IWF-Warnung Europa hinkt dem Rest der Welt hinterher

Der Internationale Währungsfonds warnt vor einer zunehmend ungleichen Entwicklung der Weltwirtschaft. Während die Schwellenländer kräftig wachsen und die USA sich erholen, droht Europa den Anschluss zu verlieren. Vor allem Frankreich macht den Experten Sorgen.
Pariser Geschäftsviertel La Defense: Frankreich ist das neue Sorgenkind

Pariser Geschäftsviertel La Defense: Frankreich ist das neue Sorgenkind

Foto: DPA

Washington/Berlin - Die Schuldenkrise im Euro-Raum ist laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) die größte Gefahr für die Weltwirtschaft. Während die Schwellenländer kräftig wüchsen und die Wirtschaft der USA sich stabil zeige, bleibe die Euro-Zone in der Rezession stecken, prognostizierte der IWF am Dienstag in seinem Wirtschaftsausblick. Europa läuft demnach Gefahr, abgehängt zu werden.

Ein Grund für den Pessimismus der Experten ist Frankreich. Das Land droht in die Rezession abzugleiten. Dem Kernland der Euro-Zone sagt der IWF für 2013 eine um 0,1 Prozent schrumpfende Wirtschaftsleistung voraus: "Dies könnte Fragen aufwerfen hinsichtlich der Fähigkeit der Kernländer, den Randstaaten bei Bedarf zu helfen."

Mittelfristig drohe der Euro-Zone eine andauernde Stagnationsphase. EZB-Chef Mario Draghi rechnet erst in der zweiten Jahreshälfte mit einer konjunkturellen Erholung: "Aber dieses Szenario ist mit Abwärtsrisiken behaftet", warnte der oberste Hüter des Euro vor dem Europäischen Parlament.

Der Europäischen Zentralbank (EZB) legt der IWF eine geldpolitische Lockerung nahe, da in etlichen Krisenländern am Rande der Euro-Zone die Zinsen noch zu hoch seien. Der EZB-Rat hatte auf der jüngsten Zinssitzung Anfang April intensiv über eine Senkung gesprochen, aber im Konsens entschieden, die Zinsen vorerst nicht anzufassen. Die Betonung der Abwärtsrisiken für den Konjunkturausblick beim Auftritt Draghis in Straßburg lässt darauf schließen, dass das Thema Zinssenkung für die EZB weiter aktuell ist.

Der IWF empfiehlt Staaten wie Deutschland, denen es finanzpolitisch relativ gut gehe, ihre Spielräume zu nutzen. Er erhöhte seine Wachstumsprognose für Deutschland für das laufende Jahr leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 0,6 Prozent und rechnet für 2014 mit einem Plus von 1,5 Prozent. Für den gesamten Euro-Raum erwartet der IWF im laufenden Jahr ein Minus von 0,3 Prozent.

Frankreich fordert Lohnerhöhungen in Deutschland

IWF-Chefökonom Olivier Blanchard nannte die Lage in Europa "besorgniserregend". "Wir müssen alles tun, was möglich ist, um die private Nachfrage zu steigern." Zudem müsse der Bankensektor weiter gestärkt werden.

Statt der bisherigen Zweiteilung der Weltwirtschaft kristallisiere sich immer mehr eine "Erholung mit drei Geschwindigkeiten" heraus, so Blanchard. Die Kombination aus Haushaltskürzungen, Exportrückgängen und geringer Zuversicht ließe Europa sichtlich hinter den Rest zurückfallen. Das seien schlechte Nachrichten für alle, weil "die Welt so sehr miteinander verwoben ist", führte der Volkswirt aus. "Die Weltwirtschaft ist gewissermaßen so schwach wie ihr schwächstes Glied."

Die Regierung in Paris hat Reformbedarf eingeräumt und will sich dabei von den vor zehn Jahren in Deutschland eingeleiteten Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 anregen lassen. Dennoch sieht Industrieminister Arnaud Montebourg zur Überwindung der wirtschaftlichen Ungleichgewichte in Europa primär Deutschland am Zug: Dort müsse es kräftige Lohnerhöhungen geben, forderte der sozialistische Politiker in der "Rheinischen Post". Die deutsche Wirtschaft habe sich über viele Jahre mit Lohnzurückhaltung einen Wettbewerbsvorteil verschafft und heute einen gewaltigen Exportüberschuss gegenüber seinen Partnern.

Das Thema ökonomische Ungleichgewichte dürfte auch bei der Frühjahrstagung des IWF und der Weltbank am Wochenende in Washington zur Sprache kommen. Laut IWF führt der Weg in Italien und Spanien dieses Jahr noch tiefer in die Rezession.

Anders als Europa sagte der IWF den USA ein solides Wachstum voraus. Japan werde wegen seiner extrem expansiven Geld- und Fiskalpolitik deutlich an Wachstumskraft gewinnen. In China bleibe es trotz minimaler Einbußen bei hohen Zuwachsraten. Das Bruttoinlandsprodukt war dort von Januar bis März allerdings nur um 7,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen - nicht so stark wie erwartet.

Weltweit wird das Wirtschaftswachstum nach Einschätzung des IWF in diesem Jahr 3,3 Prozent betragen - das ist nur etwas weniger, als der Währungsfonds noch im Januar erwartet hatte. Im kommenden Jahr wird das Wachstum demnach 4,0 Prozent betragen. Damit bleibt der IWF bei seiner Prognose vom Januar.

stk/Reuters/AFP