IWF-Chefanwärterin Lagarde Madame Oui kandidiert

Die Bewerbung ist ein Politikum: Mit Christine Lagarde kandidiert erstmals eine Frau für den IWF-Chefposten - jetzt, da ihr Vorgänger über Vergewaltigungsvorwürfe stürzte. Die Französin gilt als große Europäerin und als Gegenmodell zu Madame Non im Kanzleramt. Doch sie selbst steckt in einer Affäre.

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Hamburg - In puncto Karriereplanung hat Christine Lagarde knapp 30 Jahre Erfahrung. In dieser Zeit hat die smarte Französin ein paar Weisheiten verinnerlicht. Einer ihrer Wahlsprüche lautet: "Zähne zusammenbeißen und lächeln!" Damit wurde Lagarde Meisterin im Synchronschwimmen, Chefin von Baker & McKenzie, einer der größten Anwaltskanzleien der USA, und schließlich Finanzministerin von Frankreich.

Jetzt hat sich die hochgewachsene Frau mit den grauen Haaren für den Chefposten beim Internationalen Währungsfonds (IWF) beworben. Eine Kandidatur mit symbolischer Strahlkraft: Lagarde wäre die erste Frau an der Spitze der mächtigen Weltfinanzfeuerwehr. Sie bewirbt sich jetzt, da ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn den Job wegen Vergewaltigungsvorwürfen aufgeben muss. Lagardes Benennung könnte das von der Affäre beschädigte Amt wieder etwas aufwerten.

Im Prinzip hat die 55-Jährige gute Chancen, den Posten zu bekommen. Sie gilt - zumindest in Europa - als Favoritin, denn sie bringt alle erforderlichen Qualitäten mit. Durch ihren Job als Staranwältin bei Baker & McKenzie verfügt Lagarde über gute Kontakte in Europa und Amerika. Und sie ist standhaft: Im französischen Finanz- und Wirtschaftsministerium hielt sie es länger aus als viele ihrer Vorgänger.

Auch auf internationalen Pressekonferenzen weiß die zweifache Mutter zu beeindrucken - nicht nur, weil sie, anders als viele ihrer Landsleute, perfekt Englisch spricht und sich oft selbst übersetzt. Zu schätzen wissen Journalisten auch ihre klare Sprache. Was sie denn über den Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers gedacht habe, wurde sie in einem Interview gefragt. "Heiliger Bimbam!", antwortete sie nur.

"Überzeugte Europäerin"

Einschüchtern lässt sie sich jedenfalls nicht so leicht. Als Ministerin hat Lagarde entschieden gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise gekämpft. Die britische "Financial Times" zeichnete sie 2009 für ihr Krisenmanagement aus - obwohl die angelsächsischen Neoliberalen der von Staatsinterventionismus geprägten Wirtschaftspolitik der Franzosen gemeinhin kritisch gegenüberstehen.

Auch bei der Euro-Krise ficht Lagarde an vorderster Front. Sich selbst nennt die Ministerin eine "überzeugte Europäerin". Zeitungen bezeichnen sie bisweilen gar als Antipode zur deutschen Bundeskanzlerin. Angela Merkel ist in den Augen vieler nicht entschieden genug für die Rettung der Euro-Zone eingetreten, Hilfsgelder für Griechenland zum Beispiel bewilligte sie nur widerwillig. Kritiker nennen sie deshalb "Madame Non". Lagarde wäre demnach "Madame Oui". Sie verteidigt Milliardenhilfen für hochverschuldete Staaten. Und sie plädiert für längere Laufzeiten griechischer Kredite, für den Aufkauf von Staatsanleihen durch den europäischen Rettungsfonds und für eine europäische Wirtschaftsregierung.

Dem Währungsfonds könnte Lagarde zu mehr Macht verhelfen. Sie würde die Agenda ihres Präsidenten Nicolas Sarkozy vorantreiben, der den IWF zu einer Art Weltwirtschaftsregierung ausbauen will. Dass sie sich auf globaler Bühne durchsetzen kann, bewies Lagarde kürzlich in G-20-Verhandlungen. Sie trotzte den Chinesen das Zugeständnis ab, wirtschaftliche Ungleichgewichte zu identifizieren - und sich dabei auch auf Indikatoren wie Handelsbilanzen zu berufen.

Angst vor der Blamage

In Europa und Amerika unterstützen viele Lagardes Kandidatur. Selbst China ist aufgeschlossen - wohl nicht zuletzt, da sich die Volksrepublik Hoffnungen auf den Vizeposten macht. Insgesamt wären genug Stimmen vorhanden, um Lagarde durchzudrücken - auch gegen den Willen der Schwellenländer, die massiv Anspruch auf den Chefposten erheben.

Dennoch könnte die Kandidatur scheitern. Denn die IWF-Personalie ist durch die Causa Strauss-Kahn besonders sensibel. Der Fonds kann und will sich keine weiteren Affären mehr leisten. Es wäre eine Blamage, einen Bewerber zu nominieren, der später über einen Skandal stolpert.

Und genau da liegt das Problem: Lagarde steckt selbst mittendrin in einer Affäre. Zwar liegen die Vorwürfe weit zurück, zwar ist die Interessenlage undurchsichtig - doch jetzt, da sich die Französin für einen der wichtigsten Jobs der Welt bewirbt, kocht die Geschichte wieder hoch.

