Monte dei Paschi, Unicredit und Co. Bankendämmerung in Italien

Der italienischen Bank Monte dei Paschi geht das Geld aus, auch andere Kreditinstitute brauchen dringend frisches Kapital. Der Staat will helfen - aber das ist nicht mehr so einfach.

Eingang zur Zentrale von Monte dei Paschi
DPA/ Monte dei Paschi di Siena

Eingang zur Zentrale von Monte dei Paschi


Geht es ums Geld, wird es meist kompliziert. Zumal wenn Banken im Spiel sind. Die haben es gern besonders kompliziert, damit die Kunden nicht so genau begreifen, was sie mit deren Geld machen.

Versuchen wir trotzdem, es einfach zu erklären: Italiens Banken haben ein Problem. Und wenn das nicht zügig gelöst wird, könnte es nicht nur für Bella Italia sondern für den ganzen Euroraum "brenzlig werden", sagen Ökonomen wie der Chef der deutschen Wirtschaftsweisen, Professor Christoph Schmidt.

Nur, so leicht ist Europas Südproblem nicht zu lösen. Denn da kommt einiges zusammen: Italienische Banken

  • haben sich, wie englische oder deutsche auch, bei Gewinnspielen verzockt,
  • haben andere Institute gekauft, die sie sich gar nicht leisten konnten,
  • arbeiten umständlich-bürokratisch und machen deshalb keine Gewinne,
  • haben einen 360-Milliarden-Euro-Berg an ausstehenden Krediten, die kaum oder nie zurückgezahlt werden können. Wenn sie die abschreiben müssen, sind sie pleite.

Gesucht: Ganz schnell viele Milliarden

Die Bankfachleute der Ratingagentur Moody's haben ihr Urteil über Italiens Geldbranche Mitte dieses Monats deshalb von "stabil" auf "negativ" gesenkt und gewarnt: Zwei Kreditinstitute brauchen ganz schnell viele Milliarden Euro neues Kapital.

Da ist zum einen die größte Bank des Landes, Unicredit, zu der in Deutschland die HypoVereinsbank gehört. Unicredit hat einen Brocken von Not leidenden Krediten, wie man in der Branche sagt, im Wert von 77 Milliarden Euro in den Büchern. Das ist etwa ein Siebtel aller Kredite der Bank.

Noch schlechter geht es der 1472 gegründeten, und damit ältesten noch aktiven Bank der Welt, der Banca Monte dei Paschi di Siena, kurz MPS. Bei der sind Darlehen im Wert von 55 Milliarden Euro mehr oder weniger faul - ein Drittel der gesamten Darlehenssumme. Die Bank aus Siena ist denn auch als einziger Prüfling durchgefallen, als die europäische Finanzaufsicht im Sommer 51 Geldhäuser aus dem Euroraum einem Stresstest unterzogen hatte.

In dieser Woche versucht MPS bei großen Investoren und bei kleinen Sparern insgesamt fünf Milliarden Euro frisches Kapital einzusammeln. Die Chancen stehen indes nicht allzu gut. Am Mittwoch wurde bekannt, dass die drittgrößte Bank des Landes auch den Staatsfonds von Katar nicht überzeugen konnte, neue Aktien zu zeichnen - so hätten eine Milliarde Euro zusammenkommen sollen.

Der MPS-Aktienkurs ist im laufenden Jahr um rund 100 Euro gefallen - ein Verlust von mehr als 80 Prozent. Am Mittwoch dieser Woche brach der Kurs erneut ein, der Handel mit MPS-Aktien wurde ausgesetzt. Gelingt es der Bank nicht, Geld von privaten Anlegern zu bekommen, bleibt nur noch die Hoffnung auf den Staat.

Zwar ist die Regierung in Rom durchaus bereit, den Krisenbanken zu helfen. Gerade hat das Parlament der Regierung gestattet, 20 Milliarden Euro zusätzliche Schulden aufzunehmen, die man "notfalls" für die Bankenrettung einsetzen will - man steht ja erst mit 2,2 Billionen Euro in der Kreide, da kann man ruhig noch etwas draufpacken. Aber leider gibt es da noch ein besonders vertracktes, weil politisches Problem.

"Sozialismus für Reiche"

Als viele Geldhäuser quer über den Globus von 2007 an in existenzielle Nöte rutschten, halfen die Staaten mit gewaltigen Summen, um die größten, die sogenannten systemrelevanten Banken zu retten. Die Regierungen mussten sich das Geld natürlich auch borgen und somit sitzen heute die armen Steuerzahler auf den staatlichen Milliardenschulden, mit denen die reichen Aktionäre der Banken freigekauft wurden.

Kritiker sprachen von "Sozialismus für Reiche". Das soll nicht mehr so weitergehen, sagten die Europäer und verabredeten, dass die Länder der Eurozone künftig auch die Inhaber der Banken zur Kasse bitten müssen, wenn die wieder einmal vor dem Abgrund stehen und Staatsgelder erbetteln. Genau das ist jetzt in Italien das Dilemma.

Einen Vorgeschmack gab es im Dezember 2015: Damals standen vier Regionalbanken vor dem Bankrott und der Staat rettete sie, wie gehabt, mit einigen Milliarden Euro. Auch die Geldbranche wurde zur Kasse gebeten und natürlich sollten, wie in Brüssel verabredet, auch die Inhaber bluten. Aber da stellte sich die Frage: Wer ist Inhaber? Der Aktionär, klar. Aber auch der, der "nachrangige Anleihen" oder ähnlich unverständlich benannte Papiere bei der Bank seines Vertrauens gekauft hat?

