USA beim IWF-Treffen Willkommen im Club der Krisenstaaten

Wie sich die Zeiten ändern: Bei früheren Finanzgipfeln prangerten die USA die Europäer an und gaben Ratschläge in der Euro-Krise. Beim IWF-Treffen in Washington stehen nun die Amerikaner selbst in der Kritik - ihr Schuldendesaster bedroht die gesamte Weltwirtschaft.

Kapitol in Washington: Schäden für die Weltwirtschaft
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Kapitol in Washington: Schäden für die Weltwirtschaft

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Hamburg - Wenn die Vertreter der Euro-Zone sich in den vergangenen Jahren auf den Weg nach Washington machten, wussten sie schon vorher, was sie erwartete: Tadel und Zurechtweisungen. Das Krisenmanagement in der Euro-Zone? Mangelhaft. Der europäische Beitrag zur Ankurbelung der Weltkonjunktur? Unzureichend.

Auch in diesen Tagen kommen in der US-Hauptstadt wieder Finanzminister, Notenbankchefs und hochrangige Banker aus aller Welt zusammen. Neben der obligatorischen Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank stehen auch noch ein Treffen der G-20-Staaten sowie die Versammlung des Internationalen Bankenverbands IIF auf dem Programm - es sind also so etwas wie Weltfinanzfestspiele in Washington.

Doch anders als sonst fliegen die Vertreter Europas diesmal mit breiter Brust über den Atlantik. Nicht die Euro-Krise wird diesmal das Hauptthema sein, sondern die politische Krise des Gastgeberlandes. Was nicht heißt, dass sich die Lage in Europa drastisch verbessert hätte. Die vielen Unfallstellen der Euro-Rettung stehen noch immer notdürftig gesichert auf dem Kontinent herum. Aber plötzlich wirken die Gefahren in Amerika viel konkreter.

Die USA und ihre Schuldenprobleme, so die weitverbreitete Meinung, sind derzeit das größte Risiko für das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem. Sollte es den zerstrittenen Parteien im Kapitol bis zum 17. Oktober nicht gelingen, die in der Verfassung verankerte Schuldenobergrenze von 16,7 Billionen Dollar anzuheben, droht der größten Volkswirtschaft der Welt die Zahlungsunfähigkeit - der finanzkapitalistische GAU.

Entsprechend zurückhaltend dürften diesmal die Amerikaner sein, wenn es darum geht, den Partnern in Übersee Ratschläge zu erteilen. Und entsprechend selbstbewusst geben sich die Europäer.

"Das Euro-Bashing ist vorbei"

Mario Draghi, Italiener und Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), zeigte den US-Partnern am Mittwoch schon mal, wo es langgehen soll. In einer Rede an der US-Eliteuniversität Harvard wetterte der Notenbanker laut "Wall Street Journal" gegen die amerikanischen Euro-Kritiker. Wer in den USA geglaubt habe, die europäische Währungsunion sei zum Scheitern verdammt, habe die Stärke des Integrationswillens in der Euro-Zone nicht begriffen, sagte Draghi. Die Amerikaner hätten "die Tiefe der Verbundenheit der Europäer zum Euro unterschätzt." Rumms, das saß.

Dabei war es keineswegs die Euro-Liebe des alten Kontinents, die die Währungsunion gerettet hat. Sondern vor allem Draghis viel kritisierter Alleingang, mit dem er im Sommer 2012 unbegrenzte Anleihekäufe der EZB angekündigt hat.

Auch der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM, Klaus Regling, konnte sich einen Seitenhieb auf die transatlantischen Euro-Skeptiker nicht verkneifen. "Vor einem Jahr hat die Mehrheit der Marktteilnehmer hier in New York noch gedacht, den Euro wird es in fünf Jahren nicht mehr geben", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Das hört man jetzt gar nicht mehr." Und in Berliner Regierungskreisen konstatiert man erleichtert: "Das Euro-Bashing ist vorbei."

Stattdessen stehen nun die Amerikaner im Fokus der Kritik. Ob IWF, Weltbank oder der Industrieländerclub OECD - es gibt kaum eine internationale Organisation, die dieser Tage keine eindringliche Warnung für die zerstrittenen Parteien in Washington parat hat.

Sollte es den USA nicht gelingen, die Schuldengrenze zu erhöhen, würde dies nicht nur der amerikanischen Wirtschaft, sondern auch der Weltwirtschaft "ernsthaften Schaden zufügen", mahnte etwa IWF-Chefin Lagarde zur Eröffnung der Jahrestagung am Donnerstag. Die Amerikaner müssten ihre Finanzen in Ordnung bringen.

