IWF-Treffen in Washington Alle gegen Draghi

In der Finanzwelt gilt EZB-Chef Draghi als Retter der Eurozone. Doch seine Politik scheint nicht mehr unantastbar: Beim IWF-Treffen warnen viele Experten vor den Gefahren des billigen Geldes - die schärfste Kritik kommt aus Deutschland.
EZB-Chef Draghi bei der IWF-Tagung in Washington: Gegenwind gewohnt

EZB-Chef Draghi bei der IWF-Tagung in Washington: Gegenwind gewohnt

Foto: Drew Angerer/ dpa

Die Pressekonferenz läuft schon eine halbe Stunde, da wird Mario Draghi forsch: "Niemand fragt mich, ob die ABS sicher sind", sagt der Präsident der Europäischen Zentralbank und lächelt herausfordernd. Offenbar habe er allen schon eingebläut, wie sicher die Papiere seien, sodass niemand mehr daran zweifle.

In der Tat lässt Draghi derzeit keinen Versuch aus, diejenigen zu überzeugen, die seinem neuesten Projekt skeptisch gegenüberstehen - und das sind einige. ABS steht für Asset Backed Securities. Dahinter verbergen sich Kredite, die von Banken zu Paketen gebündelt und als Wertpapier verkauft werden. Anfang Oktober verkündete Draghi, dass die EZB diese Kreditbündel aufkaufen werde - und zwar in großem Stil. Von mehreren Hundert Milliarden Euro ist die Rede, auch wenn offiziell keine Summe beschlossen wurde.

Von dem neuen Programm erhofft sich der EZB-Chef nach eigenen Angaben eine Belebung der Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher in der Eurozone. So soll die Wirtschaft wieder in Schwung kommen.

Doch offenbar kann Draghi die Finanzwelt nicht wirklich davon überzeugen, dass dies gelingt. Das wird auch an diesem Wochenende beim Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington deutlich.

Kritik von den Sparkassen

Gegenwind ist Draghi gewohnt. In Politik und Finanzwelt gibt es viele unterschiedliche Interessen - und als Chef einer Zentralbank von 18 Ländern, kann man es nie allen rechtmachen. Selbst dann nicht, wenn man wie Draghi im Jahr 2012 die Eurozone vor dem Auseinanderfallen gerettet hat.

Doch dieses Mal kommt die Kritik aus fast allen Richtungen. Den einen ist das Aufkaufprogramm zu gefährlich, weil die EZB den Banken damit Risiken abnimmt und sich selbst neue auflädt. Die anderen halten den Plan schlicht für wirkungslos. Richtig glücklich scheint eigentlich niemand damit zu sein. Außer Draghi.

Die heftigste Kritik bekam der EZB-Chef auch am Samstag mal wieder von den Deutschen zu hören. "Der Ansatz ist falsch", sagte Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon. Es gebe keine Probleme mit der Kreditversorgung der Wirtschaft. Ganz ähnlich sieht das auch der Präsident des privaten Bankenverbandes, Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen. Die aktuelle Geldpolitik sei "nicht zielführend", sagte Fitschen. Die Nachfrage nach Krediten werde dadurch nicht steigen.

Störung im System

Selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ließ ausrichten, die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen seien gar nicht mehr zu verbessern. Soll heißen: Draghis Aufkaufprogramm ist überflüssig. Und damit auch alle verstehen, dass er mit seiner Kritik an der Billiggeldpolitik nicht allein ist, zitierte Schäuble auch noch seinen australischen Amtskollegen. Der habe nämlich gesagt, eine lockere Geldpolitik mache die Reichen reicher und die Armen ärmer.

In der Tat sind es nicht mehr die Deutschen allein, die auf die Gefahren der dauerhaft niedrigen Zinsen hinweisen. Auch anderswo bekommt man ob der Billiggeldschwemme ein mulmiges Gefühl. Auf den Finanzmärkten würden die Investoren teilweise sehr hohe Risiken eingehen, warnt etwa Claudio Borio, Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsgleich in Basel. In der Realwirtschaft, wo eigentlich investiert werden soll, seien die Unternehmen dagegen eher risikoscheu. Borio nennt das eine Störung im System.

Selbst in den USA, wo man sich traditionell eher wenig Sorgen um zu billiges Geld macht, diskutieren die Ökonomen angesichts der jüngsten Wirtschaftserholung darüber, ob die Notenbank Fed nicht doch langsam die Leitzinsen anheben und das Geld wieder ein wenig verteuern müsste. Wenngleich die Meinungen in dieser Frage noch ziemlich auseinandergehen.

Draghi und seine EZB sind von höheren Zinsen noch Welten entfernt. Die Wirtschaft kommt einfach nicht in Schwung, die Preise steigen kaum noch. Was die Notenbank auch versucht, sie kommt bisher nicht dagegen an.

Für Draghis Kritiker ist die wirtschaftliche Schwäche ein willkommener Anlass, die bisherige Krisenpolitik grundsätzlich infrage zu stellen. "Haben wir es lediglich mit Pech zu tun oder übersehen wir vielleicht etwas in der wirtschaftlichen Analyse?", fragt Bundesbank-Chef Jens Weidmann deshalb eher rhetorisch. Bevor man immer neue Instrumente ausprobiere, solle man doch erst mal prüfen, wie diese wirken.

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