestiegen. Doch hat die Regierung es nicht eilig, Geld an den Märkten einzusammeln. Zwei Drittel der für 2010 geplanten neuen Schulden hat sie bereits aufgenommen, den Rest könnte sie zur Not aus Liquiditätsreserven bestreiten.

Bis 2013 soll das Defizit auf 4,9 Prozent sinken

Obendrein gilt der Sparkurs der Regierung international als vorbildlich - und wird häufig Griechenland zur Nachahmung empfohlen. Finanzminister Lenihan legte bereits im April 2009 einen Nothaushalt vor, in dem Einsparungen und Steuererhöhungen von insgesamt 3,25 Milliarden Euro enthalten waren.

Im Dezember legte er dann den Haushalt 2010 mit weiteren Einsparungen in Höhe von vier Milliarden Euro vor: 760 Millionen Euro werden in Wohlfahrtsprogrammen gekürzt, darunter das Arbeitslosen- und Kindergeld, 980 Millionen Euro an laufenden Ausgaben, fast genauso viel an Investitionen und eine Milliarde Euro an Gehältern im öffentlichen Dienst. Staatsbedienstete müssen nun mit fünf bis 15 Prozent weniger Gehalt auskommen.

Die Rosskur sorgt regelmäßig für Demonstrationen in Dublin, doch zeigen sich Beobachter erstaunt, wie glimpflich die Proteste bisher abgelaufen sind. Ganz ohne Wirkung bleiben sie aber nicht: Die Gewerkschaften haben der Regierung gerade die Zusage abgerungen, in den nächsten Jahren keine weiteren Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst vorzunehmen.

Bis 2013 soll das Defizit auf 4,9 Prozent sinken. Dies wird nur funktionieren, wenn die Wirtschaft und damit die Einnahmen aus Unternehmen-, Einkommen- und Mehrwertsteuer wieder anziehen. Die Prognosen sind gemischt. Das renommierte Economic and Social Research Institute (ESRI), ein öffentlich finanzierter, aber unabhängiger Think Tank, erwartet für 2011 ein Wachstum von 2,5 Prozent. Danach soll der "keltische Tiger" zurückkehren - und jährlich Fünf-Prozent-Sprünge bis 2015 machen.

Gut ausgebildete Bevölkerung

Das Szenario gilt anderen Ökonomen als reichlich optimistisch. Sie verweisen darauf, dass der Sparkurs und der Mangel an Investitionen das Wirtschaftswachstum auf Jahre hinaus drosseln werden. Die Binnennachfrage soll Prognosen zufolge noch bis Mitte 2011 zurückgehen. Die Löhne und Gehälter sind in vielen Branchen gesunken, die Arbeitslosigkeit soll bis Ende 2011 bei mehr als 13 Prozent verharren.

Auch die strukturellen Ungleichgewichte der Wirtschaft sind noch nicht wieder abgebaut. Das Platzen der Immobilienblase belastet weiterhin die wirtschaftliche Aktivität. Der Leerstand liegt bei 15 Prozent. Der Bausektor, der auf dem Höhepunkt des Booms 20 Prozent der Gesamtwirtschaft ausmachte, kämpft mit vollen Lagern. Die hohen Ausgaben des Staates für den Finanzsektor binden Mittel, die anderswo dringend gebraucht werden.

Langfristig dürfte Irland aber wieder von den Vorteilen profitieren, die es über Jahre zum Wachstumsmotor Europas gemacht haben. Die Bevölkerung ist gut ausgebildet und wächst, die Infrastruktur ist noch nicht auf dem Niveau anderer europäischer Länder wie Deutschland. Und die niedrigen Steuern ziehen ausländische Unternehmen an, die einen Brückenkopf in Europa suchen. Die Unternehmensteuern hat die Regierung Cowen darum bisher auch nicht erhöht.



insgesamt 279 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zwangsreunose 29.04.2010
1.
Zitat von sysopErst Griechenland, dann Portugal und Spanien - schließlich Italien und Irland? Die Krise hat die Staatsschulden und Zinsen von fünf EU-Problemstaaten so bedenklich in die Höhe getrieben, dass es Ökonomen graut. Kann Europa das Desaster noch abwenden? Was müssen die verflixten Fünf tun?
Kann nicht, weil die Märkte schneller reagieren als die Politik. ...was zu beweisen war.
schniggeldi 29.04.2010
2.
Wenn man den bevorstehenden Untergang des Abendlandes, pardon natürlich des Euros, oft genug unreflektiert beschwört und nachbetet - dann wird er kommen. Selbsterfüllende Prophezeihung.
dull77 29.04.2010
3. Der Euro ist schwach - aber die stärkst Währung der Welt
Zitat von sysopErst Griechenland, dann Portugal und Spanien - schließlich Italien und Irland? Die Krise hat die Staatsschulden und Zinsen von fünf EU-Problemstaaten so bedenklich in die Höhe getrieben, dass es Ökonomen graut. Kann Europa das Desaster noch abwenden? Was müssen die verflixten Fünf tun?
Der Euro ist nicht "das Gelbe vom Ei" - nur verglichen mit den Anderen immer noch "sau stark". Es wird kein Geld nachgedruckt, es werden nicht Kredite "für lau" rausgegeben und der Wechselkurs richtet sich nach den Märkten. Wenn jetzt die Verantwortlichen die Nerven behalten - haben wir zumindest US-Dolar, Yen und GB-Pfund auf Jahre "abgehängt".
zwangsreunose 29.04.2010
4.
Zitat von dull77Der Euro ist nicht "das Gelbe vom Ei" - nur verglichen mit den Anderen immer noch "sau stark". Es wird kein Geld nachgedruckt, es werden nicht Kredite "für lau" rausgegeben und der Wechselkurs richtet sich nach den Märkten. Wenn jetzt die Verantwortlichen die Nerven behalten - haben wir zumindest US-Dolar, Yen und GB-Pfund auf Jahre "abgehängt".
Sie meinen wir sind die Schönsten unter den Loosern. Es ist auch in Deutschland üblich, dass Kredite aufgenommen werden, um alte Kredite abzulösen (das nennt sich dann - Kredite werden zurückgezahlt) und die Zinsen zu zahlen. Das hört sich irgendwie nach pleite an. Ich wusste gar nicht, dass man da jetzt schon unterscheidet in: ein bisschen mehr zahlungsunfähig und ein bisschen weniger zahlungsunfähig.
Andreas Heil, 29.04.2010
5.
Zitat von dull77Der Euro ist nicht "das Gelbe vom Ei" - nur verglichen mit den Anderen immer noch "sau stark". Es wird kein Geld nachgedruckt, es werden nicht Kredite "für lau" rausgegeben und der Wechselkurs richtet sich nach den Märkten. Wenn jetzt die Verantwortlichen die Nerven behalten - haben wir zumindest US-Dolar, Yen und GB-Pfund auf Jahre "abgehängt".
Ganz genau.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.