Export-Streit IWF drängt Deutschland zur Bescheidenheit

Erst rügt der US-Finanzminister die Exportstärke der Deutschen, nun legt der Internationale Währungsfonds nach. Der Vize-Chef der Organisation fordert nach SPIEGEL-Informationen eine konkrete Obergrenze für die Überschüsse der Bundesrepublik.
Autoproduktion in Wolfsburg (Archivbild): Schadet der deutsche Export der Weltwirtschaft?

Autoproduktion in Wolfsburg (Archivbild): Schadet der deutsche Export der Weltwirtschaft?

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Washington/Berlin - Das Ausland zeigt sich besorgt über den starken deutschen Export. Nach Kritik von der US-Regierung kommen nun auch Mahnungen vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Nach SPIEGEL-Informationen schlug der Vize-Chef der Organisation, David Lipton, bei seinem Besuch im Bundesfinanzministerium in der vergangenen Woche vor, Deutschland solle sich verpflichten, seine Überschüsse zu reduzieren. Die Bundesregierung solle eine konkrete Zielgröße festlegen, die künftig nicht mehr überschritten werden dürfe.

Stein des Anstoßes ist der aktuelle Report to Congress on International Economic and Exchange Rate Policies, den das US-Finanzministerium am vergangenen Mittwoch herausgegeben hatte (hier im PDF-Format ). In ungewöhnlich offener Form kritisiert der Bericht die Wirtschaftspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Das Exportland Deutschland belaste mit seinem Rekordhandelsüberschuss die gesamte EU. Während der Euro-Krise habe Deutschland einen viel zu großen Handelsüberschuss angehäuft. 2012 sei dieser Überschuss sogar größer gewesen als der Chinas.

Tatsächlich sind die Zahlen beeindruckend. Laut Ifo-Institut dürfte Deutschland in diesem Jahr erneut einen Rekordhandelsüberschuss von rund 200 Milliarden Euro erzielen. Im ersten Halbjahr sei der Überschuss auf 96 Milliarden Euro gestiegen, das entspreche einem Anteil von 7,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Bereits 2011 und 2012 hatte Deutschland die höchsten Exportüberschüsse weltweit erzielt.

US-Wirtschaft in der Krise

Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen gelten als einer der Auslöser der weitweiten Finanzkrise. Dass die USA aber ausgerechnet jetzt Berlin so prominent an den Pranger stellen, kommt einem Affront gleich. Nach der NSA-Abhöraffäre um Merkels Handy sind die deutsch-amerikanischen Beziehungen ohnehin auf dem Tiefpunkt.

Der scharfe Ton ist auch deshalb bemerkenswert, da Washington und Berlin solche Punkte sonst diskret hinter den Kulissen ansprechen. Schon im letzten Währungsbericht vom April sprach das US-Finanzministerium Deutschland an, allerdings in weitaus gemäßigterem Ton.

Was Wachstumsfragen angeht, sitzen die USA freilich selbst im Glashaus. Amerika gilt nicht unbedingt als wirtschaftspolitisches Vorbild. Das US-Bruttoinlandsprodukt erholt sich nur langsam von der Finanzkrise, und der jüngste Schuldenstreit, der die Weltfinanz mitbedrohte, schob den Aufschwung nur noch weiter auf. Weshalb auch die US-Notenbank vorerst an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten will.

Deutsche Wirtschaft empört

Deutsche Wirtschaftsverbände hatten empört auf die Kritik aus den USA reagiert. Die Vorwürfe seien "völliger Unsinn", sagte Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauer-Branchenverbands VDMA. Vielmehr sei die deutsche Wirtschaft ein Fundament, "auf dem die wirtschaftliche Stabilität Europas steht". Ohne deren Stärke würde ganz Europa vermutlich in eine Wirtschaftskrise schlittern.

Außenhandelspräsident Anton Börner interpretiert die US-Kritik als taktisches Manöver mit Blick auf die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen. Nachvollziehen könne er sie nicht im Geringsten. Im Übrigen gelte: "Wir haben deshalb Überschüsse, weil wir so gut sind", sagte der Chef des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA).

Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, hält die Kritik dagegen für "absolut gerechtfertigt". Deutschland schade sich mit dieser Politik letztlich nur selbst. Ein Großteil der Überschüsse lande über den Kapitalexport im Ausland.

mik
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