Die Pariser Justiz prüft, ob Lagarde sich der Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Gelder schuldig gemacht hat. Auslöser ist eine Auseinandersetzung zwischen dem Unternehmer Bernard Tapie und der Bank Crédit Lyonnais. Der Geschäftsmann warf der Bank vor, sie habe ihn bei einem Anteilsverkauf übers Ohr gehauen. Er klagte, hatte aber nach Einschätzung vieler Beteiligter wenig Chancen, den Prozess zu gewinnen. Trotzdem entschied Lagarde 2007, dass der Streit durch ein Schiedsurteil gelöst wird. Tapie kassierte 285 Millionen Euro Entschädigung. Lagarde wird vorgeworfen, ihr Amt ausgenutzt zu haben, um dem Mann die Millionensumme zukommen zu lassen.

Die Gescholtene selbst weist die Vorwürfe zurück. "Es lässt mich verzweifeln, dass ich mich nicht mit wichtigeren Dingen beschäftigen kann", sagte sie einmal. Sie habe nichts falsch gemacht.

Das letzte Wort aber hat die französische Justiz. Sie muss bald entscheiden, ob gegen Lagarde Ermittlungen wegen Amtsmissbrauch eingeleitet werden. Stichtag ist der 10. Juni - genau dann läuft auch die Bewerbungsfrist für den IWF-Chefposten ab.

insgesamt 61 Beiträge
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ok-info 25.05.2011
1. Das ist doch keine Affaire,
das ist dummes Gemäkel. Sicher kommt hier wieder die Erinnerung an die "Peanuts" der Deutschen Bank, aber so isses doch - man erledigt etwas schnell, das andere mehrere Jahre verhandeln würden, und dann wir es einem vorgeworfen - weil ein klarer Endbetrag dabei herauskommt, und bei jahrelangem Gefussel kann nachher keiner die echten Kosten auch nur abschätzen. Ergo, nie klare Entscheidungen fällen ist in der Politik immer die bessere, schön feige Taktik und wird vom Wähler belohnt. Die Demokratie hat keine entscheidungsfreudigen Politiker verdient, das ist die Crux. Entscheidungdfreude ist demokratiefeindlich (Hitler war ja auch entscheidungsfreudig), warum also bloß von Affäre reden und die Frau, wie von Trier, nicht gleich als Nazi verleumden ?
mont_ventoux 25.05.2011
2. Schlimmer geht´s nimmer
Wenn mit Frau Lagarde eine „überzeugte Europäerin“ an die Spitze des IWF rückt, kann das nichts Gutes für den deutschen Steuerzahlen bedeuten. Hoffen wir mal in unserem eigenen Interesse, dass sich doch noch die Schwellenländer durchsetzen …
nitram1 25.05.2011
3. So ist es richtig!
Wir Deutschen bezahlen alles und die Franzosen sagen wo es lang geht! Tolle Politik, Frau Merkel!
GerwinZwo 25.05.2011
4. Zutimmung
Zitat von mont_ventouxWenn mit Frau Lagarde eine „überzeugte Europäerin“ an die Spitze des IWF rückt, kann das nichts Gutes für den deutschen Steuerzahlen bedeuten. Hoffen wir mal in unserem eigenen Interesse, dass sich doch noch die Schwellenländer durchsetzen …
Zustimmung. Es geht allerdings nicht darum ob sie eine gute "Europäerin" ist. Ganz abstrakt ist dieser Standpunkt sogar zu begrüßen. Es geht darum, daß sie geradezu fanatisch den Euro "retten" will. Und dabei sogar sehenden Auges Vertrags- und Rechtsbrüche in Kauf nimmt. http://www.faz.net/artikel/C30638/euro-rettungsschirm-frankreich-gesteht-vertragsbruch-ein-30322781.html So jemand ist allemal gefährlich, nicht zuletzt für den deutschen Steuerzahler.
Andman 25.05.2011
5. Wer, wenn nicht eine "überzeugte Europäerin"?
Zitat von mont_ventouxWenn mit Frau Lagarde eine „überzeugte Europäerin“ an die Spitze des IWF rückt, kann das nichts Gutes für den deutschen Steuerzahlen bedeuten. Hoffen wir mal in unserem eigenen Interesse, dass sich doch noch die Schwellenländer durchsetzen …
Warum soll es für Deutschland schlecht sein, wenn eine "überzeugte Europäerin" an die Spitze des IWF kommt? Das Problem der letzten Jahre ist doch, dass die "starke Stimme" in Europa gefehlt hat. Diese Frau setzt sich für ein selbstbewussteres Europa ein, in welchem besser zusammengearbeitet wird (z.B. Wirtschaftsregierung). Das kleine Deutschland kann im Vergleich zu den riesigen Schwellenländern nur mit Hilfe Europas bestehen! Bei dir, "mont_ventoux", hat man das Gefühl, dass du Europa selbst als Problem siehst und glaubst, dass Deutschland alleine und nur für seine eigenen Interessen kämpfen sollte. Das ist eine katastrophale Fehleinschätzung, die leider durch die rechtspopulistisch orientierte Boulevardpresse immer mehr verbreitung findet!
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