IWF-Chefin Kristalina Georgiewa »Deutschland hat ein Problem«

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds erklärt, warum hohe Energiepreise die Pläne von Finanzminister Lindner bedrohen. Und sie sagt, warum der Ukrainekrieg auch ihre Familie betrifft.
Ein Interview von David Böcking und Michael Brächer, Davos
IWF-Chefin Georgiewa auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos

IWF-Chefin Georgiewa auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos

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Laurent Gillieron / dpa

SPIEGEL: Frau Georgiewa, Russlands Angriffskrieg in der Ukraine ist das bestimmende Thema hier in Davos. Sie stammen aus Bulgarien, deswegen möchten wir Sie etwas Persönliches fragen: Hätten Sie damit gerechnet, dass so etwas passieren kann?

Georgiewa: Mir war schon bewusst, dass das Risiko besteht, und doch war ich schockiert. Die Folgen des Krieges für das ukrainische Volk, aber auch für die Welt sind entsetzlich. Das weiß ich aus nächster Nähe, denn ich habe einen engen Verwandten, der in Charkiw lebte, als der Krieg begann, und die Kriegsschrecken selbst erlebte. Wissen Sie, ich habe den eisernen Vorhang noch miterlebt. Jetzt führt der Krieg zu einer neuen Fragmentierung der Welt.

SPIEGEL: Tut die internationale Gemeinschaft genug, um den Krieg zu stoppen?

Georgiewa: Europa und die Welt haben sich der Herausforderung gestellt. Wenn es irgendeinen Silberstreifen am Horizont gibt, dann ist es die Erkenntnis, dass wir unsere Augen nicht mehr vor Dingen verschließen können, die entfernt von uns stattfinden: Krieg in der Ukraine bedeutet Hunger in Afrika. Ein Virus aus Wuhan sorgt für eine Pandemie in der ganzen Welt. Und CO₂-Emissionen an einem Ort treiben den Klimawandel auf dem ganzen Planeten voran.

SPIEGEL: Sie haben die Gefahr einer Hungerkrise erwähnt. Lässt sie sich noch verhindern?

Georgiewa: Nur wenn wir mehr tun. Erstens müssen wir uns gegen Exportbeschränkungen für Nahrungsmittel wehren, die schon fast 30 Länder erlassen haben. Ich verstehe, dass Regierungen ihre eigene Bevölkerung vor Engpässen bewahren wollen. Aber damit verlängern wir das Leiden anderer Menschen. Zweitens müssen wir die vorhandenen Nahrungsmittel effizienter nutzen. Und drittens müssen wir gerade armen Ländern die notwendigen finanziellen Ressourcen verschaffen, um die Versorgung zu sichern.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Georgiewa: Nehmen Sie ein Land in Afrika, das bei Nahrungsmitteln auf den Weltmarkt angewiesen ist, wo die Preise massiv gestiegen sind. Wir müssen solchen Ländern helfen, damit sie die Versorgung ihrer Bevölkerung sicherstellen können. Wir brauchen eine schnelle internationale Antwort, damit die Menschen nicht verhungern.

SPIEGEL: Wie soll diese Antwort aussehen?

Georgiewa: Inzwischen haben fast 30 Länder wegen der Nahrungsmittelpreise Probleme mit ihrer Zahlungsbilanz bekommen. Einige von ihnen haben uns um Unterstützung gebeten. Ihnen helfen wir mit einem speziellen Fonds für arme Länder zu null Prozent Zinsen. Außerdem schauen wir sehr genau, was internationale Institutionen tun können, um die Nahrungsmittelproduktion effizienter zu machen. Wir müssen das Angebot ausweiten.

SPIEGEL: Die Hilfe für die Ukraine und die besonders betroffenen Länder ist eine Sache. Aber was können wir tun, damit der Krieg endet? Deutschland streitet seit Monaten über ein mögliches Gasembargo. Auch der IWF warnt in seinem neuen Bericht zu Deutschland vor Risiken – weshalb?