Der ungewöhnlichste Warnschuss aber kommt vom größten ausländischen Gläubiger der USA: Man beobachte das Schuldengrenzenthema sehr genau, ließ der chinesische Premierminister Li Keqiang nach einem Treffen mit US-Außenminister John Kerry ausrichten. China hält amerikanische Staatsanleihen im Wert von 1,3 Billionen Dollar.

Die Schwellenländer fürchten die Zinswende

Die Ungewissheit über das US-Schuldenlimit ist nicht das einzige Thema, wegen dem sich die Amerikaner derzeit Belehrungen anhören dürfen. Auch die Reform des IWF selbst wird von Washington verzögert. Seit Jahren kämpfen die Schwellen- und Entwicklungsländer um mehr Einfluss innerhalb des Weltwährungsfonds. Doch die USA blockieren bisher einen Beschluss, die Stimmrechte starker Wirtschaftsnationen wie Brasilien, Indien oder Indonesien anzuheben.

Und dann ist da noch die gefährliche Geldpolitik. Seit Jahren flutet die US-Notenbank die Finanzmärkte mit billigen Dollars - in der Hoffnung, die Zinsen niedrig zu halten und die Wirtschaft anzukurbeln. Seit Ende 2008 hält die Fed den Leitzins, zu dem sich Banken bei ihr Geld leihen können, quasi bei null Prozent. Zudem kauft sie stetig Staatsanleihen und Hypothekenpapiere auf.

Die Politik wirkt - doch sie birgt die Gefahr steigender Inflation. So hat der scheidende Fed-Chef Ben Bernanke bereits angedeutet, die Zeit des ultrabilligen Geldes zu beenden. Noch in diesem Jahr könnten die Anleihenkäufe gedrosselt werden.

Eine solche Zinswende hätte Auswirkungen auf Finanzströme und Wechselkurse in der ganzen Welt. So fürchten etwa viele Schwellenländer, Investoren könnten verstärkt Geld aus ihren Volkswirtschaften abziehen, um es in den USA anzulegen.

"Dieser Prozess wird beispiellos und kompliziert", warnt denn auch der Chef der IWF-Kapitalmarktabteilung, José Viñals. Die Fed müsse ihren langsamen Abschied von der Politik der extremen Niedrigzinsen "klar und zeitlich abgepasst" kommunizieren und an die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen knüpfen. Sonst könne es vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu Turbulenzen auf den Finanzmärkten kommen.

Mit Material von dpa

insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
beobachter70 10.10.2013
1. Wer findet den Fehler?
"Die fielen Unfallstellen der Euro-Rettung stehen noch immer notdürftig gesichert auf dem Kontinent herum." Herrlich!
irobot 10.10.2013
2.
"Die *fielen* Unfallstellen".
GSYBE 10.10.2013
3. mit den Nullen ist das so eine Sache...
"China hält amerikanische Staatsanleihen im Wert von 1,3 Milliarden Dollar." Ich denke da fehlen wohl 3 Nullen. Ich möchte den Damen und Herren Redakteure folgenden SPIEGEL-Artikel an´s Herz legen: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/pisa-studie-fuer-erwachsene-deutschland-schneidet-bei-piaac-schlecht-ab-a-926672.html
irobot 10.10.2013
4.
"China hält amerikanische Staatsanleihen im Wert von 1,3 *Milliarden* Dollar". Wohl eher Billionen.
Dr.pol.Emik 10.10.2013
5. Wie wäre es denn mit einem Schulden-Nobelpreis?
Damit könnte man vielleicht die Runde ein wenig erheitern und ein aussichtsreicher Kandidat ist doch auch schon da. Und wie sollte es anderes sein, wieder einmal aus dem Land der Superlative: *Schulden-Nobel-Preis,* Obama macht mehr Schulden als alle seine 43 Vorgänger zusammen (http://qpress.de/2013/08/30/schulden-nobel-preis-obama-macht-mehr-schulden-als-alle-seine-43-vorgaenger-zusammen/) … wie war das doch noch gleich? man muss in allen Dingen das positive sehen. Ich denke das ist eine asiatische Weisheit und deshalb bestimmt verpönt. Aber mal ehrlich, es gibt doch ohnehin keine Rettung. Das gilt aber nicht nur für die USA. Das liegt nun einmal am Geldsystem. Dass die USA dabei allerdings in vorderster Reihe umfallen könnten, wie es jetzt aussieht, dass hatte wohl vor Jahren noch niemand erwartet.
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