Das kann ja wohl nicht sein, sagten Tausende von Kleinsparern, als es ernst wurde. Schon der Großvater hatte seine Ersparnisse in Anleihen gesteckt, meistens in die vom Staat. Denn die waren sicher, brachten aber in jüngster Zeit kaum Zinsen. Deshalb boten die netten Menschen auf der Bank ihren Kunden eine besser verzinste Alternative an, von der Bank, nicht vom Staat, aber eben auch eine Anleihe, wie eh und je.

Die Bedeutung des Wörtchens nachrangig erschloss sich den meisten erst, als die Banken, die jene Anleihen ausgegeben hatten, vor der Insolvenz gerettet werden mussten. Denn weil die Geldhäuser solche Anleihen teilweise als Eigenkapital in ihrer Bilanz verbuchen dürfen, gelten die Besitzer solcher Papiere als Mitinhaber - sitzen also mit in der Patsche, müssen mit in die Rettungskasse einzahlen.

Tun sie das nicht und die Bank geht pleite, wird es noch schlimmer. Die Eigentümer nachrangiger Papiere werden aus der Konkursmasse erst nach allen anderen Gläubigern bedient - also in der Regel gar nicht.

Nachrangig betrogen

Zehntausende Kleinanleger gingen auf die Straße. Sie fühlten sich betrogen und um große Teile ihrer lebenslangen Ersparnisse gebracht. Ein Pensionär aus Civitavecchia nahm sich das Leben. Italiens Volksseele kochte hoch. Die Politik sprang mit einem "Solidaritätsfonds" ein.

Massenproteste will die römische Regierung nicht schon wieder haben. Sie hofft noch immer, dass die eigenen Sanierungspläne der Banken den Investoren genug Anreize bieten, sich mit Milliardenbeträgen einzukaufen.

Bei Unicredit könnte das der Fall sein.

Das Unternehmen will den Großteil seiner faulen Kredite verkaufen - weit unter dem Buchwert natürlich - oder abschreiben. Um die dabei anfallenden Verluste auszugleichen, hat es für rund acht Milliarden Euro Tochterfirmen und Anteile verkauft. 14.000 Jobs sollen binnen drei Jahren gestrichen werden. Danach hofft man, wieder hochprofitabel zu sein - ein Nettogewinn von 4,7 Milliarden Euro wird angepeilt.

Solche Botschaften erfreuen die Börse, der Aktienkurs von Unicredit stieg von 1,71 Euro im Sommer auf 2,80 Euro in dieser Woche.

MPS hat ähnliche Pläne, aber wohl geringere Chancen. Für vier Monate reiche das Geld noch, gab die Krisenbank diese Woche bekannt, dann sei Schluss.

Also muss wohl doch der Staat ran und es gibt offenbar auch schon Absprachen mit Brüssel, gemeinsam Hintertürchen zum Retten zu finden. Da mögen bockige deutsche Finanzpolitiker oder Wirtschaftsprofessoren wie Christoph Schmidt auch zürnen, wenn Italien "gleich beim ersten großen Test" der neuen EU-Krisenpolitik die Regeln nicht einhalte, sei "die Banken-Union nicht glaubwürdig".

Aber was wäre die Alternative? Nicht nur die MPS-Geschädigten würden auf die Straße gehen. Auch Hunderttausende, die "nachrangige" Papiere bei anderen Geldhäusern gekauft haben, würden die Schalter stürmen und die gesamte Kreditwirtschaft in Italien gefährden.

Da setzt auch die Geldbranche lieber wieder auf das rettende Geld der Steuerzahler. "Sobald die Bilanz sauber ist", sagt der Schweizer Fondsmanager Georg von Wyss, stehe Monte dei Paschi doch "als gesunde Regionalbank da".

insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 22.12.2016
1. Ich denke,
Italien ist pleite ?
jenli 22.12.2016
2. Auf jeden Fall hat die Monte dei Paschi ...
... das schönste Bankgebäude der Welt. Vielleicht kann man die Rettung dieser Bank unter dem Begriff "Denkmalschutz" verbuchen. Das muss uns doch was wert sein, oder?
klyton68 22.12.2016
3.
Und prompt wird die Antwort geliefert. Natürlich die Alternativlosigkeit. Der Steuerzahler soll einspringen. Och, in diesen besinnlichen Zeiten müssen wir alle auch mal in uns gehen und denen, die weniger haben, auch großzügig unter die Arme greifen. Gott wird es einst im Jenseits belohnen. Öffnen wir die Herzen und vor allem das Portomonaie.
ehrenwort 22.12.2016
4. Deutschlands Banken werden folgen.
Ich glaube kaum, dass auch die deutschen Banken noch das Barkapital haben um ihren Kunden ihre Einlagen im Falle einer Krise zurückzubezahlen. Aufpassen!
jandalriada 22.12.2016
5. Wann haben wir eigentlich aufgehört, für uns selbst verantworltich zu sein
"Das kann ja wohl nicht sein, sagten Tausende von Kleinsparern, als es ernst wurde. Schon der Großvater hatte seine Ersparnisse in Anleihen gesteckt, meistens in die vom Staat. Denn die waren sicher, brachten aber in letzter Zeit kaum Zinsen. Deshalb boten die netten Menschen auf der Bank ihren Kunden eine besser verzinste Alternative an, von der Bank, nicht vom Staat, aber eben auch eine Anleihe, wie eh und je" Unabhängig davon, das Politiker der westlichen Welt Ende der 90er die Risikoübernahme der Banken gesenkt haben, bin ich nicht selbst verantwortlich für das, was ich kaufe ? Wenn jemand zu mir sagt, gehe bei Rot über die Strasse, dann mache ich das ? Nur weil er einen Anzug anhat ? Und warum wird eigentlich der Sozialismus immer bei Banken angewendet ?
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