Georgiewa: Deutschland hat ein Problem, weil es sich nicht schnell aus der Abhängigkeit von russischen Gasimporten lösen kann. Die Auswirkungen sind ungewiss, aber wahrscheinlich erheblich. Die deutsche Wirtschaft könnte nach Berechnungen von einigen Ökonomen um bis zu sechs Prozent schrumpfen, wenn Russland die Gaslieferungen abrupt stoppt. Deutschland muss deshalb sehr genau abwägen, wie es seinen fiskalpolitischen Spielraum nutzt.

»Wenn es schlecht läuft, sollte Deutschland auch den Zeitpunkt der Rückkehr zur Schuldenbremse überdenken.«

IWF-Chefin Kristalina Georgiewa

SPIEGEL: Der wird auch von der Schuldenbremse eingeengt, zu der Finanzminister Christian Lindner schon im nächsten Jahr zurückkehren möchte. Glauben Sie, das funktioniert?

Georgiewa: In unserem Basisszenario schon. Deutschland bereitet sich bereits darauf vor, einige der Unterstützungsmaßnahmen gegen die Coronakrise zurückzufahren. Auch viele Hilfen wegen der hohen Energiepreise sind nur temporär. Wenn die Energiepreise weiter zurückgehen, ist das Ziel der Schuldenbremse realistisch.

SPIEGEL: Und wenn die Energiepreise steigen?

Georgiewa: Dann wäre es klüger von Deutschland, weiter die Konjunktur zu stützen. Ich möchte die Bundesrepublik explizit dafür loben, dass sie die EU-Pläne nicht blockiert, den Stabilitäts- und Wachstumspakt bis zum Ende 2023 auszusetzen. Wenn es schlecht läuft, sollte Deutschland auch den Zeitpunkt der Rückkehr zur Schuldenbremse überdenken.

SPIEGEL: Haben Sie das Christian Lindner schon gesagt?

Georgiewa: Ich habe Herrn Lindner schon einige Male getroffen und unsere Gespräche sind stets sehr produktiv. Wir glauben beide an eine alte Idee von Adam Smith, wie man zu einem prosperierenden Land wird: durch Frieden, niedrige Steuern und Rechtsstaatlichkeit. Das gilt auch in modernen Zeiten. Deutschland hat in der Gruppe der G7-Staaten bemerkenswerte Führungsqualitäten gezeigt.

SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?

Georgiewa: Daran, dass man sich unter den G7-Ländern auf finanzielle Hilfen von fast 20 Milliarden Dollar für die Ukraine verständigt hat. Die sorgen dafür, dass die Inflation im Land nicht noch weiter steigt. Als Deutsche wissen Sie ja, was Hyperinflation bedeutet. Aber auch für die Moral der Menschen ist es enorm wichtig, dass der Staat seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann.

SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel?

Georgiewa: Mein Verwandter in der Ukraine hatte Zahnschmerzen. Selbst in einer umkämpften Stadt wie Charkiw konnte er zum Zahnarzt gehen. Die sozialen Sicherungssysteme der Ukraine funktionieren, die Renten werden weiter ausgezahlt. In Charkiw werden jedes Jahr im Frühling Blumen und Bäume am Straßenrand gepflanzt. Selbst das tut die Stadt jetzt noch – mitten im Krieg.

SPIEGEL: Für den Wiederaufbau wird die Ukraine noch mehr Finanzhilfe brauchen. Manche plädieren dafür, dazu Russlands internationalen Finanzreserven zu verwenden, die eingefroren wurden. Halten Sie das für den richtigen Schritt?

Georgiewa: Es steht dem Internationalen Währungsfonds nicht zu, das zu entscheiden. Aber wir stehen heute vor Fragen, für die es keinen Präzedenzfall gibt. Wie lautet die richtige Antwort auf einen Krieg, der als unvorstellbar galt? Die internationale Gemeinschaft muss über die Welt von heute diskutieren – und nicht über die von 1944, als die Gründerväter von IWF und Weltbank zusammenkamen.

SPIEGEL: Auch unter deren Mitgliedern gibt es aber Streit. Beim Frühjahrstreffen des Währungsfonds verließen einige Mitglieder aus Protest gegen Russland den Saal. Fürchten Sie, dass Ihre Institution künftig wegen solcher Konflikte an Schlagkraft verlieren wird?

Georgiewa: Was selten erwähnt wird: Trotz der Spannungen bei der Frühjahrstagung waren sich die Teilnehmer am Ende in der Abschlusserklärung über alle Punkte einig – mit Ausnahme einer Passage zum Ukrainekrieg. Unser Auftrag als IWF sind makroökonomische und finanzielle Stabilität, Wachstum und Beschäftigung. Und diese Ziele lassen sich nur mit internationaler Zusammenarbeit erreichen.

SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen vor, das Mandat des Währungsfonds aufzuweichen. Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff sagt, der Währungsfonds dürfe nicht versuchen, eine Hilfsorganisation zu sein. Hat er recht?

Georgiewa: Ich möchte respektvoll widersprechen. Die Welt ändert sich, und das bedeutet, dass wir unsere Ziele neu interpretieren müssen. Die Pandemie und der Krieg sind Schocks von außen. Länder, die davon getroffen werden, haben nichts falsch gemacht. Wie sollen wir da reagieren? Ganz sicher nicht, indem wir auf unsere traditionellen Instrumente der Strukturanpassungen setzen. Wir müssen Staaten den fehlenden fiskalischen Spielraum verschaffen, um diese Schocks abzudämpfen.

SPIEGEL: Ihre Kritiker sagen, Sie schießen dabei über das Ziel hinaus.

Georgiewa: Tatsächlich haben wir von den etwa 270 Milliarden Dollar an Kreditzusagen insgesamt nur 34 Milliarden als Notfallfinanzierungen vergeben – und den Rest durch unsere traditionelleren Kreditinstrumente. Das habe ich auch Ken Rogoff erzählt und er war überrascht. Einige Leute mögen den Eindruck haben, dass der Fonds durch die Welt läuft und ohne Bedingungen mit Geld um sich wirft, doch das stimmt nicht. Nehmen Sie Ghana – ein Land, das sich in der Vergangenheit nur sehr ungern Geld bei uns geborgt hat. In der Pandemie wurde es bei uns vorstellig. Später hat mich der Präsident angerufen, um sich für unsere Hilfe zu bedanken. Denn wie hätte das Land sonst seine Rechnungen bezahlen sollen, wenn die Einnahmen plötzlich wegbrechen?

SPIEGEL: Die internationale Zusammenarbeit scheint derzeit allerdings nicht sonderlich hoch im Kurs zu stehen...

Georgiewa: …und das ist ein großes Problem. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die weltweite Wirtschaft ihre Größe verdreifacht – und das war nur durch die immer tiefere globale Integration möglich. Davon haben vor allem die Entwicklungsländer profitiert. Heute leben 1,3 Milliarden Menschen weniger in Armut als noch vor 30 Jahren. Wenn wir diesen Menschen die Vorzüge einer integrierten Weltwirtschaft verwehren, droht eine düstere Zukunft.

SPIEGEL: Trotzdem wollen sich die USA und China wirtschaftlich voneinander entflechten. Auch viele Unternehmen versuchen, ihre Lieferketten umzustellen, und kritische Güter selbst zu produzieren.

Georgiewa: Wir haben bei den Coronalockdowns und im Ukrainekrieg gelernt, dass unsere Lieferketten robuster werden müssen, was steigende Kosten nach sich zieht. Die Zeiten, in denen die Globalisierung für günstigere Produkte und niedrigere Inflation gesorgt hat, könnte also vorbei sein. Aber das heißt nicht, dass wir die Welt in getrennte Blocks aufteilen sollten. Das wäre eine Extremlösung, die uns alle ärmer macht. Wir dürfen nicht in die Zeiten des Kalten Kriegs zurückfallen, in denen Menschen ihre Freiheiten verwehrt wurden. Ich habe selbst erlebt, was das bedeutet – und ich möchte nicht in diese Zeit zurück.

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